Das Showbusiness lag in der Familie: Judy Garlands Eltern waren beide Vaudeville-Künstler und betrieben ein Kino im Norden von Minnesota: 1922, als Frances Ethel Gumm geboren wurde, war es ein mutiges Unterfangen, in dieser Region ein Kino zu betreiben. Trotzdem war das Kino der Eltern ein profitables Unternehmen: Bald wurde es jedoch notwendig, dass die Familie Minnesota verließ. Es bot sich an, in die Nähe von Los Angeles zu ziehen: Es gab damals wohl kaum einen besseren Ort als Los Angeles, um ein Kino zu betreiben. Die Familie siedelte mitten im goldenen Zeitalter Hollywoods über nach Kalifornien. Die Töchter der Familie hatten mittlerweile unter dem Namen The Gumm Sisters ihren eigenen Vaudeville-Act einstudiert.
Durch die Arbeit ihrer Eltern kam Judy Garland früh in den Kontakt mit dem Showbusiness: Bald war jedem klar, dass Judy Garlands musikalisches Talent das Talent von jedem anderen in der Familie bei weitem übertraf. 1929, als Garland um die sechs Jahre alt war, spielte sie zum ersten Mal gemeinsam mit ihren Schwestern in The Big Revue in einem Film mit. 

Judy Garland war kaum zehn Jahre alt und bereits vollkommen eingespannt in die Welt der Entertainment-Industrie.

Eine Girlande voller Blumen

Die Gumm Sisters spielten ihre Rolle in den Dreißigern noch vier weitere Male. Ab 1933 wohnte Judy Garland in Los Angeles und besuchte die Lawlor School for Professional Children, damals eine beliebte Adresse für Kinderdarsteller: Judy Garland war kaum zehn Jahre alt und bereits vollkommen eingespannt in die Welt der Entertainment-Industrie. Mutter Ethel übernahm derweil die Aufgabe der Managerin ihrer Töchter.
Man ist sich nicht einig darüber, wie der Name „Judy Garland“ entstand: Eine Theorie besagt, dass der Name während einer Tournee, bei der die Gumm Sisters Chicago besuchten, entstand. 1934, als Judy Garland Chicago besuchte, war die Stadt eine Hochburg der Kino- und Theaterkultur. Der Manager des Oriental Theater, George Jessel, äußerte, dass Judy „schön wie eine Girlande voller Blumen“ (engl. “pretty as a garland of flowers“) sei: Fortan traten die Gumm Sisters unter dem Namen The Garland Sisters auf.
Später gebrauchte Judy den Namen auch für ihre Solokarriere: Als die junge Schauspielerin dann noch äußerte, dass ihr der Vorname Judy besonders gut gefiel, war der Name Judy Garland geboren. 

Vertrag mit MGM

Als die Garland Sisters von der Tournee durch die Vereinigten Staaten zurückkehrten, trennte sich die Musikgruppe: Wegen des immensen Talents von Judy Garland war es beinahe eine Selbstverständlichkeit, dass sie eine Solokarriere anstreben würde. 
Im September 1935 erhielt Judy Garland die Möglichkeit, sich Ida Koverman vorzustellen, einer der Assistentinnen von Louis B. Mayer, der die MGM Studios führte. Bereits zuvor hatte Judy Garland mehrmals versucht, eine Anstellung bei verschiedenen Filmstudios zu ergattern, jedoch ohne Erfolg. Als sie sich 1935 bei MGM vorstellte, sollte sie jedoch erfolgreicher sein – im Alter von 13 Jahren erhielt Judy Garland einen Vertrag mit den MGM Studios.
Zunächst war es für die Verantwortlichen bei MGM alles andere als einfach, einen Rollentypus für die junge Judy Garland zu finden: So ließ MGM Garland zunächst in einigen Filmen gemeinsam mit dem Kinderstar Mickey Rooney mitspielen. Micky Rooney und Judy Garland waren in den Dreißigern und Vierzigern das Kinderstar-Duo auf den Kinoleinwänden schlechthin. 

Man möchte es nicht glauben: Damals war Der Zauberer von Oz kein Erfolg an den Kinokassen.

Der Zauberer von Oz

Bereits als sich die Produktion Der Zauberer von Oz [The Wizard of Oz, 1939] in der Vorbereitung befand, stand eines fest: Es würde eine der glamourösesten und aufwendigsten Produktionen werden, die MGM bis zu diesem Zeitpunkt je realisiert hatte. Bevor Judy Garland die Rolle der Dorothy in Der Zauberer von Oz übernahm, spielte sie zuvor in einigen Musicals mit: Gewissermaßen dienten jene Musicals als eine Vorbereitung für ihre Paraderolle, für die sie bis heute bekannt ist. Ohne die Rolle der Dorothy in Der Zauberer von Oz würden sich ohne Zweifel bedeutend weniger Menschen an die Stimme Judy Garlands erinnern.
Man möchte es nicht glauben: Damals war Der Zauberer von Oz kein Erfolg an den Kinokassen. Das mag damit zu tun gehabt haben, dass 1939 gleich mehrere Filme erschienen, die von Publikum und Kritik bis heute gefeiert werden – so erschien 1939 auch Vom Winde verweht [Gone With The Wind]. Die Konkurrenz, die damals in den amerikanischen Kinos vorherrschte, war immens. 

