Nicht selten hört man, ein Rotwein müsse lange im Fass reifen, bevor er ein intensives Aroma entwickelt und trinkbar wird: Diese Aussage trifft jedoch bei weitem nicht auf jeden Rotwein zu. Der Beaujolais ist nur ein Beispiel für einen Rotwein, der jung getrunken wird: Im Anbaugebiet Beaujolais, das südlich des prestigeträchtigen Anbaugebiet Burgund liegt, werden Weine produziert, die Kenner vor allem für ihren niedrigen Tanningehalt schätzen. Wem schwere, komplexe Rotweine mit viel Tanninen weniger schmecken, kommt mit dem Beaujolais auf seine Kosten. Wegen seines geringen Tanningehalts ist der Beaujolais einer der ganz wenigen Rotweine, die auch zu Fisch getrunken werden können: Obwohl Sean Connery in seiner Rolle als James Bond in Liebesgrüße aus Moskau seinen Gegner dadurch enttarnte, dass er roten Chianti zum Fisch trank statt einen Weißwein, wäre ein Beaujolais vermutlich schon damals eine gute Wahl zum Fisch gewesen. 

Das Ergebnis der karbonischen Gärung sind fruchtige, unkomplizierte Weine, die sehr jung getrunken werden können. 

Karbonische Gärung

Weshalb enthält ein Beaujolais-Wein wenige Tannine? Bei der Herstellung von Beaujolais-Weinen kommt ein spezielles Verfahren namens karbonische Gärung (macération carbonique) zum Einsatz.
Die karbonische Gärung differenziert sich klar von der herkömmlichen Maischegärung: Das Verfahren der karbonischen Gärung wurde 1934 bei dem Versuch entdeckt, Tafeltrauben über einen längeren Zeitraum frisch zu halten. Man bewahrte die Trauben unter einer Kohlendioxid-Schutzgashülle bei 0 Grad Celsius auf: Nach zwei Monaten beobachtete man, dass eine Gärung eingesetzt hatte. Das Ergebnis dieser Gärung verarbeitete man zu Wein, der sich von jenem Wein, der nach der Maischegärung hergestellt wurde, grundsätzlich unterschied: Die Weine waren heller und leichter, nicht zuletzt enthielten die Weine wesentlich weniger Tannine.
Nach dieser Entdeckung entwickelte man die karbonische Gärung weiter: Bei Beaujolais-Weinen werden die Trauben nicht abgepflückt, sondern die Traubendolde bleiben ganz. Deshalb müssen die Trauben zumeist von Hand geerntet werden – eine maschinelle Ernte, bei der die Beeren gepflückt werden, kommt oft nicht infrage.
Unter der Zugabe von Kohlendioxid (es entsteht ein Druck im im Gärtank) findet eine Fermentation in jeder einzelnen Traube statt – dieser Prozess erfolgt ohne Einwirkung von Hefen innerhalb der Beeren, wie es bei der Maischegärung der Fall ist. 

Das Ergebnis der karbonischen Gärung sind fruchtige, unkomplizierte Weine, die sehr jung getrunken werden können. 
Die allermeisten Beaujolais-Weine werden mit einer einzigen Rebsorte hergestellt: Die Rotweinsorte Gamay noir wächst auf über 90 Prozent der Rebfläche des Weinbaugebiets Beaujolais. Gamay ist von sich aus schon eine Rebsorte, die für einen geringen Tanningehalt im Weinerzeugnis sorgt – dieser Charakterzug wird durch die karbonische Gärung nur noch unterstützt. Neben der karbonischen Gärung gibt es noch die macération semi-carbonique: Diese Methode unterscheidet sich von der karbonischen Gärung dadurch, dass auf die Zugabe von Kohlendioxid verzichtet wird. Bei der macération semi-carbonique werden die Trauben zunächst in einen Tank gefüllt: Die Trauben, die oben auftreffen, zerquetschen die unteren Trauben und setzen so den Saft der Trauben frei. Die natürliche Hefe auf der Traubenhaut löst eine alkoholische Fermentation aus, die den Wein auf seinen finalen Alkoholgehalt bringt. 

