Unter Tee-Aficionados gilt er als einer der vielfältigsten und charaktervollsten Tees der Welt: Darjeeling-Tee ist nach dem gleichnamigen indischen Distrikt im tiefsten Norden des Landes benannt. Darjeeling ist umkreist von Hochburgen der zentralasiatischen Kultur: Im Westen grenzt der Distrikt an Nepal, im Osten an Bhutan und im Norden an Tibet. Die imposanten Gebirgszüge des Himalaya liegen ebenfalls in nicht allzu weiter Ferne.
Als der Schriftsteller Mark Twain in den 1890ern eine Reise nach Darjeeling unternahm, war er nicht nur von der Tierwelt, die er am Straßenrand beobachten konnte, begeistert: Die Vegetation „gleicht einem Museum“, wie er in seinem Reisetagebuch vermerkte.
Die Landschaft in Darjeeling ist voller religiöser Anspielungen: Der Name Darjeeling rührt vom Hügel Dorji Ling, wo vor Generationen die Gottheit Indra einen Blitzeinschlag verursacht haben soll. Indra gilt in den vedischen Schriften unter anderem als Gottheit des Regens und Sturms. Heute heißt dieser Ort Observatory Hill: Es ist der höchste Punkt der Provinz Darjeeling. 

Die letzten 150 Jahre in Darjeeling zeigen, dass sich auch angesehene Botaniker irren können. 

Tee in Darjeeling? Unmöglich

Anders als häufig behauptet wird, begann man in Darjeeling erst vor etwa 150 Jahren mit dem Teeanbau: Behauptungen, der Teeanbau in Darjeeling sei etwas, das bereits seit Jahrtausenden Bestand habe, lassen sich leicht widerlegen.

Der hochangesehene englische Botaniker Joseph Dalton Hooker (1817–1911) formulierte zu Lebzeiten, es sei ein beinahe unmögliches Unterfangen, in der hochgelegenen Region Darjeeling Tee anzubauen. Die Region Darjeeling lege zu hoch, es gebe zu wenig Sonneneinstrahlung und das Klima sei zu feucht, urteilte der Botaniker. Die ersten Teebauern in Darjeeling müssen sich genau wie die dänische Schriftstellerin Tania Blixen gefühlt haben, die von Zeitgenossen belächelt wurde, als sie als erster Kaffeebauer versuchte, Kaffee auf den Höhen Kenias anzubauen.
Die letzten 150 Jahre in Darjeeling zeigen, dass sich auch angesehene Botaniker irren können. 

East India Company

Eines steht fest: Obwohl die Teebüsche zu einem wesentlichen Bestandteil der Region Darjeeling wurden, sind die Teebüsche ursprünglich dort nicht einheimisch.
Die Geschichte des Darjeelings ist eng mit der Geschichte der britischen East India Company verwoben: Für eine sehr lange Zeit wurde Tee ausschließlich in China angebaut. Das war für die East India Company außerordentlich ärgerlich: Die Chinesen hatten ihre eigenen Vorstellungen vom Handel und akzeptierten von den Briten nur bestimmte Zahlungsmittel. Die Chinesen wussten, dass die Briten von ihrem Tee abhängig waren: Nachdem der Tee zunächst nur ein Luxusprodukt für die Aristokratie war, avancierte er im 18. Jahrhundert zum Massengetränk im britischen Empire.
Mitte des 19. Jahrhunderts war die East India Company händeringend auf der Suche nach Anbaumöglichkeiten von Tee auf britischem Territorium… 

Wie kam der Teebusch nach Darjeeling?

Das im Februar 1834 gegründete Tea Committee wurde eigens ins Leben gerufen, um neue Teeanbaugebiete in Indien ausfindig zu machen. Die erste Entdeckung, die das Komitee in den 1830er-Jahren machte, war jenes Teeanbaugebiet, das heute unter dem Namen Assam weltbekannt ist und das größte zusammenhängende Teeanbaugebiet der Welt darstellt.
Vom Assam-Tee konnten in relativ kurzer Zeit große Mengen für die East India Company hergestellt werden: Somit wurden die Briten unabhängiger von Importen aus China. Doch jeder Teekenner wusste damals: Tee aus Indien schmeckte bei weitem nicht so intensiv wie Tee aus China, wo die Teepflanze seit Urzeiten einheimisch war. Damals schmeckten Assam-Tees zwar intensiv und hatten ein starkes Volumen, doch ihnen fehlte die Finesse: Das konnte nur chinesischer Tee. 

In manchen Teeboutiquen in Europa ist die Ankunft des neuen First Flush Darjeelings im Frühjahr eine Festlichkeit.

Ein Agent und der Tee

Das Ziel der East India Company war es, das blumige Aroma von chinesischem Tee bestmöglich auf indischem Boden nachzuahmen. Doch die Teebauern in China dachten nicht daran, die Samen ihrer Teepflanzen und ihr Wissen über den Teeanbau preiszugeben. Die East India Company griff auf Agenten zurück, die in das Landesinnere Chinas eindrangen und die Teepflanzen dort hinausschmuggelten. Einer dieser Agenten war ein Engländer namens Robert Fortune: Im Rahmen eines perfekt geplanten Unternehmens schmuggelte er Teepflanzen aus dem Landesinneren Chinas heraus und brachte die Pflanzen unter anderem in die neu angelegten Teegärten in Nordindien, die in der Nähe des Himalaya-Gebirges lagen. Einige seiner Teepflanzen fanden ihren Weg in die indische Provinz Darjeeling, wo schon bald eine der kostbarsten Teesorten der Welt angebaut wurde… 

