„Carole, nimm dieses Flugzeug nicht.“, soll Elizabeth Peters, Lombards Mutter, kurz vor dem verhängnisvollen TWA Flight 3 zu ihrer Tochter gesagt haben. Lombard entschied per Münzwurf, ob sie und ihre Entourage das Flugzeug nehmen würden – das Ergebnis fiel zu Lombards Gunsten aus, die an diesem Tag das Flugzeug einer Zugreise vorzog. Sie kehrte von einer Kriegsanleihen-Verkaufstour heim und wollte so schnell wie möglich bei ihrem Ehemann Clark Gable in Kalifornien sein. So kam es, dass die Schauspielerin mit ihrer Entourage an Bord des Flugzeugs ging.
Der Rest ist Geschichte: Aam 16. Januar 1942, um sieben Uhr morgens, kollidierte das Flugzeug, in dem unter anderem Carole Lombard und ihre Mutter saßen, mit dem Mount Potosi in Nevada. Niemand überlebte den Absturz.
Bei der Unglücksstelle handelte es sich um einen extrem schwer zugänglichen Ort: Deshalb lassen sich dort heute noch die Trümmer des TWA Flight 3 ausfindig machen. Clark Gable soll selbst versucht haben, die Unglücksstelle zu erreichen, er wurde jedoch davon abgehalten, den Berg zu erklimmen. Die Nachricht vom Tod seiner Ehefrau veränderte Gables Leben gravierend.
Wer war die Schauspielerin, die an diesem Januartag 1942 bei einem dramatischen Flugzeugunglück ums Leben kam? Wie kam es dazu, dass sie trotz ihres kurzen Lebens einen immensen Einfluss auf die Filmkunst ausübte, der bis heute spürbar ist? 

Die Stimme Carole Lombards musste sich keineswegs verstecken.

Lombard wird kein Stummfilmstar – ein Vorteil?

Carole Lombard wurde am 6. Oktober 1908 als die Tochter von gut situierten Eltern in Fort Wayne, Indiana geboren: Obwohl sie dort geboren wurde, sah sie Indiana später nicht mehr als ihre Heimat an. Als Kind ging sie mit ihrer Mutter nach Südkalifornien: Dort lebte sie fortan und wurde bereits in jungen Jahren vom Filmregisseur Allan Dwan als Leinwandtalent ausfindig gemacht. Die Filmindustrie befand sich gerade im Aufschwung: Lombard kam in einer kritischen Phase in der Geschichte Hollywoods nach Kalifornien – Ende der Zwanziger stand die Umstellung vom Stummfilm auf den Tonfilm bevor.
Bereits in den Stummfilmen der Zwanziger brillierte Carole Lombard in kleineren Rollen: Als 16-jährige erhielt Lombard ihren ersten Schauspielvertrag. Doch Lombard avancierte keineswegs zu einem Star der Stummfilmära – man könnte meinen, sie sparte sich ihr gesamtes darstellerisches Potenzial bis zu dem Zeitpunkt auf, als der Tonfilm aufkam. Somit hatte Lombard – ganz im Gegensatz zu vielen Stummfilm-Stars – auch keine Schwierigkeiten, als der Tonfilm aufkam. Der Tonfilm brachte nicht zuletzt deshalb neue Stars hervor, weil plötzlich ein Augenmerk auf die Stimme eines Schauspielers gelegt wurde: Ende der Zwanziger war die Karriere von manchem Stummfilm-Star vorbei, weil sich seine Stimme nicht für die Leinwand eignete. Das machte den Weg frei für neue Schauspieler, unter ihnen Carole Lombard: Die Stimme Carole Lombards musste sich keineswegs verstecken.