Over The Rainbow

Der Film Der Zauberer von Oz war in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnlicher Film für die damalige Zeit: Nicht nur wurde die Handlung des Films von Kindern wie von Erwachsenen aufgesaugt, man arbeitete geschickt mit den Möglichkeiten des gerade aufkommenden Farbfilms. So gibt es im Film einen Stilbruch zwischen den schwarz-weiß-Szenen in Judys Zuhause und den satten Farbszenen in Oz – damals waren die meisten Filme entweder in Farbe oder in schwarz-weiß gedreht. Einen Film, der beides miteinander vereinte, gab es nur ganz selten.
Außerdem war Der Zauberer von Oz für viele Kinogänger damals die erste Begegnung mit dem neuen Farbfilm. Judy Garlands Darbietung von Somewhere Over The Rainbow bleibt bis heute eine der bekanntesten Musikeinlagen in Spielfilmen – das Lied Over The Rainbow ist praktisch ein Synonym für Judy Garland. Ab 1942 gab man Judy Garland die Chance, in erwachseneren Rollen zu spielen: Ihre Rolle im Zauberer von Oz hatte zunächst für einige Jahre verhindert, dass man Garland andere Rollen gab als die eines Mädchens oder Teenagers. Zu eingesponnen war Garland in Publicity-Touren quer durch die Vereinigten Staaten, um den Zauberer von Oz zu bewerben.

Judy Garland bei einem Konzert in den Niederlanden
Bildnachweis: Fotograaf Pot, Harry / Anefo, Nationaal Archief, CC0

Das Ende einer Ära

Die Vierziger sollten ein wesentlich turbulenteres Jahrzehnt für Judy Garland werden – nach mehreren Erfolgen sah es die Schauspielerin nicht mehr ein, sich dem strikt geführten Studiosystem unterzuordnen. Bei den Dreharbeiten zum Musical Duell in der Manege [Annie Get Your Gun, 1950] war das Maß voll: Ursprünglich sollte Garland die Hauptrolle spielen, sie hatte bereits den gesamten Soundtrack aufgezeichnet und war mehrere Monate am Set anwesend. Es heißt, Judy Garland sei an einem der Drehtage zum Lunch ausgegangen und nicht mehr zum Set zurückgekehrt – MGM löste in der Folge den Vertrag mit Judy Garland auf.
Für die Schauspielerin war das Ende des Vertrags mit MGM das Ende einer Ära: Zwar waren die psychischen und physischen Strapazen der Studioarbeit keineswegs zu unterschätzen, doch der MGM-Vertrag gab Garland einen gewissen Rückhalt und versicherte ihr, an Rollen zu kommen. Im Showbusiness kann man zwar so gut wie nie von beruflicher Sicherheit sprechen, aber ein Vertrag mit MGM kam für Schauspieler einer beruflichen Sicherheit am ehesten gleich. 

A Star is Born

Für eine kurze Zeit kehrte Judy Garland nach ihrem MGM-Vertrag auf die Bühne zurück: Ein Engagement am Palace Theatre am Broadway, das im Oktober 1951 begann, entpuppte sich als ein riesiger Erfolg für die Schauspielerin. Mit diesem Erfolg stellte Garland unter Beweis, dass sie das Publikum nach wie vor faszinieren konnte und Stimmen wurden laut, ob Judy Garland nicht für ein Hollywood-Comeback geeignet wäre.
Der Regisseur George Cukor arbeitete 1954 an der Neuverfilmung des Dramas Ein Stern geht auf [A Star is Born, 1937]: Cukor konnte sich niemand besseren als Judy Garland für die Rolle vorstellen – in der 1954 erschienenen Neuverfilmung des Klassikers von 1937 ging der Stern von Garland wieder auf. Obwohl der Film heute zu den Sternstunden in Garlands Karriere zählt, war der Film damals ein Flop an den Kinokassen – diese Tatsache bewegte die Schauspielerin dazu, sich im weiteren Verlauf ihrer Karriere hauptsächlich auf die Konzertbühne zu konzentrieren.
1961 spielte Judy Garland im Gerichtsdrama Urteil von Nürnberg [Judgment at Nuremberg], in dem auch Marlene Dietrich mitspielte, mit der Rolle der Irene Hoffmann eine ihrer charakterlich anspruchsvollsten Rollen. 

Das Studiosystem von Hollywood hinterließ seine Spuren im Leben von Judy Garland.

Zwischen Belastungen und Stardasein

In den Sechzigern trat Judy Garland mehrmals im Fernsehen auf und war auf verschiedenen Konzerttourneen – den Zenit ihrer Karriere hatte sie längst überschritten. Oft wird ihre Rolle in Der Zauberer von Oz als der Höhepunkt ihrer Karriere angesehen – nach dieser Rolle spielte sie in keinem Film mehr mit, der auch nur annähernd so erfolgreich war.
Das Studiosystem von Hollywood hinterließ seine Spuren im Leben von Judy Garland: Die enormen Belastungen, denen sie sich in jungen Jahren bereits aussetzte, machten sich im späteren Verlauf ihres Lebens bemerkbar. Darin liegt auch ihr relativ früher Tod im Alter von 47 Jahren begründet. Das Vermächtnis der Leinwandlegende Judy Garland ist kaum vergleichbar mit der Karriere eines anderen Hollywood-Stars ihrer Generation: Als Garland gerade ihre größten Erfolge feierte, hatten andere Schauspielerinnen ihrer Generation nicht einmal eine Filmkarriere auch nur ins Auge gefasst. Im Kollektivgedächtnis bleibt Judy Garland vor allem durch ihre Rolle der Dorothy in Der Zauberer von Oz in Erinnerung: Somewhere Over The Rainbow ist die Hymne des goldenen Zeitalters von Hollywood. 

Simom von Ludwig


Maßgebliche Quelle: Charles River Editors: American Legends – The Life of Judy Garland, veröffentlicht 2013

Beitragsbild: Judy Garland 1960 bei ihrer Ankunft am Flughafen Amsterdam Schiphol
Bildnachweis: Fotograaf Lindeboom, Henk / Anefo, Nationaal Archief, CC0


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