Die Gamay-Rebsorte

Zu Unrecht hat der Beaujolais einen Ruf als „kleiner Bruder“ der prestigeträchtigen Weinbauregion Burgund: Ein Herzog von Burgund, Philip II. der Kühne, verbot um 1395 den Anbau der Gamay-Rebsorte im Burgund mit der Begründung, Pinot noir sei die elegantere Rebsorte im Vergleich zu Gamay. Nur weil Gamay weniger Ansprüche an Klima und Boden stellt und leichter zu ernten ist, ist die Rebsorte nicht zwangsläufig eine minderwertige Rebsorte.
Der Erlass von Philip II. bezog sich nicht auf die Beaujolais-Region: Dort wurden Gamay-Trauben weiterhin angebaut. Somit geht es auf das Ende des 14. Jahrhunderts zurück, dass die Gamay-Rebsorte bis heute im Beaujolais angebaut wird. 
Die Granitböden im Beaujolais eignen sich perfekt für den Anbau der Gamay-Traube. Zunächst war das Weinerzeugnis aus dem Beaujolais vor allem ein regionales Erzeugnis: Als der Beaujolais im 19. Jahrhundert mit Paris über eine Eisenbahnlinie verbunden wurde, war der Wein aus Beaujolais eine begehrte Ware in den Pariser Bistros. 

Rund um das Eintreffen der neuen Beaujolais-Weine hat sich eine ganz eigene Kultur entwickelt.

Beaujolais Nouveau

Da der Beaujolais ein Wein ist, den man sehr jung trinkt, hat sich rund um das Eintreffen der neuen Beaujolais-Weine eine ganz eigene Kultur entwickelt: Diese Kultur ist vergleichbar mit dem Eintreffen der neuen Darjeeling First Flush-Tees im Frühling.
Jedes Jahr am dritten Donnerstag im November kommt der Beaujolais Nouveau (auch Beaujolais Primeur genannt) auf dem Markt: Damit ist der Beaujolais Nouveau der erste französische Wein, der noch im Jahr der Ernte auf den Markt gebracht wird.
Besonders in den Siebzigern und Achtzigern gab es eine sehr große Nachfrage nach Beaujolais Nouveau: Dieser Trend ist mittlerweile wieder etwas abgeflacht und auch Weine abseits des Beaujolais Nouveau erfreuen sich großer Beliebtheit. 
Die Methode der karbonischen Gärung ist der Grund, weshalb es den Beaujolais Nouveau überhaupt gibt: Diese Methode der Gärung lässt innerhalb kürzester Zeit einen trinkfertigen Wein entstehen.

Qualitätsstufen des Beaujolais

Beim Beaujolais gibt es drei grundlegende Qualitätsstufen: Die Stufe Beaujolais AOC umfasst alle 96 Dörfer der Weinbauregion. Aus dieser Qualitätsstufe stammt meist der Beaujolais Nouveau.
Das Label Beaujolais-Villages AOC setzt voraus, dass der Beaujolais in einer Auswahl von 39 Dörfern hergestellt wurde: Der Weinbau in diesen Dörfern findet auf Schiefer- und Granitböden statt, der den Weinen einen besonderen Mineralgeschmack gibt.
Bei der prestigeträchtigsten Qualitätsstufe Cru Beaujolais handelt es sich um zehn Dörfer, die im Norden des Beaujolais – in der Nähe des Burgund – angesiedelt sind. All diese Dörfer haben ihre eigene Appellation. Jeder dieser Weine hat einen anderen Einschlag: In Moulin-à-Vent werden zum Beispiel Weine mit – für Beaujolais-Verhältnisse – recht hohem Tanningehalt hergestellt, in Fleurie hingegen werden Weine mit wenigen Tanninen und floralem Geschmack produziert.

Hinter der Weinbauregion des Beaujolais steckt mehr als nur der Beaujolais Nouveau: In der Hierarchie der französischen Rotweine ist der Beaujolais zwar klar unter dem Burgund eingeordnet, dennoch sind die Weinerzeugnisse aus dem Beaujolais die perfekte Wahl zu zahlreichen Speisen: Besonders die Spitzenerzeugnisse aus den Beaujolais Cru-Dörfern können es mit manchem hochkarätigen Wein aus dem Burgund aufnehmen.

Simon von Ludwig


Beitragsbild: © Simon von Ludwig


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