Er ging in die Filmgeschichte ein als der „Meister der Spannung“: In einem Film Spannung aufzubauen, die den Zuschauer an den Kinosessel fesselt, ist ein wahres Handwerk. Alfred Hitchcock bewies im Laufe seiner Karriere unzählige Male, das er dieses Handwerk wie kein anderer vor ihm beherrschte.
Hitchcock wusste, dass ein Film, der von Dialogen alleine lebte, für das Publikum unendlich langweilig war: Ein typischer Hitchcock-Film lebte von den Blicken, die zwei Schauspieler während eines Dialogs austauschten und vor allem von einem: Von den Emotionen, die Hitchcock bei den Zuschauern zum Vorschein brachte. Typisch für Hitchcock war auch, dass er die Zuschauer mit seiner Regiearbeit bis zum letzten Augenblick im Unklaren über den weiteren Verlauf der Filmhandlung ließ – ein Hitchcock-Film ist fast immer unberechenbar. 

Jack the Ripper

Alfred Hitchcock wuchs in einem Londoner Viertel auf, in dem zehn Jahre vor seiner Geburt im Jahre 1899 der Serienkiller Jack the Ripper sein Unwesen trieb: Unabhängig davon, wie viel Wahres an der Geschichte rund um Jack the Ripper dran ist, war Hitchcocks Jugend ohne Frage geprägt von den Mythen rund um den mysteriösen Serienkiller. Die Zeitungen, damals die einzige Informationsquelle, waren übersät von Geschichten über Jack the Ripper und riefen beim jungen Hitchcock sicherlich den ein oder anderen Angstzustand hervor. Ob er diese Angstzustände später in seinem Filmen, die sich nicht selten um Mord drehten, verarbeitete? Für die Hitchcock-Filme gibt es zahlreiche Interpretationsansätze, die sich auf die Biographie des Regisseurs selbst stützen, um die Filme psychologisch zu erklären.
Anfang der 1920er war Alfred Hitchcock bei der englischen Niederlassung der amerikanischen Filmvertriebsgesellschaft Famous Players–Lasky dafür zuständig, in Stummfilmen die Zwischentitel zu entwerfen. Zwischentitel waren Texteinblendungen in Stummfilmen, die den Zuschauer, falls nötig, mit den Dialogen zwischen den Charakteren vertraut machten. 

In den Dreißigern etablierte sich Hitchcock als gefragter Filmregisseur im Vereinigten Königreich.

Arbeit beim Stummfilm

Nachdem Famous Players–Lasky ihre britische Niederlassung schlossen, arbeitete Hitchcock als Assistenzregisseur und Drehbuchautor für unabhängige Filmproduktionen. Während dieser Zeit lernte Hitchcock einen Großteil seines Handwerks, das ihn später zum „Meister der Spannung“ qualifizierte: Bis der Regisseur einen Film drehen sollte, der auch nur annähernd internationale Anerkennung fand, sollte es noch fast ein ganzes Jahrzehnt dauern.
In den Dreißigern etablierte sich Hitchcock als gefragter Filmregisseur im Vereinigten Königreich:
Wurde das erste Filmprojekt, das er plante zu realisieren, noch wegen einem unzureichenden Budget wieder eingestellt, erfreuten sich seine Werke in Fachkreisen und beim Publikum im Laufe der Jahre immer größerer Beliebtheit. Kritiker sind bis heute der Meinung, mit seiner Herangehensweise an verschiedene Aspekte der menschlichen Natur – darunter Angst, Eifersucht und Neugierde – schaffte er es, dass sich viele mit seiner Kunst identifizieren konnten. 

Cameo-Auftritte als Markenzeichen

Zu dieser Zeit entwickelte Alfred Hitchcock eines seiner berühmtesten Markenzeichen: Den obligatorischen Cameo-Auftritt von sich selbst, den Hitchcock in beinahe jedem seiner Filme einbaute. Ein Hitchcock-Film, in dem der Regisseur nicht selbst einmal vor der Kamera kurz auftaucht, ist kein Hitchcock-Film: Mit diesen Auftritten stellte der Regisseur in jedem Film kurz zur Schau, wer die künstlerische Verantwortung für den Film trägt und für die Realisierung hauptsächlich verantwortlich zeichnet.
1934 wurde Alfred Hitchcock von der britischen Filmvertriebsgesellschaft Gaumont-British unter Vertrag genommen: Seine erste Arbeit für Gaumont-British, Der Mann, der zuviel wusste [The Man Who Knew Too Much, 1934] wurde zugleich Hitchcocks erster internationaler Erfolg.
Der Film zeigte den deutschen Schauspieler Peter Lorre in seiner ersten englischsprachigen Rolle.
In den kommenden fünf Jahren realisierte Hitchcock zahlreiche britische Filmproduktionen, die zu großen Erfolgen avancierten. 

Mit dem Weggang Hitchcocks nach Hollywood verlor die britische Filmindustrie einen ihrer großen Regisseure.

Eine einzige Kulisse war genug

Hitchcocks große Erfolge in Großbritannien erweckten die Aufmerksamkeit des Hollywood-Produzenten David O. Selznick, der einen längerfristigen Vertrag mit dem Regisseur anstrebte. Als Hitchcock 1940 seinen ersten Hollywood-Psychothriller Rebecca drehte und damit den Academy Award für den besten Film abräumte, wurde eines klar: Mit dem Weggang Hitchcocks nach Hollywood verlor die britische Filmindustrie einen ihrer großen Regisseure.
Im Psychothriller Verdacht [Suspicion, 1941] arbeitete Hitchcock zum ersten Mal mit Cary Grant zusammen: Cary Grant war in den folgenden Jahren einer von Alfred Hitchcocks Lieblingsschauspielern. Egal, welches Projekt Hitchcock realisieren wollte, Cary Grant schien häufig der geeignete Schauspieler für eine der Hauptrollen. 
Hitchcock beschritt mit seinen Filmen nicht selten neue Wege: So spielte der Thriller Cocktail für eine Leiche [Rope, 1948] mit James Stewart in der Hauptrolle ausschließlich in einem einzigen Raum. Der Regisseur zeigte mit solchen Projekten, dass man für einen spannenden Film keinesfalls viele Kulissenwechsel brauchte: Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Hitchcock einen Film mit nur einer Kulisse drehte.

Leinwandlegenden 

Anfang der Fünfziger unterzeichnete Hitchcock einen Vertrag mit Warner Brothers: In Die rote Lola [Stage Fright, 1950] mit Marlene Dietrich in der Hauptrolle stellte Hitchcock sein Können als Regisseur unter Beweis. Zum ersten Mal seit langem drehte er außerdem wieder einen Film im Vereinigten Königreich.
Hitchcock zeigte, dass er arrivierte Leinwandlegenden wie Marlene Dietrich perfekt in Szene setzen konnte: Doch konnte er auch neue Leinwandlegenden schaffen?
Mit der Schauspielerin Grace Kelly hatte Alfred Hitchcock Mitte der Fünfziger eine Schauspielerin gefunden, die perfekt zu seinen Vorstellungen passte: Zwar war Grace Kelly zum damaligen Zeitpunkt bereits mit dem Oscar ausgezeichnet worden, doch einen Legendenstatus hatte sie noch nicht. Darum kümmerte sich nun Alfred Hitchcock: In den Fünfzigern spielte Grace Kelly in drei Hitchcock-Filmen mit, Bei Anruf Mord [Dial M for Murder, 1954], Das Fenster zum Hof [Rear Window, 1954] und Über den Dächern von Nizza [To Catch a Chief, 1955]. Zwischen Grace Kelly und Alfred Hitchcock entwickelte sich eine professionelle Partnerschaft der besonderen Art: Die beiden Filmschaffenden harmonierten miteinander wie kein anderes Schauspieler-Regisseur-Gespann dieser Zeit. Hitchcock soll für Kelly nicht nur ein Regisseur gewesen sein, sondern auch ein Lehrer für die Arbeit beim Film. 

Mit Grace Kelly hatte Hitchcock eine Schauspielerin von Eleganz gefunden.

Eine Schauspielerin von Eleganz

Besonders der Film Das Fenster zum Hof, der erneut mit nur einer Kulisse arbeitete, ging in die Annalen ein als einer der bemerkenswertesten Filme aller Zeiten. In den Fünfzigern war der Regisseur auf dem kreativen Höhepunkt seiner Karriere.
Über Schauspielerinnen sagte Hitchcock:

„Als Regisseur habe ich festgestellt, dass eine Schauspielerin mit der Qualität der Eleganz leicht auf der Skala nach unten gehen und weniger gehobene Rollen spielen kann. Aber eine Schauspielerin ohne Eleganz, so kompetent sie auch sein mag, kann kaum auf der Skala nach oben gehen… Ihr fehlt es an Variationsbreite als Schauspielerin, weil ihr es an Bandbreite als Person fehlt. Eine Frau von Eleganz hingegen wird Sie immer wieder überraschen.“
[Original: “As a movie director, I have found that an actress with the quality of elegance can easily go down the scale to portray less exalted roles. But an actress without elegance, however competent she may be, can hardly go up the scale… She lacks the range as an actress because she lacks the range as a person. A woman of elegance, on the other hand, will never cease to surprise you.“]

Quelle: Jorgensen, Jay & Bowman, Manoah: Grace Kelly – Hollywood Dream Girl, 2017 HarperCollins

Mit Grace Kelly hatte Hitchcock eine Schauspielerin von Eleganz gefunden: Als die Schauspielerin ihre „neue Rolle“ als Fürstin von Monaco antrat, tat sich der Regisseur schwer, jemals einen Ersatz für sie zu finden. Einen Ersatz für Grace Kelly zu finden war schlichtweg nicht möglich.

Meister des Kinos

Alfred Hitchcock wusste stets, wie er sich selbst vermarkten musste: Mit der Serie Alfred Hitchcock Presents (1955–1965), in deren Episoden meist von Hitchcock ausgewählte Verfilmungen von Kurzgeschichten gezeigt wurden, steigerte der Regisseur seine Popularität enorm. Mit der Serie wurde der Name Alfred Hitchcock ebenfalls dem Fernsehpublikum ein Begriff – um Hitchcock zu erleben musste man jetzt nicht mehr ins Kino gehen.
Wie so oft in seiner Karriere machte sich der Meister der Spannung damit eine technische Neuerung zunutze: Technische Neuerungen spielten immer eine große Rolle in Alfred Hitchcocks kreativem Schaffen als Filmregisseur.
Spätere Werke von Hitchcock als Regisseur umfassen Vertigo – Aus dem Reich der Toten [Vertigo, 1958], Der unsichtbare Dritte [North by Northwest, 1959] und Die Vögel [The Birds, 1963].
Der Meister des Kinos zeigte im Laufe seiner Karriere, wie man das Maximum aus dem Medium Film herausholen kann: Die Motive seiner Filme beschäftigen Begeisterte seiner Filme bis heute.
Aus einem Londoner Jungen, der Angst vor Jack the Ripper hatte, wurde einer der bedeutendsten Filmregisseure überhaupt.

Simon von Ludwig


Maßgebliche Quellen: Hitchcocks Eintrag in der Encyclopedia Britannica & Jorgensen, Jay & Bowman, Manoah: Grace Kelly – Hollywood Dream Girl, 2017 HarperCollins

Beitragsbild: Alfred Hitchcock in St. Moritz, 03.01.1959
Bildnachweis: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Gerber, Hans / Com_L08-0004-0002-0001 / CC BY-SA 4.0


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