First Flush Darjeeling

Beim Darjeeling gibt es zwei große Kategorien: First Flush Darjeeling und Second Flush Darjeeling.
First Flush Darjeeling wird von Ende Februar bis Mitte April geerntet und gilt deshalb als Frühlingstee. First Flush Darjeelings haben ein leicht fruchtiges, oft grasiges Aroma und kommen mit einer ganz leichten Säure daher. Für First Flush Darjeelings werden am Teemarkt häufig die höchsten Preise abgerufen: In manchen Teeboutiquen in Europa ist die Ankunft des neuen First Flush Darjeelings im Frühjahr eine Festlichkeit.
Alle Darjeeling-Tees, sowohl First als auch Second Flush, muss man nicht mit anderen Teesorten zu Blends vermischen: Bei den meisten anderen Schwarzteesorten ist das hingegen gängige Praxis. 

Second Flush Darjeeling

Nach einer kurzen Ruhezeit, die von den Einheimischen Banji-Periode genannt wird, findet die zweite Ernte der Teepflanzen in Darjeeling von Mai bis Juni statt: In dieser Zeit werden die Blätter für Second Flush Darjeelings geerntet.
Mit dem immer näher kommenden Hochsommer verändern sich die Teepflanzen: Die Blätter der Second Flush-Ernte sind größer als die der First Flush-Ernte. Das heiße Sommerklima an den Teehängen der Provinz Darjeeling verleiht dem Erzeugnis kräftigere Farben und deutlich intensivere Aromen.
Darjeeling-Tee wird oft nachgesagt, Aromen zu haben, die an einen Muskateller-Wein erinnern: Second Flush Darjeelings sollen dieses Aroma in besonderem Maße besitzen. 

Monsoon Flush und Autumn Flush

Daneben gibt es noch die beiden weit weniger bedeutenden Kategorien Monsoon Flush und Autumn Flush. Der Monsoon Flush wird von Juli bis September während der Monsunzeit geerntet und gilt als qualitativ weniger hochwertig als der First und Second Flush. Beim Monsoon Flush geht die Quantität über die Qualität. Der in dieser Zeit hergestellte Darjeeling wird, anders als First- und Second-Flush-Tees, ohne Bezug zu einzelnen Teegärten verkauft und zentral versteigert.
Der Autumn Flush, der innerhalb einer relativ kurzen Ernteperiode von Oktober bis November geerntet wird, gilt als einer der besten Darjeeling-Tees unter Kennern. Autumn Flush Darjeeling-Tees haben eine bernsteingelbe Farbe und schmecken leicht nach Schokolade und getrockneten Aprikosen. 

Nicht selten hängt ein Nebelschleier über den Teehängen.

Klima und Geographie

Beim Anbau von Darjeeling-Tee gilt: Baut man ihn in der Provinz Darjeeling an, erhält man einen Darjeeling-Tee. Würde man den gleichen Teebusch in Südindien anbauen, wäre es geschmacklich kein Darjeeling – es wäre südindischer Tee.
Die Teehänge von Darjeeling bieten das perfekte Klima für die Teebüsche wie keine andere Anbauregion auf der Welt: Die Sonneneinstrahlung mit fünf bis sechs Stunden Sonnenschein pro Tag und das für nur etwa 180 Tage im Jahr ist ideal. Nicht selten hängt ein Nebelschleier über den Teehängen: Dieses feuchte Klima, das im Jahr öfter vorherrscht, versorgt die Büsche optimal mit Wasser. Die geographische Nähe zum schneebedeckten Himalaya-Gebirge hat einen trockenen, kalten Luftstrom zur Folge, der häufig durch die Teehänge zieht: Dieser Luftstrom reduziert die relative Luftfeuchtigkeit und bewirkt somit, dass sich die Aromen in den Teeblättern optimal konzentrieren. 

Orthodoxe Methode

Obwohl die klimatischen und geographischen Bedingungen in der Provinz Darjeeling für den Teeanbau optimaler nicht sein könnten: Ohne die menschliche Komponente bei der Herstellung wäre der Darjeeling nicht das, was er ist. Bei der Herstellung von Darjeeling sind in jedem Arbeitsschritt Menschenhände gefragt. Die Ernte lässt sich keineswegs in Maschinenhand geben, bei Weitem nicht jedes Teeblatt am Teebusch eignet sich zur Weiterverarbeitung. Auch beim Prozess der Fermentation kommt es auf die geschulte Nase an, die riecht, wann ein Tee seinen optimalen Grad der Fermentation erreicht hat.
Wo andere Teebauern auf der Welt längst auf Maschinen zurückgegriffen haben, setzen die Teebauern in Darjeeling immer noch auf die klassische Methode, bei der so gut wie keine Maschinen zum Einsatz kommen. Diese Methode wird auch „orthodoxe Methode“ genannt: Ohne Zweifel ist diese orthodoxe Methode der Teeherstellung der Grund, weshalb so viele Teekenner weltweit Darjeeling-Tees für ihre außergewöhnliche geschmackliche Fülle schätzen. 

Simon von Ludwig

Tee: Die Wurzeln des Kult-Getränks


Beitragsbild: Ein Schwarzer Second Flush Darjeeling Tee aus dem Teegarten Margaret’s Hope, © Simon von Ludwig

Maßgebliche Quelle: Koehler, Jeff: Darjeeling: A History of the World’s Greatest Tea, 2015 Bloomsbury Paperbacks


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