Fortsetzung von Teil eins

Anfang der Fünfziger stellte Christopher Lee fest, dass er zu wenig dem Image des typischen britischen Gentleman entsprach, um zu einer britischen Ikone zu avancieren. Stattdessen nahm er sich vor, ein internationales Phänomen zu werden. Er rechnete sich aus, dass dies seine einzige Möglichkeit sein würde, Erfolg als Schauspieler zu haben.
Zu dieser Zeit akzeptierte Christopher Lee jede Rolle, die ihm angeboten wurde: Zwar zeichnete sich ab, dass seine Rollen größer wurden, aber in einem Großteil seiner Rollen blieb er noch immer ungenannt. Nebenher versuchte er regelmäßig an Theaterrollen zu kommen, doch auch das gelang ihm nur selten und meist in unbedeutenden Rollen. 

Frankenstein

1955 spielte Christopher Lee unter der Regie von Terence Young an der Seite von Olivia de Havilland in Die Dame des Königs [That Lady].
Spätestens bis zum Alter von 35 Jahren hatten es alle Männer in seiner Familie zu hochrangigen Ämtern wie Obersten, Kardinälen, Botschaftern oder Vorsitzenden gebracht, schreibt er in seinen Memoiren. Nur er nicht. In seiner mittlerweile zehn Jahre andauernden Schauspielkarriere hatte er zwar viel gelernt und erlebt, aber immer noch keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Als ihm sein Agent Ende der Fünfziger mitteilte, dass die Hammer Studios eine Neuverfilmung des Horror-Klassikers Frankensteins Fluch [The Curse of Frankenstein, 1957] planten und sie noch keine Besetzung für die Rolle der Kreatur hatten, sah Lee dies zunächst als Beleidigung an. Doch als Lee das Erfolgspotenzial dieser Neuverfilmung erkannte, interessierte er sich für das Projekt. Nach einem Treffen mit dem Produzenten und dem Regisseur erhielt er die Rolle der Kreatur – es war das erste Mal in seiner Karriere, dass ihm seine Körpergröße zugute kam. 

Er hatte von nun an einen Namen als Schauspieler, einen Fanclub und konnte sich ein gebrauchtes Auto leisten.

Für immer Dracula?

Frankensteins Fluch war der Beginn einer langen Zusammenarbeit zwischen Christopher Lee und den Hammer Studios. Mit Peter Cushing, der in Frankensteins Fluch die Rolle des Baron Viktor Frankenstein spielte, verband Lee fortan eine lebenslange Freundschaft. Seine überzeugende Darbietung der Kreatur prädestinierte Lee für kommende Horrorfilm-Produktionen.
1958 konnte Christopher Lee endlich seinen Durchbruch als Schauspieler feiern: In Dracula (1958) spielte Christopher Lee zum ersten Mal in seinem Leben die Titelrolle in einem Film. Der Film war ein Remake der 1931 realisierten Erstverfilmung des Klassikers mit Bela Lugosi in der Hauptrolle.
Lee lehnte es zunächst ab, die Erstverfilmung anzusehen, um sich nicht beeinflussen zu lassen: Er wollte seine eigene Interpretation der Rolle schaffen.
Dracula war der Film, der für Christopher Lee einiges änderte: Er hatte von nun an einen Namen als Schauspieler, einen Fanclub und konnte sich ein gebrauchtes Auto leisten.

Deutsche Produktionen

Als Christopher Lee auf die 40 Jahre zuging, akzeptierte seine Familie den Fakt, dass er wohl kaum noch umsatteln würde und Diplomat werden würde. Die Fronten waren klar in seiner Familie: Seine Mutter unterstützte Lee nie zu einhundert Prozent in seinem Vorhaben, Schauspieler zu werden – selbst dann nicht, als er seine größten Erfolge feierte. 

In den Sechzigern spielte Christopher Lee in deutschen Edgar-Wallace-Verfilmungen mit, in Das Rätsel der roten Orchidee (1962) spielte er die Hauptrolle. Später betonte Lee, dass er unter anderem deshalb die deutsche Sprache beherrsche, weil er eine persönliche Faszination für Richard Wagner hegte.
In der deutschen Produktion Sherlock Holmes und das Halsband des Todes (1962) spielte Christopher Lee die Rolle des Sherlock Holmes. Die Rolle des Dracula war ein Part, den Christopher Lee im Laufe der Jahre immer wieder übernahm: Bis 1973 spielte er die Rolle des Dracula insgesamt sieben Mal für die Hammer Studios. 

