Dieser Artikel erscheint am 25. März 2023 anlässlich des Geburtstags von David Lean, der sich zum 115. Mal jährt.

David Leans Eltern waren Quäker: Im Glauben der Quäker beschädigt das Schauspielen die Persönlichkeit des Schauspielers und ist daher abzulehnen. Als er noch ein Junge war, verboten ihm seine Eltern, ins Kino zu gehen. Unter diesen Vorzeichen wuchs einer der einflussreichsten Filmregisseure des 20. Jahrhunderts auf – das Kino und die Filmkunst spielten in Leans Kindheit so gut wie keine Rolle.
Doch das Kino muss schon als Kind eine Magie auf David Lean ausgeübt haben: Im Alter von dreizehn Jahren schlich sich der junge Lean gemeinsam mit einem Freund ins Kino und sah sich seinen ersten Film, den Stummfilm Der Hund der Baskerville [The Hound of the Baskervilles, 1921] an.
Lean vertraute es seiner Mutter an, dass er regelmäßig das Kino besuchte – seine Mutter verheimlichte es vor seinem Vater, der im Kinobesuch einen Widerspruch zum strengen Glauben der Quäker sah. Am Ende schaffte es der junge Lean sogar, seine Mutter dazu zu bewegen, mit ihm ins Kino zu gehen: Zwar sah sie sich ebenfalls dem Quäker-Glauben verpflichtet, doch mit den Regeln ihrer Glaubensgemeinschaft bezüglich Kino und Filmkunst nahm sie es nicht so genau.

Beinahe seine gesamte Freizeit soll der junge David Lean in der Dunkelkammer verbracht haben.

Seine erste Kamera

Im Alter von zehn Jahren bekam Lean von einem Onkel seinen ersten Fotoapparat geschenkt, eine Kodak Brownie. Damals war es äußerst ungewöhnlich, einem Zehnjährigen ein solches Geschenk zu machen: Rückblickend war dieses Geschenk jedoch wichtiger als David Leans gesamte formelle Ausbildung.
Als er zwischen vierzehn und neunzehn Jahren alt war, gab er sein gesamtes Geld für sein Hobby der Photographie und des Filmens aus: Er kaufte sich Filmrollen und Vergrößerungspapier, beinahe seine gesamte Freizeit soll er in der Dunkelkammer verbracht haben.
Ohne Frage war es diese Zeit in seiner Jugend, in der David Lean sein Talent dafür entdeckte, zu fotografieren und zu filmen. 
Seine ersten Schritte im Filmgeschäft ging David Lean, als er 1927 begann, bei den Gaumont Studios als Filmklappen-Assistent zu arbeiten: Lean kam zu einer Zeit in die britische Filmindustrie, als sie sich gerade von einem Tiefpunkt erholte. Ohnehin waren Filme aus britischer Produktion damals zu keinem Zeitpunkt besonders gefragt – die Menschen wollten die amerikanischen Streifen sehen. Hinzu kam, dass sich viele britische Banken und Investoren weigerten, in Filme zu investieren – Filme zu produzieren sei schließlich die Aufgabe von Hollywood.

Tätigkeit als Cutter

1927 rang man sich mit dem Cinematograph Films Act schließlich doch dazu durch, der britischen Filmindustrie einen Schub zu geben: Es wurden Mittel bereitgestellt und zahlreiche Talente rekrutiert, um den britischen Film in einen Boom zu versetzen. Kinos wurden dazu angehalten, eine Mindestquote an britischen Filmen zu zeigen. David Lean gehörte zu diesen Talenten, die man rekrutierte: Die britische Filmbranche, die sich am Rande der Bedeutungslosigkeit befand, bekam nun Aufwind.
Lean war zunächst nicht als Regisseur tätig, sondern als Cutter: Er war unter anderem dafür zuständig, das Filmmaterial für Wochenschauen zusammenzuschneiden. Später sagte David Lean, das Schneiden eines Films sei mit Abstand die spannendste und entscheidendste Phase, die ein Film während seiner Produktion durchlaufe: Er ließ sich später bei großen Produktionen stets vertraglich zusichern, nicht nur Regie führen zu dürfen, sondern auch für den Schnitt des Films verantwortlich zu zeichnen. Die Arbeit eines Regisseurs konnte noch so gut sein, wenn der Schnitt dem Film nicht gerecht wird, kommt kein gutes Endergebnis heraus. 

Erste Regiearbeiten 

David Lean beabsichtige zunächst gar nicht, eines Tages Regisseur zu werden: Leans Laufbahn als Regisseur begann, als ihn eines Tages der Schriftsteller Noël Coward anrief. Coward war bekannt für zahlreiche Bühnenstücke und wollte seine Arbeit Anfang der Vierziger verfilmen. Lean, den er durch seine Arbeit als Cutter kannte, schien ihm ein geeigneter Partner dafür.
Im Film Wunderbare Zeiten [This Happy Breed, 1944] führte David Lean zum ersten Mal alleine Regie – die Vorlage für den Film verfasste, wie bei allen anderen frühen Regiearbeiten von David Lean, Noël Coward. Rückblickend war der Schriftsteller Coward derjenige, der David Lean die Möglichkeit gab, sich als Regisseur zu behaupten.
Das Drama Geheimnisvolle Erbschaft [Great Expectations, 1946] basiert auf dem gleichnamigen Roman von Charles Dickens: David Lean führte für diesen Film zum ersten Mal abseits von Coward-Filmen Regie und lernte Alec Guinness kennen, der zu einem seiner Stammschauspieler wurde. 1948 schloss sich gleich noch eine Charles Dickens-Verfilmung an: Er führte in Oliver Twist (1948) Regie, in dem auch Alec Guinness wieder eine Hauptrolle spielte. Beide Filme gelten heute als die Charles Dickens-Verfilmungen schlechthin, vor allem wegen Leans einmaligem Regie-Talent. 

