Kaum hatte ich das Laufen gelernt, konnte ich auch schon tanzen.“, bekundete Rita Hayworth einst rückblickend auf die ersten Tanzschritte ihres Lebens. Das verwunderte kaum: Rita Hayworths Vater Eduardo Cansino war ein spanischer Tänzer, der aus Sevilla in die Vereinigten Staaten eingewandert war.
Eduardo Cansino war nicht der erste in seiner Familie, der sich einen Ruf als Tänzer erarbeitet hatte: Bereits sein Vater Antonio Cansino war weltweit bekannt für seinen Bolero-Tanz.
Die Auswanderung der Cansino-Familie in die Vereinigten Staaten wurde von der einflussreichen Stuyvesant-Familie gefördert: Die Stuyvesant-Familie ging zurück auf den letzten Generaldirektor der Kolonie Neu-Niederlande, Petrus Stuyvesant.
Die High Society-Dame Mrs. Stuyvesant Fish holte die Cansino-Familie 1915 in die Vereinigten Staaten, damit sie bei Anlässen der High Society auftreten würden. Außerdem war es ein kultureller Gewinn für New York, wenn Tanzlehrer wie Eduardo Cansino ihr Wissen würden weitergeben können. 

Tanzen, Tanzen, Tanzen

Hayworths Kindheit und Jugend bestand vor allem aus einem: Tanzen, Tanzen, Tanzen. Bereits im Alter von vier Jahren soll sie bei einem Auftritt in der Carnegie Hall an der Seite von ihrem Vater und ihrer Tante aufgetreten sein. Im gleichen Alter besaß sie ihr erstes Paar Kastagnetten.
Im New York der frühen Zwanziger war die Cansino-Familie („The Dancing Cansinos“) ein begehrter Show-Act in Vaudeville-Theatern: Mit dem Aufkommen des Films verlor das Vaudeville-Theater jedoch immer mehr an Bedeutung, weshalb die Cansino-Famile nach Hollywood übersiedelte.
In Hollywood hoffe Hayworths Vater, sich als Tanzlehrer und Choreograph eine Existenz aufzubauen: Obwohl seine Tanzschule recht gut besucht war, musste er seine Lehrtätigkeit schon bald wieder aufgeben und selbst auf die Bühne gehen…
Mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise Ende der Zwanziger ging es für einen Großteil der amerikanischen Bevölkerung fortan um das nackte Überleben, kaum mehr einer konnte es sich leisten, Tanzstunden zu nehmen. Das traf Eduardo Cansinos Tanzschule besonders hart: Seine Tanzschule konnte sich kaum mehr selbst tragen, die Cansino-Familie war dazu gezwungen, nebenher wieder ins Showbusiness einzusteigen.

Für die junge Rita Hayworth waren vier oder fünf Shows an einem Tag die Regel.

Rita Cansino wird entdeckt

Ab Anfang der Dreißiger war Rita die Tanzpartnerin ihres Vaters Eduardo: Um kalifornisches Recht zu umgehen, nach dem Hayworth noch viel zu jung gewesen wäre, um in Nachtclubs aufzutreten, traten die Dancing Cansinos in mexikanischen Clubs knapp hinter der mexikanisch-kalifornischen Grenze auf. Dort sammelte Rita Hayworth ihre ersten Erfahrungen als professionelle Tänzerin auf einer Bühne. Für die junge Rita Hayworth waren vier oder fünf Shows an einem Tag die Regel: Insbesondere im Entertainment-Zentrum Agua Caliente im mexikanischen Tijuana trat die junge Hayworth sehr häufig als Tänzerin auf. Dieses Zentrum des Showbusiness zog in den Zwanzigern und Dreißigern zahlreiche Menschen an, die in der Filmindustrie beschäftigt waren – darunter auch den Vizepräsidenten der Fox Film Corporation, Winfred Sheehan. Als der Filmboss eines Abends eines der zahlreichen Etablissements in Tijuana besuchte, erkannte er Potential in Rita Cansino, wie sie sich damals noch nannte, und beraumte für sie Probeaufnahmen an. Die Probeaufnahmen resultierten in einem Vertrag, den die Fox Studios mit Rita Hayworth schlossen: So kam es, dass die junge Tänzerin – zum Drehzeitpunkt war sie 16 Jahre alt – im Film Das Schiff des Satans [Dante’s Inferno, 1935] ihr Filmdebüt feierte. Hayworth hatte in dem Film eine Rolle als Tänzerin, Spencer Tracy spielte die Hauptrolle in dem Film. 

