Wegen ihrer Rolle in der gleichnamigen Filmreihe aus den Fünfzigern wurde sie von einem großen Publikum als junge Kaiserin Sissi identifiziert: Dabei war Romy Schneider mehr als die Kaiserin Sissi. Schneider entstammte einer Schauspielerfamilie – ihre erste Filmrolle erhielt sie 1953 in Wenn der weiße Flieder wieder blüht an der Seite ihrer Mutter Magda Schneider.
In jungen Jahren besuchte Romy Schneider das religiös geprägte Internat Goldenstein in Österreich, das in einem Schloss aus dem 14. Jahrhundert beherbergt ist: Hildegard Knef zieht in ihrer Biographie über Romy Schneider eine ernüchternde Bilanz dieser Zeit. Es sei Schneiders „Erste Begegnung mit gletscherkalter Einsamkeit“ gewesen, wie Knef beschreibt. Der Fokus ihrer Ausbildung habe auf religiösen Aspekten gelegen, auf ihr schauspielerisches Talent sei anfangs zwar eingegangen worden, aber später sei es dann unterdrückt worden. Ihr sei unter anderem vorgeworfen worden, dass ihre Mutter in „nicht jugendfreien“ Filmen mitwirkte – die sogenannte „Sittsamkeit“ wurde großgeschrieben in Romy Schneiders Ausbildung. 

Für immer Sissi 

Ohne jedwedes schauspielerisches Training vermittelte die Mutter ihrer Tochter nach der Schulzeit dann die erste Filmrolle – es muss wie ein Sprung ins kalte Wasser gewesen sein. Zwar hatte sich Romy Schneider zum Ziel gesetzt, eines Tages eine bekannte Schauspielerin zu werden, doch der Weg sollte nicht gerade einfach werden. Ihre bekannte Mutter konnte ihr, abgesehen von der Vermittlung ihrer ersten Filmrolle, nur bedingt helfen.
1955 verkörperte Romy Schneider die Rolle der jungen Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn im Historienfilm Sissi: Der Film war so erfolgreich, dass man zwei Fortsetzungen von dem Historiendrama drehte. Schon bei den Dreharbeiten zum letzten Film der Sissi-Trilogie war die Stimmung bei Romy Schneider auf einem Tiefpunkt angekommen: Die heranwachsende Schauspielerin – bei den Dreharbeiten zum ersten Sissi-Film war Schneider 16 Jahre alt – ahnte womöglich, dass sie das Image der Sissi nie wieder loswerden würde. Dabei ließ ihr schauspielerisches Talent zu, ein breites Repertoire an Rollen zu spielen – nicht nur die Rolle einer Angehörigen des Hochadels. 
Einen vierten Sissi-Film schloss Schneider kategorisch aus, obwohl man ihr eine astronomische Gage über eine Million Mark angeboten haben soll. 

Das deutsche Publikum hatte Romy Schneider als Sissi abgestempelt – ihre einzige Hoffnung war, sich in der internationalen Filmwelt einen Ruf zu erarbeiten.

Luchino Visconti

Obwohl die Sissi-Trilogie bis heute eine der am häufigsten gezeigten Filmreihen aus den Fünfzigern ist, wurde die Rolle zum Verhängnis für Romy Schneider: Viele ihrer nächsten Filme, die ganz und gar nicht dem Klischee der Sissi entsprachen, wurden von der deutschen Kritik verrissen. Besonders das deutsche Publikum hatte Romy Schneider als Sissi abgestempelt – ihre einzige Hoffnung war, sich in der internationalen Filmwelt einen Ruf zu erarbeiten.
Erst in den 1960ern sollte ihr das gelingen: Durch ihren Verlobten Alain Delon lernte Romy Schneider den renommierten Film- und Opernregisseur Luchino Visconti kennen. Bei einem gemeinsamen Essen mit Visconti bot ihr der Regisseur eine Rolle in dem Theaterstück Schade, daß Du eine Dirne bist an, in dem Alain Delon die Hauptrolle spielen sollte. Das Theaterstück wurde auf einer Pariser Bühne dargeboten – da Romy Schneider kein Französisch sprach, war sie zunächst alles andere als angetan davon, auf einer französischen Bühne zu stehen. Außerdem war ihre Mutter der Meinung, egal wie viele Filmerfolge sie jetzt noch einfuhr, sie sollte unbedingt an eine Provinzbühne gehen, um ihren Beruf „richtig“ zu erlernen. Visconti überzeugte Schneider jedoch davon, die Rolle im Theaterstück zu übernehmen und schickte die Schauspielerin für einige Wochen nach Paris, damit sie die französische Sprache erlernte.

