Fortsetzung von Teil eins

Obwohl James Mason Mitte der Vierziger einige Erfolge in den britischen Kinos feierte, war er alles andere als angetan von der britischen Filmwelt: 1945 formulierte Mason in der Kolumne einer Filmzeitschrift, nachdem er die Zustände in britischen Filmstudios geschildert hatte, „es wäre in der Tat ein trauriger Ausblick für mich, wenn es nicht noch ein Hollywood gäbe.“ [Originalzitat: ‘Indeed it would be a glum outlook for me if there were not still a Hollywood.‘].
Zwar wusste James Mason zu diesem Zeitpunkt noch nichts davon, dass Hollywood seine zukünftige Arbeitsstätte sein würde: Trotzdem wird dieses Statement inzwischen als eine Art One-Way-Ticket nach Amerika für James Mason angesehen.
Unabhängig davon, ob er in Großbritannien oder in Kalifornien arbeitete – die Arbeit beim Film stellte damals jeden Schauspieler vor Herausforderungen. Masons Artikel, der die britische Filmindustrie stark kritisierte, kam bei den britischen Filmschaffenden nicht besonders gut an.
Zuerst bekannte sich Mason zum Pazifismus, jetzt kritisierte er auch noch die britische Filmindustrie – keine Frage, dass Mason nicht die erste Wahl für viele Produzenten und Regisseure war.
Dennoch war sein weiterer Karriereweg mit der Veröffentlichung dieses Artikels vorgegeben. 

James Mason stand nun an der Spitze der britischen Schauspieler.

Ausgestoßen In Großbritannien – Willkommen in Hollywood

Es war für britische Filmschaffende nichts ungewöhnliches, nach Hollywood überzusiedeln: Der britische Regisseur Alfred Hitchcock war bereits 1940 nach Hollywood gegangen. Der Regisseur David Lean war einer der wenigen britischen Filmschaffenden, die der britischen Filmwelt über seine gesamte Karriere hinweg treu blieb.
1947 spielte James Mason in Ausgestoßen [Odd Man Out] die Hauptrolle: Dieses Werk bezeichnen Filmkenner heute als einen der besten Filme mit James Mason in der Hauptrolle.
Der zu dieser Zeit wesentlich bekanntere Schauspieler Stewart Granger hatte die Hauptrolle in Ausgestoßen abgelehnt.
Im Film spielt Mason einen IRA-Kämpfer, der nach einem gescheiterten Banküberfall quer durch das nächtliche Belfast gejagt wird.
Der Film Ausgestoßen war damals ein großer Erfolg bei Kritik und Publikum: James Mason stand nun an der Spitze der britischen Schauspieler. Gerade jetzt fasste Mason den Entschluss, in die Vereinigten Staaten überzusiedeln. Hollywood übte eine große Anziehungskraft auf den Schauspieler aus, er war sogar bereit, seine mittlerweile erfolgreiche Karriere im britischen Film hinter sich zu lassen.

Erste Hollywood-Arbeiten

Ende der Vierziger war es so weit: James Mason nahm in Kauf, nach seiner durchwachsenen Zeit beim britischen Film noch einmal komplett neu zu beginnen. In Hollywood machte man James Mason kein besonders schönes Willkommensgeschenk: Kaum hatte er den Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt, wurde er von einem Produzenten wegen Vertragsbruchs verklagt.
James Mason setzte sich zum Ziel, keinen Studiovertrag und kein Engagement anzunehmen, hinter dessen künstlerischem Inhalt er nicht einhundertprozentig stand. Diese Ansicht ist heute das Kredo der meisten erfolgreichen Schauspieler – damals war das jedoch nicht der Fall. Mit dieser Ansicht galt Mason als ein „Problemfall“ und wurde als Rebell abgestempelt, der das Studio-System verachtete. Ende der Vierziger befand sich das Hollywood-Studiosystem auf dem Höhepunkt seiner Macht. Wer einen erfolgreichen Film drehen wollte, kam an den großen Studios nicht vorbei. Ende der Vierziger spielte James Mason in zwei der insgesamt vier Max Ophüls-Regiearbeiten in Hollywood mit. 1949 und 1951 spielte James Mason zwei Mal an der Seite von Ava Gardner – besonders das Drama Pandora und der Fliegende Holländer [Pandora and the Flying Dutchman, 1951] erfreute sich im Nachhinein großer Beliebtheit und hat heute Sammlerwert. Damals wurde das Drama jedoch sehr verhalten aufgenommen: Wie bei vielen James Mason-Filmen kristallisierte sich erst viele Jahre später heraus, dass die Filme das Potenzial zum Filmklassiker besaßen.

