Im Herbst 1943 zog es Marlon Brando nach New York: Dort meldete er sich bei der Theatre Wing Professional School an, um die Kunst des Schauspielens zu erlernen. Seine Lehrerin war Stella Adler (1901–1992): Adler war eine Vertreterin der Stanislawski-Methode, eine bedeutende Schauspieltheorie des 20. Jahrhunderts. Zu ihren Schülern gehörten neben Marlon Brando auch Warren Beatty, Robert de Niro und Kate Mulgrew. Bei der Stanislawski-Methode geht es darum, durch intensives Durchleben der Rolle den Eindruck von besonderer Natürlichkeit und Glaubhaftigkeit zu erwecken.
Oft wird behauptet, die Stanislawski-Methode stünde im Gegensatz zu Lee Strasbergs Method-Acting. Das Method-Acting arbeitet – anders als die Stanislawski-Methode – mit Erfahrungen aus dem eigenen Leben des Schauspielers. Brando wird als Vertreter beider Stilrichtungen der Schauspielkunst angesehen. 

Authentische Charakterdarstellungen

Einmal forderte Stella Adler ihre Schüler dazu auf, so zu tun, als ob sie alle Hühner wären, die vor einer Atombombe davonlaufen würden. Die Schüler rannten herum und wedelten mit ihren Armen umher – bis auf einen: Marlon Brando verhielt sich ruhig und tat so, als ob er gerade ein Ei legen würde. Stella Adler fragte ihn, warum er so reagierte und erfuhr von ihm: „Ich bin ein Huhn – was weiß ich schon über Bomben!“
Brando zeigte, dass er weiter dachte als die meisten seiner Kollegen – obwohl es lediglich eine Schauspielübung war, ist sie ein frühes Beispiel für die Authentizität der Charakterdarstellungen Marlon Brandos. 

„Ich bin ein Huhn – was weiß ich schon über Bomben!“

Marlon Brando

Anfänge am Broadway

Die Anfänge von Marlon Brandos Schauspielkarriere liegen am Broadway: Im Broadway-Stück I Remember Mama lieferte Marlon Brando eine seiner ersten schauspielerischen Darbietungen ab. Das Stück feierte im Herbst 1944 seine Premiere. In den folgenden Monaten trat Brando in zahlreichen Broadway-Produktionen auf: 1946 feierte er seinen Durchbruch am Broadway mit dem Stück A Flag is Born. In den Vierzigern baute sich Marlon Brando ein großzügiges Repertoire an Broadway-Rollen auf – zu seinem Repertoire zählten ebenfalls Stücke von Shakespeare oder Jean Anouilh. Mit 22 Jahren zählte Marlon Brando bereits zu den gefragtesten Schauspielern am Broadway. 

Endstation Sehnsucht

1947 trat Marlon Brando in einem Bühnenstück von Tennessee Williams auf: In Endstation Sehnsucht übernahm Marlon Brando die Rolle des Stanley Kowalski. Bei diesem Broadway-Stück wurde ein ikonischer Look geschaffen, der bis heute mit Marlon Brando in Verbindung gebracht wird: Die Kostümdesignerin Lucinda Ballard kleidete Brando mit enganliegenden T-Shirts und Blue Jeans ein. Damals war es für Männer nicht üblich, diese Kleidungsstücke enganliegend zu tragen. Das änderte sich mit Endstation Sehnsucht.

Endstation Sehnsucht war am Broadway so erfolgreich, dass man sich für eine Hollywood-Verfilmung entschied. Die Idee einer Hollywood-Verfilmung lag von Anfang an nicht ganz fern, da Irene Mayer Selznick, Ehefrau des bekannten Produzenten David O. Selznick, die Bühneninszenierung vorbereitet hatte.
Endstation Sehnsucht kam 1951 auf die Kinoleinwände: Marlon Brando übernahm wieder die Rolle des Stanley Kowalski. Mit der Verfilmung des Broadway-Erfolgs wurde Marlon Brando zum ersten Mal einem breiten Publikum bekannt: Es war sein Durchbruch als Filmschauspieler. 

1953 stellte Marlon Brando unter Beweis, dass er auch in klassischen Stoffen überzeugen konnte: In Julius Caesar, das auf William Shakespeares gleichnamigem Stück basiert, spielte Brando die Rolle des Marcus Antonius.
Marlon Brandos Vorliebe für historische Stoffe ließ nicht nach: 1954 schlüpfte Brando für den Film Désirée in die Rolle des Napoleon Bonaparte. Er nahm seine Rolle sehr ernst: Wie kaum ein anderer Schauspieler vor ihm meisterte Brando die Darstellung von Napoleon Bonaparte, mit all seiner Zielstrebigkeit, Arroganz und Anziehungskraft. 

