Ava Gardner gehörte zu der Art von Schauspielerin, die es sich leisten konnten, nicht zu wirklich zu schauspielern: Es genügte bereits, wenn sie vor der Kamera stand und ihren Charme versprühte, damit Regisseur wie Zuschauer zufrieden waren. Später sagte Ava Gardner rückblickend auf ihre Karriere, sie habe von den Besten gelernt, wie man eine Geschichte erzählen muss: Im Laufe ihrer Zeit als Schauspielerin arbeitete sie mit Schriftstellern wie Ernest Hemingway oder Tennessee Williams, Produzenten wie Joe Mankiewicz und Regisseuren wie John Ford zusammen: All diese Namen galten damals als Koryphäen auf ihrem Gebiet und ihre künstlerische Arbeit gilt bis heute als Maßstab. Als Schauspielerin war Ava Gardner ein Medium, mit dem Schriftsteller wie Hemingway ihre Werke dem Kinopublikum nahebrachten: In der Verfilmung von Hemingways Romanerfolg Schnee auf dem Kilimandscharo [The Snows of Kilimanjaro, 1952], in der auch Hildegard Knef mitspielte, spielte Gardner die Rolle der Cynthia.  
Auch wenn Ernest Hemingway selten mit den Filmadaptionen seiner Werke einverstanden war, verband ihn mit Ava Gardner eine enge Freundschaft.

Selbst wenn sie in einem Film eine extravagante Dame aus der Oberschicht spielte, schimmerte immer das Mädchen von der Farm durch.

Das Mädchen von der Farm

Schon früh in ihrer Karriere wurde Ava Gardner mit dem Publicity-Bewusstsein der großen Hollywood-Studios konfrontiert: Ein MGM-Publicity-Agent erfand für eine Broschüre die Information, dass Ava Gardner aus bettelarmen Verhältnissen stammte. Obwohl Gardner aus recht bescheidenen Verhältnissen kam, stellte sie später immer wieder klar, dass ihre Familie nicht bettelarm war – doch die Öffentlichkeit nahm die Publicity-Strategie der Studios für bare Münze, egal, wie Gardner sich dazu äußerte. Ava Gardner muss somit früh erkannt haben, was es bedeuten würde, Karriere im Showbusiness zu machen: Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass sich Gardner zugunsten der öffentlichen Wahrnehmung ihrer Person verbog und die tatsächliche Geschichte für sich behielt.
Ava Gardner wuchs in den 1920ern und 1930ern auf einer Farm auf, auf der es kein fließendes Wasser oder Elektrizität gab: Als sie sich später, nach dem Ende ihrer Schauspielkarriere, zurückerinnerte, wurde sie sich bewusst, welche Privilegien sie inzwischen genoss – damit meinte sie nicht nur materiellen Reichtum, sondern Dinge wie fließendes Wasser, die vielerorts mittlerweile als Grundbedürfnisse gelten. Ihre Wurzeln vergaß Gardner nie – selbst wenn sie in einem Film eine extravagante Dame aus der Oberschicht spielte, schimmerte immer das Mädchen von der Farm durch – genau das machte Gardner so attraktiv für ein großes Publikum. 

Ein Besuch in New York veränderte alles

Wie konnte Ava Gardner im Sommer 1940 ahnen, dass ihr Besuch bei ihrer Schwester in New York ihr gesamtes Leben verändern würde? Der Ehemann ihrer Schwester war Photograph und schoss einige Portraits von Ava Gardner: Der Photograph war so sehr angetan von den Portraits, dass er sie im Schaufenster seines Ateliers in der New Yorker Fifth Avenue ausstellte. Der Zufall wollte es, dass einige Wochen später ein Angestellter des Mutterunternehmens von MGM, Loew’s Inc.,  am Schaufenster vorbeilief und sich erkundigte, um wen es sich bei der Dame auf den Portraits handelte. Der Angestellte gab seine Entdeckung weiter an die Talentabteilung von den MGM Studios, die sich nach Probeaufnahmen dazu entschlossen, die junge Ava Gardner unter Vertrag zu nehmen. Soweit die Legende. 

So gelangte Ava Gardner an ihren ersten Studiovertrag mit MGM und fand Zugang zum Showbusiness. Einer der Verantwortlichen bei MGM, Louis B. Mayer, soll über die junge Gardner gesagt haben: „Sie kann nicht schauspielern. Sie kann nicht sprechen. Sie ist grandios. Verpflichteten Sie sie.“ Gardner gab Louis B. Mayer später Recht, indem sie sagte, sie sei eigentlich gar keine richtige Schauspielerin gewesen, sondern habe die meiste Zeit nur herumgestanden und dabei gut ausgesehen. Die Filme, in denen Gardner mitspielte, erzählen jedoch eine andere Geschichte: In Ava Gardner steckte eine facettenreiche Schauspielerin, die sich erfolgreich dagegen wehrte, auf die Rolle des Sexsymbols reduziert zu werden. Ihr Handwerkszeug lernte Ava Gardner in den ersten vier Jahren ihrer Karriere: Das Studio bildete Gardner in Sachen Haltung, Schauspielerei und Rhetorik aus. 