Ian Fleming

Kein Schauspieler fühlt sich wohl dabei, eine Zeit lang nichts zu tun und sich auszuruhen, schreibt Christopher Lee in seinen Memoiren: Dass der James Bond-Schöpfer Ian Fleming sein Cousin war, half ihm möglicherweise dabei, seinen nächsten Erfolg als Schauspieler zu landen.
Bereits einige Jahre zuvor soll Fleming seinen Cousin Lee gefragt haben, ob er die Rolle des Dr. No im ersten James Bond-Film übernehmen wolle. Lee konnte dieses Angebot kaum ablehnen – doch Fleming hatte keinen Einfluss auf die Casting-Entscheidungen der Bond-Filme. Genauso wenig wie Fleming David Niven als Besetzung für James Bond durchsetzen konnte, wurde Lee die Rolle des ersten James Bond-Bösewichts gegeben. Die Produzenten hatten ihre eigenen Vorstellungen, um das James Bond-Franchise zu großem Erfolg zu bringen.

„Das Publikum liebt einen Killer mit kultivierter Aura.“

Christopher Lee in seinen Memoiren (übersetzt)

Der Mann mit dem goldenen Colt

Für zehn Jahre glaubte Christopher Lee, er hätte damit seine Chance, Teil des James Bond-Universums zu werden, für immer verpasst: Nicht zuletzt weil Ian Fleming mittlerweile verstorben war, machte er sich keine weiteren Hoffnungen.
Doch Anfang der Siebziger machte ihm Guy Hamilton, der Regisseur des James Bond-Films Der Mann mit dem goldenen Colt [The Man with the Golden Gun, 1974], das Angebot, die Rolle des Bond-Gegenspielers Francisco Scaramanga zu spielen. Ob es im Endeffekt eine Rolle spielte, dass Fleming Lees Cousin gewesen war, lässt sich nicht sagen. Fest steht aber, dass Christopher Lee diese Rolle brauchte, um sein Image zu wandeln: Erst mit der Rolle des Francisco Scaramanga konnte er sich aus der Endlosschleife befreien, ständig die Rolle des Dracula spielen zu müssen.
Der Mann mit dem goldenen Colt war für Christopher Lee wie eine Belohnung für die Jahre, in denen er als Schauspieler eine Existenz am Rande der Bedeutungslosigkeit geführt hatte: Eine Mitwirkung in diesem Film bedeutete einen garantierten Erfolg auf der ganzen Front. Wer in James Bond mitspielte, für den war es eine Selbstverständlichkeit, sich weltberühmt zu nennen. 

„Das Publikum liebt einen Killer mit kultivierter Aura.“ [“Audiences like a cultivated air in a killer.“] – getreu diesem Motto spielte Christopher Lee die Rolle des Francisco Scaramanga. 

„Der kultivierte Killer“

Die kultivierte Aura war ursprünglich gar nicht Teil des Charakters des Bond-Gegenspielers in Der Mann mit dem goldenen Colt: Der „kultivierte Killer“ Scaramanga war so nie von Ian Fleming vorgesehen gewesen und wurde beinahe Christopher Lee auf den Leib geschrieben.
In den Siebzigern und Achtzigern folgten einige Rollen in Hollywood, doch Christopher Lee wurde nie so richtig warm mit der amerikanischen Hauptstadt der Filmindustrie: In seinen Memoiren betont er, er sei nun einmal ein Europäer und kehrte nach einigen Filmen wieder zu seinen Wurzeln zurück.
Seine Rolle des Muhammad Ali Jinnah in Jinnah (1998) bezeichnete Christopher Lee als die wichtigste Filmrolle seines Lebens: Die Handlung dreht sich rund um den Gründer Pakistans, Muhammad Ali Jinnah. Lee erinnerte sich später, dass der Film, der nur ein begrenztes Budget zur Verfügung hatte und den man mehr als einmal versuchte zu boykottieren, die Züge einer Monumentalproduktion angenommen hätte. Der Film fiel an den Kinokassen zwar durch, doch das störte Christopher Lee keineswegs: Im Film ging es um die Verewigung des Schicksals von Jinnah. Ähnlich wie Alec Guinness konnte auch Lee Rollen spielen, die einer anderen Ethnie angehörten, als er selbst. 

Vermächtnis

Es war stets Christopher Lees Ziel, sich aus dem Zwang zu befreien, nur eine Rolle spielen zu können: Für ihn war der Gedanke, nur noch die Rolle des Bösewichts oder gar des Dracula zu spielen, unerträglich. Er führte zunächst eine Schauspielkarriere, in der über zehn Jahre lang gar nichts passierte – rückblickend war dies jedoch eine sehr lehrreiche Zeit für ihn, die als Grundlage für seinen späteren Erfolg gesehen werden kann.
In seinen späteren Jahren wurde er dem jungen Kinopublikum vor allem durch seine Verkörperung des Count Dooku in den Prequel-Verfilmungen der Star Wars-Reihe bekannt: Der Verlockung, die Rolle des Bösewichts zu spielen, konnte Christopher Lee offensichtlich nie ganz widerstehen.

Simon von Ludwig


Maßgebliche Quelle: Lee, Christopher: „Tall, Dark and Gruesome“, 1999 Midnight Marquee Press

Beitragsbild: © Simon von Ludwig


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