Es heißt, ohne seine Arbeit wären die ersten James Bond-Filme nicht mehr als „durchschnittliche Agententhriller“ gewesen: Ian Flemings James Bond-Romane lieferten zwar die Grundlage für die 007-Filme, doch ein Roman alleine macht noch keinen Film. Ken Adam erhielt bei den James Bond-Filmen die Möglichkeit, das äußere Erscheinungsbild eines neuen Franchise von Grund auf neu zu erschaffen: Dabei setzte er Maßstäbe, die bis heute gelten. Die James Bond-Filme zeichnen sich nicht nur alleine durch die Hauptdarsteller oder alleine durch die Geschichte aus: Die Filmsets sind ein großer Teil des Erfolgsrezepts der James Bond-Filme. Was Ian Fleming in seinen James Bond-Romanen zu Papier brachte, setzte Ken Adam mit seinen Produktionsdesigns in filmische Realität um: In gewisser Hinsicht wurde der Produktionsdesigner zum Co-Autor von James Bond, denn basierend auf Flemings Romanen schuf er das Image des britischen Geheimagenten, wie es bis heute bekannt ist. Ken Adam zählt als Produktionsdesigner zu einer Gruppe an Filmschaffenden, die äußerst selten auf einem Filmplakat namentlich erwähnt werden  – dabei war es seinem kreativen Einfluss zu verdanken, dass der erste James Bond Film Dr. No (1962) nicht einfach nur ein weiterer Agententhriller wurde… 

Der „Hauch des Utopischen“ wurde Ken Adams Erkennungsmerkmal.

Der Hauch des Utopischen

Alexander Smoltczyk führt in seiner Biographie über Ken Adam aus, dass es exakt die 34. Minute sei, in welcher der erste Bond-Film Dr. No aufhöre, „ein mittelmäßiger Agententhriller zu sein“: Es ist die Tarantel-Szene, in der Dr. No seinen Handlanger Professor Dent dazu anweist, James Bond mithilfe einer Tarantel außer Gefecht zu setzen. 
Bei dieser – laut Adam ursprünglich gar nicht eingeplanten Szene – bekommt der Zuschauer zum ersten Mal zu sehen, wodurch sich der erste James Bond-Film von allen anderen damals gedrehten Filmen abhob: Anstatt an dieser Stelle mit einem ausgefallenen Produktionsdesign aufzuwarten, setzte Adam auf schonungslos reduziertes Design: Das mag unter anderem damit zusammengehangen haben, dass Adam für dieses Produktionsdesign nur noch spärliche 450 Pfund übrig geblieben waren. Doch diese 450 Pfund waren bestens angelegt: Ein Set, das sich aus einem Tisch, einem Stuhl und einer Tarantel zusammensetzte, verlieh dem ersten Bond-Film ab der 34. Minute einen Hauch des Utopischen: Dieser „Hauch des Utopischen“ wurde Ken Adams Erkennungsmerkmal und zeichnete fortan das Produktionsdesign zahlreicher James Bond-Filme aus. 
Doch nicht nur das James Bond-Franchise profitierte von Ken Adams Designkunst… 

Kultureller Haushalt

Der 1921 in Berlin als Klaus Hugo Adam geborene Sohn eines Berliner Warenhauseigentümers zeigte schon in sehr jungen Jahren eine Vorliebe für die Welt der Kunst: Bereits im Alter von neun Jahren fertigte Adam eine detailgetreue Kopie von Vincent van Goghs Gemälde Bauer im blauen Anzug an. Das Kaufhaus seines Vaters S. Adam an der Leipziger Straße, Ecke Friedrichstraße in Berlin war oftmals ein Treffpunkt für die Größen der damaligen Filmwelt: Unter anderem gab das Warenhaus S. Adam in Berlin Festempfänge für Größen des amerikanischen Films der Zwanzigerjahre wie den Hauptdarsteller aus Charlie Chaplins The Kid, Jackie Coogan. Adams Eltern sollen das Kulturleben der Wilden Zwanziger gänzlich aufgesaugt haben – Darbietungen der legendären Sängerin Fritzi Massary wurden ebenso besucht wie die Oper.

Ken Adams Vater Fritz Adam war ein universell interessierter Mensch, der mit Architekten korrespondierte, in seinem Berliner Kaufhaus Festempfänge für Pioniere der Luftfahrt abhielt und Polarexpeditionen sponserte. So kam es, dass eines Tages der Polarforscher Roald Amundsen auf einen Tee in die Wohnung der Familie Adam eingeladen wurde – für Ken Adam war es eine der frühesten Begegnungen mit dem Abenteuerlichen, das den Reiz des Lebens ausmachte. 