Western und Meuterei auf der Bounty

Nachdem sich Marlon Brando einen Namen als Schauspieler gemacht hatte, reizte ihn die Tätigkeit hinter den Kulissen: Im Western Der Besessene (1961) übernahm Marlon Brando nicht nur die Hauptrolle, er führte ebenfalls Regie. Brandos einzige Regiearbeit brachte ihm positive Kritiken ein – nichtsdestotrotz sprengte Brando das Budget des Films, weshalb der Film kein Profitgeschäft für die Paramount wurde.
1962 spielte Marlon Brando in einem seiner bekanntesten Filme: Meuterei auf der Bounty war damals eine der aufwendigsten und teuersten Produktionen der Geschichte Hollywoods.
Hinter den Kulissen von Meuterei auf der Bounty lief nichts so, wie es sollte: Schließlich musste sogar der Regisseur ausgetauscht werden, damit Brando weiterhin mitwirkte. Brando steuerte zahlreiche Sonderwünsche zum Dreh bei, die beim ursprünglich vorgesehenen Regisseur nicht gut ankamen. 

Während der Dreharbeiten zu Meuterei auf der Bounty auf Tahiti entdeckte Marlon Brando das nördlich von Tahiti gelegene Atoll Tetiaroa. Marlon Brando gefiel Tetiaroa so gut, dass er die zwölf Inseln des Atolls vom Eigentümer pachtete und in den kommenden Jahrzehnten sehr viel Zeit auf Tetiaroa verbrachte.

Der Pate

Im Western Südwest nach Sonora (1966) lieferte Marlon Brando seine zweite Schauspielarbeit in einem Western ab, die von Publikum und Kritik positiv aufgenommen wurde.
1969 kauften die Paramount Studios die Rechte am Mafia-Roman Der Pate von Mario Puzo. Wenig später wurde bekannt, dass es eine Verfilmung geben würde.
Für Marlon Brando war es wichtig, unter einem Regisseur zu arbeiten, der seine Vorschläge und Wünsche anhörte und berücksichtigte. Francis Ford Coppola, der die Regie von Der Pate übernahm, war genau so ein Regisseur: Coppola war dafür bekannt, die Vorschläge seiner Schauspieler zu berücksichtigen. 

Als Coppola Marlon Brando als Hauptdarsteller durchsetzen wollte, bekam er Gegenwind von der Paramount: Wegen der zahlreichen überzogenen Filmbudgets, für die Brando unter anderem verantwortlich gemacht wurde, weigerte sich Paramount zunächst, Brando als Hauptdarsteller in Der Pate zu akzeptieren. Coppola konnte sich allerdings durchsetzen und Brando übernahm die Rolle des Don Vito Corleone. Marlon Brando erhoffte sich mit dem Projekt Der Pate,seine Karriere nach einigen Rückschlägen in eine neue Richtung zu bringen. 

Letzte Rollen und Vermächtnis

Francis Ford Coppola und Marlon Brando arbeiteten ein zweites Mal zusammen: Im Antikriegsfilm Apocalypse Now übernahm Brando die Hauptrolle. Apocalypse Now zählt zu den Höhepunkten der New Hollywood-Ära: Der Film greift die Ereignisse des Vietnamkriegs auf und verhilft dem Zuschauer zu einer kritischen Sicht gegenüber Kriegen allgemein.
1978 wirkte Marlon Brando in der Comic-Verfilmung Superman mit.
Bis 2001 spielte Marlon Brando in zahlreichen weiteren Filmen mit.
Am 1. Juli 2004 verstarb Marlon Brando in Los Angeles.
Marlon Brando stellte im Laufe seiner Schauspielkarriere die unterschiedlichsten Charaktere dar, die ihn bis heute bekannt und beliebt machen. 

Simon von Ludwig

Der Pate: Meisterwerk der Filmkunst

Beitragsbild: Eine Replik der HMS Bounty, genutzt für die Dreharbeiten von Meuterei auf der Bounty
© Kevin Burkett, „HMS Bounty“, CC BY-SA 2.0

Maßgebliche Quellen: Hourly History: „Marlon Brando – A Life from Beginning to End“, 2020 und verschiedene Filme mit Marlon Brando in der Hauptrolle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.