Autounfall

Ihre erste Hauptrolle spielte Lombard 1925 im Stummfilm-Drama Marriage In Transit: Obwohl dieser Film bei den Kritikern gut ankam, etablierte er Carole Lombard noch nicht als gefragte Hauptdarstellerin. Zwei Jahre später, im September 1927, war Carole Lombard in einen schweren Autounfall verwickelt: Beim Unfall wurde die Windschutzscheibe des Autos zertrümmert und Lombards gesamtes Gesicht trug schwere Verletzungen von den Scherben davon. Die Schauspielerin zweifelte gar daran, ob ihre Karriere in der Folge des Unfalls überhaupt weitergehen würde: Olympia Kiriakou legt in ihrer Biographie über Carole Lombard dar, wie zur damaligen Zeit das allgemeine Gefühl vorherrschte, Lombards Karriere sei infolge des Unfalls beendet.  
Erst nach mehreren Operationen, bei denen man ihr Gesicht rekonstruierte, schien es wieder Hoffnung zu geben für die junge Schauspielerin. Jene Narbe, die vom schicksalhaften Autounfall im September 1927 übrig geblieben war, versteckte sie für die Dauer ihrer Karriere gekonnt mit Make-Up und gab den Belichtungstechnikern am Filmset stets Anweisungen, ihr Gesicht so zu belichten, dass man die Narbe nicht sehen konnte. 

The Orchid Lady

Bereits früh in ihrer Karriere nahm Carole Lombard Kontakt mit der Komödie auf: In zahlreichen Stummfilm-Komödien des Regisseurs Mack Sennett spielte Lombard mit und war Teil der sogenannten Sennett Bathing Beauties, einer Frauengruppe, die in Bademode gekleidet regelmäßig in den Sennett-Komödien auftauchte. Der Regisseur Mack Sennett wusste um Lombards Autounfall und gab ihr ein großes Stück Selbstbewusstsein zurück, indem er die junge Schauspielerin für seine Projekte verpflichtete.
Die Filmhistorikerin Olympia Kiriakou beschreibt in ihrer Lombard-Biographie, dass Sennett in seinen Filmen auf plumpe Close-Up-Aufnahmen von seinen Schauspielerinnen verzichtete: Folglich lag der Fokus in den Filmen, in denen Lombard mitspielte, nicht auf ihrem Gesicht, wo man Narben erkennen konnte, sondern auf ihrem Körper.
Für Lombard war die Zeit bei Mack Sennett eine sehr wichtige Phase: Es war ihre erste Begegnung mit der Komödie, einem Genre, das sie in den folgenden zehn Jahren mit ihrer Schauspielkunst prägen sollte.
1930 erhielt Carole Lombard einen Vertrag mit den Paramount Studios: Paramount war damals eines der einflussreichsten Studios und verpflichtete im Laufe der Dreißiger Leinwandgrößen wie Marlene Dietrich. Bei Paramount verlieh man der jungen Schauspielerin ein Image: Larry Swindell (1929 – 2020) beschreibt in seiner Lombard-Biographie das Image, das man Lombard verlieh, mit dem Beinamen „The Orchid Lady“: Die Beschreibung „orchidaceous“ (zu deutsch etwa „orchideenartig“) hatte man zuvor für für den Stimmfilmstar Corinne Griffith erfunden. Im Falle von Lombard bedeutete es eine äußerst elegante Erscheinung („gleich einer Orchidee“). Man kombinierte bei Lombards Image bewusst Attribute von anderen Hollywood-Stars der Dreißiger – sieht man sich Lombards Filme aus den Dreißigern an, entdeckt man insbesondere beim Make-Up Anspielungen an Marlene Dietrich oder Kay Francis. 

Abenteuer Filmset

Im Gegensatz zu manch anderen Schauspielerinnen ihrer Generation, die dem Arbeitsalltag am Filmset nichts abgewinnen konnten, glich für Lombard die Arbeit an einem Filmset einem Abenteuer: Seitdem sie ein Teenager gewesen war, hatte sie nichts anderes gemacht und wollte auch nichts anderes mehr machen, als Schauspielerin zu sein.
Die in Hollywood damals übliche sechs-Tage-Woche, in der jeder Arbeitstag morgens um sechs Uhr anfing, machte Lombard trotzdem zu schaffen: Manche Biographen führen es auf diesen Umstand zurück, dass Lombard Anfang der Dreißiger noch nicht ihr gesamtes Potenzial ausschöpfen konnte.
Die späten Dreißiger sollten Carole Lombards Karrierehöhepunkt werden: Besonders im Genre der Screwball-Komödien profilierte sich die Schauspielerin. Insbesondere die Screwball-Komödie Mein Mann Godfrey [My Man Godfrey, 1936] wurde ein großer Erfolg für Lombard und gilt bis heute als ein Paradebeispiel für Screwball-Komödien. 