Buster Keaton – Mason schreibt Filmgeschichte mal anders

Selbstverständlich machte sich das Ehepaar Mason – bestehend aus James Mason und Pamela Mason – Gedanken darüber, wo sie in Kalifornien leben wollten: Eine im italienischen Stil erbaute Villa in Los Angeles erweckte das Interesse von Masons Ehefrau Pamela und wurde das neue Zuhause der Masons. Bei der Villa handelte es sich um den ehemaligen Wohnsitz der Stummfilmlegende Buster Keaton. Keaton war als Star mittlerweile abgeschrieben – die Studios hatten sogar die Kopien der Buster Keaton-Filme vernichtet, um das in ihnen enthaltene Silber wiederzuverwenden. Eines Tages soll James Mason höchstpersönlich eine Wand im Vorführraum der Villa abgerissen haben und dabei hat er eine sensationelle Entdeckung gemacht: Hinter der Wand lagerten makellose Kopien zahlreicher Buston Keaton-Filme.
Mason, der von den Keaton-Filmen schon immer fasziniert war, traute zunächst seinen Augen nicht.
Heute ist man sich sicher: Hätte Mason diese Kopien damals nicht entdeckt und sich an ihrer Restaurierung beteiligt, wüsste heute vermutlich keiner mehr, wer Buster Keaton überhaupt war. 

Für einen schwarz-weiß Film brauchte es Schauspieler wie James Mason, die mit ihrer Mimik und ihrer Stimme den Zuschauer vereinnahmen konnten.

Julius Caesar – ein Plädoyer für schwarz-weiß-Filme

Der Regisseur Joe Mankiewicz holte James Mason 1953 für das Filmprojekt Julius Caesar (1953) an Bord: Die Hauptrolle des Marcus Antonius spielte Marlon Brando, Mason schlüpfte in die Rolle des Brutus, dessen Charakter für den Verlauf der Geschichte sehr entscheidend ist. Mankiewicz ließ sich damals vertraglich zusichern, den Film in schwarz-weiß drehen zu dürfen – damit war das Historiendrama damals ein Exot unter den aktuellen Filmen, die inzwischen allesamt in Farbe gedreht wurden. Mankiewicz begründete seine Entscheidung folgendermaßen: Wenn man den Film in Farbe gedreht hätte, „wäre die Attentatsszene [in der Julius Caesar getötet wird] nur ein großes blutiges Durcheinander auf der Leinwand, und das Publikum würde auf das Blut statt auf das Gesicht von Brutus [James Mason] schauen, und das war das Herzstück des Films. James Mason hatte immer diese romantische Traurigkeit, die einfach perfekt war für die Szene.“ [Originalzitat: ‘(…)because I knew that if we shot in colour the assassination scene would be nothing but a great bloody mess on the screen, and the audience would be looking at the blood instead of at the face of Brutus and that was the heart of the film. There was always a romantic sadness about James which was just perfect.‘]
Dieses Zitat ist mehr als das Bekenntnis eines Liebhabers von schwarz-weiß-Filmen: Es erklärt, weshalb Farbfilme schwarz-weiß-Filmen nicht unbedingt überlegen sein müssen. Für einen schwarz-weiß Film brauchte es Schauspieler wie James Mason, die mit ihrer Mimik und ihrer Stimme den Zuschauer vereinnahmen konnten. Das Blut musste man nicht unbedingt auf der Leinwand sehen, das konnte man sich dazu denken. Was man sich nicht dazu denken konnte, war die einmalige Mimik eines Schauspielers vom Kaliber eines James Mason.
Es gab damals wohl keinen Schauspieler, der besser geeignet war für die Rolle des Brutus: Mit dieser Rolle feierte Mason seinen Durchbruch als Hollywood-Schauspieler. 

Hollywood-Höhepunkte

In den folgenden beiden Jahrzehnten bot sich James Mason die Möglichkeit, seine Schauspielkunst in unzähligen Hollywood-Filmen zu verewigen: So spielte er eine der Hauptrollen in Judy Garlands-Comeback-Film Ein neuer Stern am Himmel [A Star is Born, 1954]. 1959 entdeckte Alfred Hitchcock das schauspielerische Potenzial James Masons: In Der unsichtbare Dritte [North by Northwest, 1959] spielte er die Rolle des Bösewichts.
In 20.000 Meilen unter dem Meer [20,000 Leagues Under the Sea, 1954] spielte James Mason an der Seite von Kirk Douglas die Rolle des Kapitän Nemo: Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Mason in der Disney-Adaption eines Jules Verne-Romans mitspielte. In Die Reise zum Mittelpunkt der Erde [Journey to the Center of the Earth, 1959] spielte Mason die Hauptrolle des Oliver Lindenbrook. 
1964 und 1968 spielte James Mason in den Filmen Dschingis Khan [Genghis Khan, 1964] und Mayerling (1968) an der Seite von Omar Sharif