Auswanderung – Studium der Architektur 

„Mit kaum dreizehn Jahren war ich Emigrant“, sagte Ken Adam rückblickend auf die Zwangsauswanderung seiner Familie aus Deutschland. Die Familie war gezwungen, aus religiösen Gründen Mitte der Dreißiger auszuwandern – obwohl Adam selbst nie das Innere einer Synagoge gesehen hatte, wie er später betonte. Adams Vater war ein im Ersten Weltkrieg mehrfach ausgezeichneter Soldat – sogar dem Gesuch der nationalsozialistischen Regierung, seine Ersparnisse in fremden Ländern nach Deutschland zu transferieren, folgte Adams Vater noch. Adams Vater soll gerade sein Schweizer Nummernkonto aufgelöst haben, als seine Familie kurz danach gezwungen wurde, ins Vereinigte Königreich auszuwandern – ohne Erspartes und unter dem Verlust des exklusiven Status, den die Familie Adam in Berlin genossen hatte. 

Im Vereinigten Königreich baute sich die Familie Adam ein neues Leben auf: Der junge Ken Adam war gezwungen, seine Wurzeln in Berlin hinter sich zu lassen. Im Alter von 17 begann er am Bartlett School of Architecture in London ein Studium der Architektur: Über sein Studium der Architektur an der damals recht konservativen Universität sagte er später: „(…) ich hatte eine gründliche Ausbildung als Zeichner und Kenntnisse in Baustilen und Architekturgeschichte. Die Prinzipien hatte ich verstanden. Jetzt musste ich mich nur noch von ihnen frei machen.“

Ken Adam war der „wahre“ Q.

Der „wahre Q“

Nichts anderes vollbrachte Ken Adam im Zuge seiner aufstrebenden Karriere als Filmarchitekt: Er machte sich frei von geltenden Normen und Prinzipien – dabei schuf er mit seinen Produktionsdesigns eine neue Welt, die man als Zuschauer erkunden durfte. 
Seine ersten Erfahrungen als Filmdesigner machte Ken Adam beim britischen Film – dem britischen Film verschrieb Ken Adam auch einen Großteil seiner Karriere. 1964 arbeitete Ken Adam für den Film Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben [Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb] mit Stanley Kubrick zusammen. 

Seinen größten Ruhm erarbeitete sich Ken Adam jedoch für seine Setdesigns zu den klassischen James Bond-Filmen: Für zahlreiche James Bond-Filme in den Sechzigern und Siebzigern entwarf Ken Adam nicht nur die Filmsets, sondern auch zahlreiche Gimmicks und Gadgets aus den Bond-Filmen: Oft heißt es deshalb, Ken Adam sei der „wahre Q“ gewesen – viele der Bond-Gadgets, die im Film von Quartiermeister „Q“ präsentiert wurden, waren Ideen aus der Feder von Ken Adam. Man mag sich wundern, ob Ken Adam genauso schmerzvoll wie Q reagierte, wenn Bond gerade wieder einen Sportwagen mit Spezialausrüstung in den Sand gesetzt hatte… 

So etwas hatte die Welt noch nicht gesehen

Insbesondere der erste James Bond-Film Dr. No bedient unzählige Klischees der Sechziger: Seien es die in Schutzanzüge gekleidete Asiaten oder die omnipräsente Calypso-Musik auf Jamaika, an Klischees mangelte es diesem wie auch den folgenden James Bond-Filmen nicht. Doch James Bond eröffnete dem Zuschauer auch eine Welt fernab dieser geläufigen Klischees: Die Setdesigns der James Bond-Filme faszinierten den Zuschauer in den Kinosesseln, denn so etwas hatte die Welt noch nicht gesehen. Wer konnte sich schon (wie in Goldfinger gezeigt) das Innere von Fort Knox vorstellen? Ken Adam konnte es sich vorstellen: Mit seinen Designs prägte er das Vorstellungsvermögen ganzer Generationen an Zuschauern und brannte sich in das Kollektivgedächtnis ein. Alexander Smoltczyk legt in seiner Ken Adam-Biographie sogar nahe, dass die Tarantel-Szene in Dr. No dafür verantwortlich ist, dass sich bis heute unzählige Menschen vor dieser Spinnenart fürchten…

Simon von Ludwig


Maßgebliche Quelle: Smoltczyk, Alexander: James Bond, Berlin, Hollywood – Die Welten des Ken Adam, 2002 Nicolaische Verlagsbuchhandlung

Beitragsbild: © Simon von Ludwig


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