Zusammenarbeit mit Hitchcock

Nach großen Erfolgen im Comedy-Genre suchte Carole Lombard Ende der Dreißiger eine Möglichkeit, sich von der Screwball-Komödie loszulösen und wieder ins dramatische Fach zurückzukehren. Nachdem Lombard in einigen dramatisch angelegten Filmen mitgewirkt hatte, die jedoch allesamt relativ wenig erfolgreich waren, realisierte sie, dass die Komödie ihr Rollenfach war: Lombard überzeugte 1941 den frisch in Hollywood angekommenen Regisseur Alfred Hitchcock davon, seine erste Komödie zu drehen. Als Lombard bei Hitchcock anklopfte, ob er die Screwball-Komödie Mr. und Mrs. Smith realisieren wolle, reagierte Hitchcock zunächst zögerlich – als Lombard jedoch zusagte, eine der Hauptrollen zu spielen, war Hitchcock angetan von der Idee.
Mr und Mrs. Smith sollte Carole Lombards vorletztes Filmprojekt sein: Die Dreharbeiten zu ihrem letzten Film, Sein oder Nichtsein [To Be or not To Be, 1942], konnten gerade noch fertiggestellt werden, bevor Carole Lombard tödlich verunglückte. Der Film Sein oder Nichtsein zeigt, welche Richtung Carole Lombards Karriere womöglich eingeschlagen hätte, wäre sie nicht verunglückt: Der von Ernst Lubitsch realisierte Film ist eine Symbiose aus schwarzem Humor und Thriller – die im Prinzip dramatische Handlung des Films wird dem Zuschauer mit Comedy-Elementen nahegebracht. 

Man darf vermuten, dass es bei der Ehe zwischen Gable und Lombard um mehr ging als um eine Publicity-Kampagne.

Nach fast 100 Jahren: Lombard unvergessen

Als Larry Swindell 1975 seine Biographie über Carole Lombard veröffentlichte, erklärte er, dass damals – mehr als ein Vierteljahrhundert nach ihrem Tod – niemand, weder Filmschaffende noch Filmbegeisterte, die legendäre Schauspielerin vergessen hatten.
Heute, fast ein ganzes Jahrhundert nach ihrem Tod, erscheinen immer noch regelmäßig Biographien und Artikel über das Leben und die Karriere von Carole Lombard. Besonders ihre Beziehung mit Clark Gable ist Gegenstand zahlreicher Veröffentlichungen – das Paar Lombard-Gable ging als eines der faszinierendsten Hollywood-Paare in die Geschichte ein. Man darf vermuten, dass es bei der Ehe zwischen den beiden Schauspielern um mehr ging als um eine Publicity-Kampagne: Clark Gable wurde gemäß seinem Wunsch nach seinem Tod 1960 neben Lombard bestattet.
Carole Lombard beeinflusste trotz ihres frühen Todes die Welt von Hollywood wie kaum eine andere Schauspielerin ihrer Generation: Ihr Comedy-Talent war einmalig – es war so einzigartig, dass sich sogar der spätere „Meister der Spannung“, Alfred Hitchcock, dazu hinreißen ließ, eine Komödie mit ihr zu realisieren. An die Schauspielerin Lombard erinnert man sich nicht bloß wegen ihres frühen Todes – ihr schauspielerisches Vermächtnis, das sich über ein knappes Jahrzehnt an der Spitze Hollywoods erstreckt, ist unerreicht. 

Simon von Ludwig


Der Bussard dankt Bloomsbury Publishing für die Zusammenarbeit.
Die Zusammenarbeit umfasste die Bereitstellung der historischen Analyse „Becoming Carole Lombard – Stardom, Comedy and Legacy“, verfasst von Olympia Kiriakou. Das Werk diente als maßgebliche Quelle für den Artikel.

Informationen zur Publikation: Kiriakou, Olympia: „Becoming Carole Lombard – Stardom, Comedy and Legacy“, 2020 Bloomsbury Academic

Weitere Quellen: Swindell, Larry: Screwball: The Life of Carole Lombard, 1975 Morrow & ein Artikel in Vanity Fair

Beitragsbild: © Simon von Ludwig


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