In einem „Jaguar“ weint es sich besser als in einer Straßenbahn

Mit Luchino Visconti sollte Romy Schneider in den folgenden Jahren wieder zusammenarbeiten, unter anderem für den Episodenfilm Boccaccio 70 (1962) oder den Historienfilm Ludwig II. (1972). Von dem Gedanken, weiterhin in Deutschland Filme zu drehen, trennte sich Romy Schneider schon bald: Offenbar konnte sich das deutsche Publikum Romy Schneider nur in einer kaiserlich-königlich angehauchten Rolle vorstellen. Hildegard Knef erörtert in ihrer Biographie über Romy Schneider, dass die Schauspielerin fortan gezwungen war, um Deutschland einen großen Bogen zu machen – wenn Schneider nicht im Gewand der jungen Kaiserin Sissi erscheinen wollte, war sie nicht willkommen.
Einen sicheren Hafen als Schauspielerin fand Romy Schneider in den folgenden Jahren in Frankreich: Dort spielte sie 1962 in Orson Welles’ Kafka-Verfilmung Der Prozeß [Le procès] mit. Unabhängig davon, wie unglücklich Romy Schneider damit war, im deutschsprachigen Raum keine Filme mehr drehen zu können: Gemäß dem Grundsatz von Françoise Sagan, in einem „Jaguar“ weine es sich besser als in einer Straßenbahn, führte Romy Schneider ein Leben frei von materieller Knappheit. 

Sie konnte sich die Filme aussuchen, in denen sie mitspielte.

Der Swimmingpool 

In der Filmkomödie Was gibt’s Neues, Pussy? [What’s New, Pussycat?, 1965] spielte Romy Schneider an der Seite von Peter O’Toole und Peter Sellers.
Zu einem weiteren bekannten Romy Schneider-Film der Sechziger zählt Der Swimmingpool [La Piscine, 1969]: Obwohl ihre Affäre mit Alain Delon längst vorüber war, gab sie an seiner Seite in dem Thriller die Rolle der Marianne zum Besten.
In den Siebzigern avancierte Romy Schneider zur Grande Dame des französischen Films: So spielte sie unter anderem im Drama César und Rosalie [César et Rosalie, 1972] an der Seite von Yves Montand. Zu diesem Zeitpunkt stand Romy Schneider ohne Frage auf dem künstlerischen Höhepunkt ihrer Karriere. Sie konnte sich die Filme aussuchen, in denen sie mitspielte: Sie sagte zu dieser Zeit selbst, dass sie sich die Rosinen unter den Rollenangeboten herauspickte. Der Mittelpunkt von Romy Schneiders Schauspielkarriere lag von nun an ausschließlich in Frankreich: Der Anspruch der deutschen Filmbranche, Romy Schneider müsse stets eine der Sissi ähnliche Rolle spielen, hielt sie Zeit ihres Lebens davon ab, noch einmal in Deutschland zu drehen. 

Aus Deutschland vertrieben – in Frankreich willkommen

Obwohl die Rolle der Sissi Romy Schneiders Aufstieg zum Star bedeutete, stand die Rolle wie ein schlechtes Omen über ihrer gesamten Karriere: Besonders das deutsche Publikum konnte sich Schneider in keiner anderen Rolle mehr vorstellen und gab der Schauspielerin keine Chance, sich abseits des königlich-kaiserlichen Rollenfachs zu beweisen. Im französischen Film der Siebziger verkörperte Romy Schneider einen modernen Frauentypus: Ihr Image aus den Siebzigern hatte wenig zu tun mit dem Sissi-Image der Fünfziger. Zum Höhepunkt ihrer Karriere war aus Romy Schneider eine Französin geworden: Schneider identifizierte sich mit der französischen Lebensweise und trennte sich beinahe komplett von ihren deutschsprachigen Wurzeln. Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass man Romy Schneider aus Deutschland „vertrieb“, wie der Filmwissenschaftler Werner Sudendorf später in einem Essay darlegte: Romy Schneider wollte nicht über ihre gesamte Karriere hinweg auf eine einzige Rolle reduziert werden.
Bis heute herrscht die Meinung vor, dass Romy Schneider ihr schauspielerisches Talent nie ganz ausnutzte – die Lehrjahre auf der Provinzbühne, die ihre Mutter ihr ans Herz legte, absolvierte sie nie. Nichtsdestotrotz hat Romy Schneider einen festen Platz in der französischen Filmgeschichte – die Franzosen schlossen Schneider als Grande Dame des Films ins Herz. 

Simon von Ludwig


Maßgebliche Quelle: Knef, Hildegard: Romy Schneider. Betrachtung eines Lebens, Moewig Verlag 2007

Beitragsbild: Filmpremiere im Palais Garnier, Paris „Der Kardinal“ mit Romy Schneider und Anthony Quinn
Bildnachweis: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Metzger, Jack / Com_L12-0401-5028 / CC BY-SA 4.0


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