Noch war sie kein Star

Obwohl Spencer Tracy Das Schiff des Satans 1948 als einen seiner schlechtesten Filme überhaupt beschrieb, hob er Hayworths Leistung besonders hervor: „Der Fakt, dass sie nach diesem Leinwanddebüt in weiteren Filmen engagiert wurde, ist Beweis genug, dass sie all die Aufmerksamkeit verdient, die sie heute bekommt.“
Nach ihrem Leinwanddebüt erhielt Hayworth zunächst einen auf sechs Monate befristeten Vertrag mit einer Verlängerungsoption. Mitte der Dreißiger war Rita Hayworth zwar in Hollywood angekommen und spielte in ersten Filmprojekten mit, doch den Status eines Stars hatte sie noch lange nicht erreicht: Eine entscheidende Rolle in ihrer weiteren Karriere spielte der Unternehmer Edward C. Judson, der laut Hayworths Aussagen ihr Image erschuf und ihr sagte, was sie zu tun hatte, um zu einer Hollywood-Ikone zu werden. Auf Judson, der später ihr erster Ehemann wurde und ab Mitte der Dreißiger auch ihr Agent war, gehe praktisch „die gesamte Idee von ihrer Karriere zurück“, so Hayworth. Judson erschuf eine große Publicity-Kampagne rund um sein Protegé Rita Hayworth – es dauerte nicht lange, bis sich diese Kampagne auszahlte… 

Rita Hayworth in der Schweiz anlässlich der schweizerischen Vorpremiere des Films „Mohn ist auch eine Blume“ am 10.05.1966.
Bildnachweis: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Gerber, Hans / Com_L15-0292-0001-0006 / CC BY-SA 4.0

Aus Rita Cansino wird Rita Hayworth

Ende der Dreißiger wurde Rita Hayworth von den Columbia Pictures unter Vertrag genommen: Dort gab man der Schauspielerin und Tänzerin ein komplett neues Image. Man wollte fortan weniger ihre spanische Abstammung betonen, sondern sie als „typisch amerikanisches Mädchen“ darstellen, mit dem sich ein Großteil des Kinopublikums würde identifizieren können. Damit einher ging auch die Änderung ihres Namens vom spanisch klingenden Cansino (der Nachname ihres Vaters) zum amerikanisch klingenden Hayworth (der Nachname ihrer amerikanischen Mutter): Der Mythos Rita Hayworth war geboren.
Mit einer Nebenrolle im Film S.O.S. Feuer an Bord [Only Angels Have Wings, 1939] trat Rita Hayworth an der Seite von Cary Grant zum ersten Mal außerhalb von B-Filmen in Erscheinung: Inzwischen repräsentierte Hayworth eine Art des anspruchsvollen Glamours, auf Empfehlung ihres Managers und Ehemanns Judson hatte sie sich die Haare rotbraun färben lassen. Ihr äußerliches Erscheinungsbild hob sich somit von anderen Hollywood-Stars ihrer Generation deutlich ab. 