Das, was Schriftsteller wie Charles Dickens aufs Papier brachten, vermochte Lean auf der Leinwand zu inszenieren. 

Visueller Schriftsteller

Der deutsch-amerikanische Filmregisseur William Wyler soll David Lean einst folgenden Rat gegeben haben: „Wenn Du vorhast, das Publikum zu schockieren, bring sie beinahe an den Punkt, an dem ihnen langweilig wird, bevor Du sie schockierst.“ Diesem Ratschlag soll Lean in vielen seiner Filme Folge geleistet haben – er wusste wie kein anderer Regisseur, wann es an der Zeit war, die Handlung durch Dialoge voranzubringen und wann das Publikum nach einem Schockmoment verlangte.
David Lean galt als eine Art „visueller Schriftsteller“: Das, was Schriftsteller wie Charles Dickens aufs Papier brachten, vermochte Lean auf der Leinwand zu inszenieren. 
Sein können als visueller Schriftsteller zeigt David Lean in den Fünfzigern und Sechzigern: Mit dem Kriegsdrama Die Brücke am Kwai [The Bridge on the River Kwai, 1957] begann für Lean eine ganze Reihe an erfolgreichen Filmen, bei denen er Regie führte: Bei seinen Filmen erzählte Lean nicht einfach nur eine Geschichte, fast immer drehte es sich um den inneren Konflikt der Titelfigur. So ist es auch bei Lawrence von Arabien [Lawrence of Arabia, 1962]: Die Geschichte der Hauptfigur T.E. Lawrence, gespielt von Peter O’Toole, beginnt als britischer Offizier, der – so glaubt er – die Araber bei ihrem Begehren, unabhängig zu werden, unterstützen soll. Als ihm die tatsächlichen Absichten der Kolonialmächte bewusst werden, nimmt der Film eine Wendung: Lawrence schlägt sich auf die Seite der Araber und nimmt ihre kulturelle Identität an. Diese vielschichtige Handlung, die auf einer tatsächlichen Geschichte basiert, wird von Leans visueller Kunst maßgeblich gestützt: Der Film wird bis heute vor allem wegen seiner atemberaubenden Wüstenbilder geschätzt. 

Was Lean aus der Verfilmung von Jenseits von Afrika herausgeholt hätte, wird immer ein Geheimnis bleiben.

Jenseits von Afrika unter der Regie von David Lean?

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere drehte David Lean zwar recht wenige Filme, dafür aber sehr aufwändige Filme: Alleine der Dreh von Lawrence von Arabien nahm 20 Monate in Anspruch.
An den enorm erfolgreichen Film Lawrence von Arabien, der mit sieben Oscars prämiert wurde, schloss sich die noch erfolgreichere Produktion Doktor Schiwago [Doctor Zhivago, 1965] an. Das epische Liebesdrama dreht sich um die Geschichte des titelgebenden Dr. Juri Schiwago zur russischen Revolutionszeit. Omar Sharif und Alec Guinness waren in Hauptrollen zu sehen.
In den Siebzigern und Achtzigern realisierte Lean weitere Projekte, jedoch war seine Arbeit bei den Kritikern nicht mehr so beliebt wie zuvor: Der Zeitgeist entfernte sich von Regisseuren wie David Lean. In den Achtzigern äußerte David Lean Interesse daran, die Verfilmung des Literaturklassikers Jenseits von Afrika zu realisieren. Sein Vorhaben scheiterte schließlich daran, dass er keinen geeigneten Produzenten fand – was Lean aus der Verfilmung von Jenseits von Afrika herausgeholt hätte, wird immer ein Geheimnis bleiben. Seine letzte Regiearbeit war der Monumentalfilm Reise nach Indien [A Passage to India, 1984], der auf einem Roman von Edward Morgan Forster basiert. 

Vierfache Begabung

Leni Riefenstahl sagte einst bei einem Vortrag in Cherbourg, dass es einer vierfachen Begabung bedarf, um ein guter Farbfilmregisseur zu sein: Man muss alles, was man mit seinen Augen sieht, ins Optische umwandeln können und man muss ein natürliches Gefühl für Rhythmus und Bewegung haben – die ersten zwei Talente.
Das dritte Talent: Kommt Musik und Ton ins Spiel, reicht es nicht, musikalisch zu sein – es bedarf einer filmischen Musikalität, um zu wissen, wann welche Musik passt. Zu guter Letzt muss der Regisseur eines Farbfilms die Gabe besitzen, Farben „filmisch“ handhaben zu können: Hierbei geht es nicht zuletzt um die Tatsache, dass verschiedene Farben unterschiedliche Gemütszustände beim Publikum auslösen. David Lean war einer der ganz wenigen Regisseure, dem all diese Talente gegeben waren: Das stellte er mit seinen atemberaubenden Produktionen unter Beweis.

Simon von Ludwig


Beitragsbild: David Lean 1952 am Flughafen Amsterdam Schiphol
Bildnachweis: Fotograaf Harry Pot, Nationaal Archief, CC0

Maßgebliche Quellen: Brownlow, Kevin: David Lean: A Biography, 1996 Macmillan sowie Riefenstahl, Leni: Memoiren, 2000 Evergreen (TASCHEN)


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