Alec Guinness und Grace Kelly hatten eine Tradition der besonderen Art: Nachdem die beiden in Der Schwan [The Swan, 1956] Seite an Seite gespielt hatten, entwickelte sich zwischen den beiden ein kurioser Brauch. Während des Drehs von Der Schwan hatte ein Angehöriger eines nordamerikanischen Indianerstammes ein Tomahawk, die Streitaxt eines Indianers, mitgebracht und sie Alec Guinness überreicht. Da das Tomahawk für sein Gepäck zu schwer war, bat er kurzerhand den Portier seines Hotels darum, das Tomahawk in Grace Kellys Hotelzimmer zu schmuggeln und sie so zu erschrecken. Bewohner des Hotels berichteten an jenem Abend von einem lauten Schrei aus Grace Kellys Hotelzimmer.
Wann immer die beiden in den kommenden Jahrzehnten gleichzeitig in der gleichen Stadt waren, schmuggelte der eine dem anderen ein Tomahawk ins Hotelzimmer. Nach Der Schwan, einem der letzten Grace Kelly-Filme, blieben die beiden durch die Tomahawk-Geschichte in ständigem Kontakt. 

Obi-Wan Kenobi

Alec Guinness verewigte sich mit seiner Rolle des Obi-Wan Kenobi in Krieg der Sterne [Star Wars, 1977]: Infolge dieser Rolle wurde er häufig gefragt, ob er nun ein reicher Mann sei. Obwohl seine Rolle in Star Wars ihn besonders für die damals jungen Generationen zu einem bekannten Schauspieler machte, legte er immer Wert darauf, nicht auf die Rolle des Obi-Wan Kenobi reduziert zu werden. Er sei niemals ein reicher Mann gewesen, schrieb er in seinen Memoiren.
Verglichen mit streikenden Bergarbeitern und arbeitslosen Schauspielern sei er zwar sehr reich, schrieb er in seinen Memoiren, aber verglichen mit erfolgreichen Börsenmaklern und Geschäftsmännern sei er finanziell gesehen ein armer Mann.
Es ist genau dieser Weitblick, den Alec Guinness als Schauspieler auszeichnete: Seine Rollen brillierten nicht durch Schwarz-Weiß-Denken, sondern durch umsichtiges Handeln und Realitätsbewusstsein. Sein Reichtum war die Vielfalt seiner schauspielerischen Interpretationen.

Mit dem Regisseur David Lean verband Alec Guinness eine besondere berufliche Beziehung.

Im Chaos geboren

Er sei im Chaos geboren worden, schreibt Guinness in seiner Autobiographie: Bis zum Alter von 14 Jahren habe er drei verschiedene Namen gehabt und in 30 verschiedenen Hotels gelebt. Er spekulierte ein Leben lang, wer sein Vater wohl gewesen sein könnte – seine Mutter äußerte sich nie dazu.
Wie viele andere britische Schauspieler seiner Generation begann Alec Guiness seine Karriere am klassischen Theater: Als Ensemblemitglied des legendären Old Vic Theatre, dem Guinness 1936 beitrat, sammelte er seine ersten schauspielerischen Erfahrungen.
Zu seinen Einflüssen zu dieser Zeit zählte unter anderem der Komiker Stan Laurel, den Guinness sehr bewunderte.
Mit dem Regisseur David Lean verband Alec Guinness eine besondere berufliche Beziehung: David Lean entdeckte Guinness 1939 bei einer Theateraufführung von Great Expecations (Charles Dickens). Damals war David Lean noch unbekannt: Doch er wusste, wenn sich die Möglichkeit ergeben würde, würde er das Bühnenstück eines Tages verfilmen. Mit dem Film Geheimnisvolle Erbschaft [Great Expectations, 1946], in dem Lean Regie führte und Guinness eine der Hauptrollen spielte, feierten beide ihren Durchbruch.

Prinz Faisal

Guinness galt als ein Schauspieler, der wie kaum ein anderer zig verschiedene Rollen überzeugend spielen konnte. Es war ihm sogar möglich, Rollen zu spielen, die einer anderen Ethnie angehörten, als er selbst: In Lawrence von Arabien [Lawrence of Arabia, 1962] spielte er an der Seite von Peter O’Toole die Rolle des irakisch-syrischen Prinzen Faisal.
Nicht ohne Grund wurde Alec Guinness als „Mann der tausend Gesichter“ bezeichnet: Guinness war nicht zuletzt deshalb so beliebt als Charakterdarsteller, weil er sich durch ein umfassendes Rollenrepertoire auszeichnete, das nicht einmal vor ethnischen Grenzen zurückschreckte.
Während des Drehs von Lawrence von Arabien in Jordanien soll Alec Guiness Einheimische getroffen haben, die die historische Figur des Prinz Faisal kannten und den Schauspieler für den 1933 verstorbenen Prinzen hielten. Ursprünglich war Laurence Olivier für die Rolle vorgesehen gewesen. Als dieser von der Rolle Abstand nahm, gab der Regisseur David Lean Alec Guinness die Rolle. In Doktor Schiwago [Doctor Zhivago, 1965] spielte Alec Guinness erneut unter der Regie von David Lean. Das Liebesdrama, das sich um den russischen Arzt Dr. Juri Schiwago (Omar Sharif) dreht und in der Zeit rund um die Oktoberrevolution 1917 spielt, räumte fünf Oscars ab. 