Rächer der Unterwelt – Durchbruch

Ihren Durchbruch feierte Ava Gardner jedoch nicht unter Vertrag bei den MGM Studios, sondern bei den Universal Studios: Im Film Noir-Klassiker Rächer der Unterwelt [The Killers], der auf einer Kurzgeschichte von Ernest Hemingway basierte, spielte Ava Gardner die Hauptrolle an der Seite von Burt Lancaster. Später spielte Gardner erneut an der Seite von Burt Lancaster im Politthriller Sieben Tage im Mai [Seven Days in May, 1963], in dem auch Kirk Douglas mitspielte.
Ihre Rolle in Rächer der Unterwelt hatte zur Folge, dass Gardner künftig auch bei den MGM Studios hochkarätigere Rollenangebote erhielt: Unter der Regie von John Ford oder George Cukor blühte Ava Gardner auf. Gardner sah sich selbst nie als die wichtigste Person bei der Arbeit an einem Film: Sie sah den Regisseur im Mittelpunkt des Geschehens, denn vom Regisseur hängt es ab, ob der Film am Ende ein Herz und eine Seele besitzt. Rückblickend bezeichnete Gardner Rächer der Unterwelt als einen ihrer besten Filme, bei dessen Dreh sie am meisten Spaß hatte.

In Mogambo (1953) spielte Ava Gardner an der Seite von Clark Gable und Grace Kelly, John Ford führte Regie: Gardners Rolle der Tänzerin Eloise Kelly ist bis heute eine von ihren bekanntesten Rollen und brachte ihr ihre einzige Nominierung für einen Academy Award ein. 

Höhepunkt der Karriere

In den 1950ern stand Ava Gardner ohne Frage auf dem Höhepunkt ihrer Karriere: Beim Filmdrama Die barfüßige Gräfin [The Barefoot Contessa, 1954] führte Joseph L. Mankiewicz Regie, er schrieb das Drehbuch und übernahm die Funktion des Produzenten. Der Film wird häufig als der Ava Gardner-Film schlechthin bezeichnet. Obwohl das Verhältnis zwischen Gardner und Mankiewicz nicht unbedingt von gegenseitiger Zuneigung bestimmt war, gestand Gardner später ein, dass Mankiewicz ein begnadeter Drehbuchautor war, der für Schauspielerinnen wie sie eine Rolle auf Basis einer literarischen Vorlage perfekt konzipieren konnte. 
In George Cukors Film Knotenpunkt Bhowani [Bhowani Junction, 1956] spielte Gardner die Rolle der Halbinderin Victoria Jones: Diese Rolle ist ein Beispiel dafür, dass Gardner auch Rollen, die fernab von ihrem Kulturkreis lagen, glaubwürdig spielen konnte. 

Ava Gardner war nicht einfach nur ein weiteres Produkt der Hollywood-Studios, die in den frühen Fünfzigern Stars am Fließband produzierten.

Nach den Fünfzigern und den frühen Sechzigern war Ava Gardners Blütezeit als Schauspielerin vorüber: Sie stellte selbst fest, dass viele ihrer späteren Rollen nicht annähernd an ihre Rollen in den Fünfzigern und Sechzigern herankamen. Ihre Ehe mit dem Sänger und Schauspieler Frank Sinatra zwischen 1951 und 1957 war die wohl brisanteste Hollywood-Ehe des 20. Jahrhunderts: Das Auf und Ab der Ehe zwischen den beiden Künstlern war Gegenstand unzähliger Presseberichte. 
Wenn Ava Gardner in ihrem späteren Leben von ihrer Kindheit erzählte, wurde sie melancholisch: Sie verlor ihren Vater sehr früh und ihre Jugend stand ganz im Zeichen der Great Depression. Arbeit zu finden war für ihre Familie alles andere als einfach und Gardner vergaß nie die schwere Zeit, die sie als Jugendliche durchleben musste. Sie lernte, was es bedeutete, mittellos auf die Welt zu kommen – umso mehr konnte sie es später einschätzen, wenn sie die Lorbeeren ihrer Berühmtheit erntete. 

Mehr als ein Sex-Symbol

Obwohl Ava Gardner immer der Meinung war, man hätte ihr Potenzial aus Schauspielerin nie ganz ausgenutzt, bleibt sie eine der facettenreichsten Hollywood-Schauspielerinnen des 20. Jahrhunderts. Man besetzte sie gerne in der typischen Rolle der lasziven Verführerin: Trotzdem distanzierte sich Gardner klar vom Klischee des Sex-Symbols und entschied selbst, welche Rollentypen sie spielte. Trotz der Kritik, die immer wieder am klassischen Hollywood-System laut wurde, steht eines fest: Ohne ihre frühe Entdeckung und umfassende Ausbildung in verschiedenen Disziplinen, die sie als Schauspielerin beherrschen musste, hätte sie rein gar nichts von ihrem Talent ausüben können. Ava Gardner war nicht einfach nur ein weiteres Produkt der Hollywood-Studios, die in den frühen Fünfzigern Stars am Fließband produzierten.
Sie entwickelte ihren eigenen Stil mithilfe des schauspielerischen Handwerks, das man ihr früh vermittelte.

Simon von Ludwig


Maßgebliche Quellen: Evans, Peter & Gardner, Eva: Ava Gardner – The Secret Conversations, 2014 Simon & Schuster & Ava Gardners Eintrag in der Encyclopedia Britannica

Beitragsbild: Frank Sinatra und Ava Gardner in Kloten
Bildnachweis: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) / Com_X-S067-005 / CC BY-SA 4.0


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