Fred Astaire und Gene Kelly

In den Vierzigern schaffte Rita Hayworth den Aufstieg in die Ränge der Hollywood-Stars: 1941 tanzte Hayworth an der Seite von Fred Astaire im Musical Reich wirst du nie [You’ll Never Get Rich, 1941]. Nachdem sich Astaire von seiner langjährigen Filmpartnerin Ginger Rogers getrennt hatte, hauchte der Film seiner Karriere neues Leben ein – für Hayworth war der Film ihr Durchbruch als Musicalstar. Astaire betonte später, dass Hayworth eine seiner Lieblingspartnerinnen gewesen sei. 1944 spielte Rita Hayworth an der Seite einer weiteren Tanzlegende Hollywoods: Im Film Es tanzt die Göttin [Cover Girl, 1944], der als Gene Kellys Durchbruch gilt, spielte die Tänzerin an der Seite von Gene Kelly.
Im Zweiten Weltkrieg gewann Rita Hayworth zusätzliche Berühmtheit als Pin-up Girl: 1942 war die Schauspielerin und Tänzerin außerdem für die Truppenbetreuung tätig und unterstützte die US-amerikanischen Streitkräfte bei einer USO-Tour.
Der Film noir Gilda (1946) ist der wohl bekannteste Film mit Rita Hayworth in der Hauptrolle: Die Hassliebe ist ein zentrales Motiv in dem Film, der eine Mischung aus Kriminalfilm und Melodram darstellt. Der Film spielt in Südamerika und handelt von Johnny Farrell (Glenn Ford), einem armen Glücksspieler, der zum Handlanger vom Casinobesitzer Ballin Mundson (George Macready) aufsteigt. Für Mundsons Frau Gilda (Rita Hayworth) ist Farrell jedoch kein Unbekannter… 

Spätestens ab den Sechzigern wurden ihre Leinwandauftritte immer sporadischer.

Stets ihrer Herkunft verbunden

Indem sie 1947 in einem weiteren Klassiker des Film Noir-Geres mitspielte, Die Lady von Shanghai [The Lady from Shanghai, 1947], festigte sie ihren Status als Leinwandlegende, die nicht nur in glamourösen Rollen brillieren konnte, sondern auch tiefgründigere Film Noir-Rollen mit Bravur ausfüllen konnte.
Obwohl viele ihrer Arbeiten aus den Fünfzigern heute aus dramaturgischer Sicht zu ihren besten gezählt werden, distanzierte sich Rita Hayworth immer mehr von ihrem Dasein als Schauspielerin:
Zu beeindruckenden Filmen mit Rita Hayworth als Hauptdarstellerin zählen unter anderem Salome (1953) und die Musicalverfilmung Pal Joey (1957), in der Frank Sinatra eine der Hauptrollen spielte. Spätestens ab den Sechzigern wurden ihre Leinwandauftritte immer sporadischer, was nicht zuletzt mit der sich stark verändernden Filmindustrie zusammenhing.
Eine letzte Perle ihrer Karriere als Schauspielerin ist ohne Frage der starbesetzte Film Mohn ist auch eine Blume [The Poppy Is Also a Flower, 1966], dessen Buchvorlage von James Bond-Autor Ian Fleming verfasst wurde. Es gibt noch eine Parallele zum James Bond-Franchise: Terence Young, Regisseur der ersten James Bond-Filme, führte Regie. Hayworth spielte im Antidrogenfilm an der Seite von Omar Sharif und Senta Berger. Fürstin Gracia Patricia von Monaco taucht in einer Art Einleitung zu Beginn des Films auf.
Obwohl Hayworth sich nie damit abfinden wollte, Eigentum eines Hollywood-Studios zu sein – wie es in den Vierzigern und Fünfzigern für eine Schauspielerin wie sie üblich war – ist ihr bis heute anhaltender Ruhm ein Überbleibsel der goldenen Studio-Ära Hollywoods.
Zwar wurde sie im Laufe ihrer Karriere immer gerne als amerikanisches Mädchen von nebenan dargestellt: Doch in Wahrheit blieb sie immer ihren Wurzeln, die in einer traditionellen spanischen Tänzerfamilie lagen, verbunden. 

Simon von Ludwig


Beitragsbild: Rita Hayworth in der Schweiz anlässlich der schweizerischen Vorpremiere des Films „Mohn ist auch eine Blume“ am 10.05.1966.
Bildnachweis: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Gerber, Hans / Com_L15-0292-0002-0001 / CC BY-SA 4.0

Maßgebliche Quelle: Wilhelm, Arthur: Rita Hayworth – From American Love Goddess to the Face of Alzheimer’s, self-published 2017 by Arthur Wilhelm


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