Ealing-Komödien

Auch für den Film Die Brücke am Kwai [The Bridge on the River Kwai, 1957] arbeiteten Alec Guinness und David Lean zusammen. Die Brücke am Kwai bescherte Alec Guinness seinen ersten nachhaltigen Erfolg als Charakterdarsteller: Spätestens mit der Kriminalkomödie Adel verpflichtet [Kind Hearts and Coronets, 1949] feierte Guinness seinen internationalen Durchbruch. Es war eine der ersten klassischen Ealing-Komödien der britischen Ealing Studios. Im Laufe des Films schlüpft er in sage und schreibe acht verschiedene Rollen, die sich alle nur insofern gleichen, als dass sie Mitglieder der gleichen britischen Adelsfamilie sind, die sich in einer Erbschaftskrise befindet.
Seine Rolle in Adel verpflichtet sollte nicht Alec Guinness’ letzte Rolle in einer Ealing-Komödie bleiben: In Ladykillers (1955) spielte Guinness erneut in einer Ealing-Komödie.
Unter der Regie von David Lean spielte Alec Guinness regelmäßig hochkarätige Charakterrollen: Besonders war, dass Alec Guinness nicht die Hauptrolle in einem Film spielen musste, um die Handlung maßgeblich mitzutragen. 

Obwohl Alec Guinness großen Erfolg als Filmdarsteller hatte, blieb er immer mit den Brettern, die die Welt bedeuten, verbunden.

Umfangreiches Repertoire

Im starbesetzten Historiendrama Der Untergang des Römischen Reichs [The Fall of the Roman Empire, 1964] spielte Alec Guinness an der Seite von Sophia Loren die Rolle des römischen Kaisers Marcus Aurelius.
Obwohl Alec Guinness großen Erfolg als Filmdarsteller hatte, blieb er immer mit den Brettern, die die Welt bedeuten, verbunden: Bis 1988 trat Alec Guinness regelmäßig in Theaterproduktionen auf. Viele dieser Theaterproduktionen waren Shakespeare-Produktionen, andere waren die Grundlage für spätere Filmadaptionen.
Ab den 1970ern wurden mehr und mehr Charakterrollen in hochkarätigen Produktionen mit den Schauspielern der nächsten Generation besetzt, darunter Richard Burton oder Peter O’Toole. Mit Star Wars erlebte Alec Guinness 1977 ein großes Comeback, seine Figur trat auch in den nachfolgenden Star Wars-Teilen auf. Guinness schreckte aber stets von der immensen öffentlichen Aufmerksamkeit, die sich rund um Star Wars entwickelte, zurück: Er befürchtete gar, auf diese eine Rolle reduziert zu werden und betonte stets – zurecht – seine Charakterrollen, die er in den Fünfzigern und Sechzigern zuhauf spielte. 

Offenheit gegenüber neuen Rollen

Dank seines großen Rollenrepertoires als Theater- und Filmschauspieler war Alec Guinness einer der profiliertesten Filmschauspieler des 20. Jahrhunderts: Obwohl er es stets befürchtete, lief er niemals Gefahr, auf eine einzelne Rolle reduziert zu werden. Zu komplex und unterschiedlich waren die Rollen, die er spielte: So setzte er zum Ende seiner Karriere mit der Science-Fiction-Produktion Star Wars einen Akzent in seinem Rollenrepertoire, der es schließlich gänzlich unmöglich machte, ihn auf eine einzelne Rolle festzulegen.
Zunächst hatte er überhaupt nicht vor, in einer Science-Fiction-Produktion mitzuspielen, sagte er später in einem Interview. Doch als der das Script von Star Wars zu lesen bekam und nach der ersten Seite unbedingt wissen musste, wie es weiterging, stand fest: Diese Rolle musste er annehmen. Auch wenn sie vermeintlich gar nicht in sein bisheriges Rollenrepertoire hineinpasste.

Simon von Ludwig


Maßgebliche Quelle: Guinness, Alec: Blessings in Disguise, 1986 Alfred A. Knopf

Cover picture: © Simon von Ludwig


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