„Meine Bandbreite war begrenzt, meine Sprache farblos, mein Vortrag lässig. Ich war ein fauler Filmschauspieler geworden.“

James Mason – der klassische Filmschauspieler

Bis zum Ende seiner Karriere gab Mason den Traum nicht auf, eines Tages ein gefragter klassischer Schauspieler zu werden: 1953 schlug Masons ehemaliger Regisseur Tyrone Guthrie vom Londoner Old Vic Theatre in Toronto seine Zelte auf, um ein Festival des klassischen Theaters zu veranstalten. Zu den Mitwirkenden zählten Legenden wie Alec Guinness. Mit einem lachsrosa lackierten Ford machte sich Mason auf den Weg nach Kanada – sehr zur Verärgerung seiner Frau, die nicht verstehen konnte, weshalb er seine erfolgreiche Hollywood-Karriere kurzfristig liegen ließ. Doch Mason hatte andere Probleme: „Meine Bandbreite war begrenzt, meine Sprache farblos, mein Vortrag lässig. Ich war ein fauler Filmschauspieler geworden.“ [Originalzitat: ‘my range was limited, my speech colourless, my delivery casual. I had become a lazy cinema actor’], sagte Mason rückblickend auf seine Zeit in Kanada. Damals lagen Welten zwischen einem Filmschauspieler und einem Theaterschauspieler, der klassische Werke wie jene von Shakespeare interpretierte.
Trotz guter Kritiken und der Wertschätzung seiner Kollegen, sollte Mason nach diesem Festival 1953 nur noch drei Mal in seinem gesamten Leben auf einer Theaterbühne stehen.
Mason suchte stets Zugang zur Welt der klassischen Schauspieler – doch in dieses Rollenfach passte er nicht gänzlich hinein. Stattdessen gründete er ein neues Rollenfach, das Fach des klassischen Filmschauspielers, der vor allem in zeitgenössische Rollen schlüpfen kann.
In seiner späteren Karriere verpflichtete sich Mason alleine dem Kino, für das er unvergessliche Momente schuf. Unter allen bekannten Schauspielern der Welt gibt es Karrieren, die sich untereinander ähnlich sehen: Doch die Karriere eines James Mason gab und gibt es in dieser Form ganz bestimmt kein zweites Mal. 

Simon von Ludwig


Maßgebliche Quelle: Morley, Sheridan: Odd Man Out: James Mason – A Biography, 2016 Dean Street Press

Beitragsbild: © Simon von Ludwig


Empfehlungen aus der Kategorie Britisches Kino

James Mason: Der klassische Filmschauspieler (2.)
James Mason: Der klassische Filmschauspieler (2.)
Peter O’Toole: Zwischen Lawrence von Arabien und Shakespeare
Peter O’Toole: Zwischen Lawrence von Arabien und Shakespeare
Christopher Lee: Der kultivierte Killer (2.)
Christopher Lee: Der kultivierte Killer (2.)
Alan Rickman: Facettenreicher Charakterdarsteller
Alan Rickman: Facettenreicher Charakterdarsteller
Sean Connery: Er spielte nicht James Bond, er war James Bond
Sean Connery: Er spielte nicht James Bond, er war James Bond
Alec Guinness: Der Schauspieler der tausend Gesichter
Alec Guinness: Der Schauspieler der tausend Gesichter
Peter Sellers: Der ewige Komiker
Peter Sellers: Der ewige Komiker
James Mason: Vom Architekt zum Schauspieler (1.)
James Mason: Vom Architekt zum Schauspieler (1.)
Roger Moore: Der Mann, der James Bond Humor verlieh
Roger Moore: Der Mann, der James Bond Humor verlieh
David Lean: Der visuelle Schriftsteller
David Lean: Der visuelle Schriftsteller
Noël Coward: Tanz auf dem Vulkan
Noël Coward: Tanz auf dem Vulkan
Christopher Lee: Zu groß für das Kino (1.)
Christopher Lee: Zu groß für das Kino (1.)
Ken Adam: Der Hauch des Utopischen
Ken Adam: Der Hauch des Utopischen
David Niven: Vom Offizier zum Gentleman
David Niven: Vom Offizier zum Gentleman
PlayPause
previous arrow
next arrow

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert