Er beeinflusste die Entwicklung der modernen amerikanischen Bühnenmusik maßgeblich: Kurt Weill war einer der bedeutendsten Komponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Kurt Weill wirkte zu einer Zeit, als die Anforderungen an die Musik sich änderten: Die Aufgabe der Musik war es von nun an, kurz, unmittelbar und leicht zugänglich zu sein. Die Epoche des Ästhetizismus war vorüber – das Leitmotto L’art pour l’art, die Kunst um der Kunst willen, hatte ausgedient.
Eine neue Epoche der Künste kündigte sich an: Obwohl der Epochenbegriff Neue Sachlichkeit meist für die Malerei verwendet wird, gab es in den 1920ern in Deutschland eine neue Musikbewegung unter dem gleichen Namen. Als ein Großteil der Menschenmassen über das damals neue Medium Radio zum ersten Mal an Musik herangeführt wurde, änderten sich die Grundvoraussetzungen der musikalischen Künste… 

Musik wurde unmittelbarer, leichter greifbar und für viele Menschen leichter zugänglich.

Musik wird greifbarer

Was bisher nur in einem Konzertsaal oder in einem Opernhaus erlebt werden konnte, dröhnte jetzt in den Häusern und Wohnungen vieler Menschen aus dem Grammophon oder dem Radiolautsprecher: Musik wurde unmittelbarer, leichter greifbar und für viele Menschen leichter zugänglich. Das schaffte neue Bedürfnisse, die an die Musik gestellt wurden.
In den 1920ern formulierte Weill, dass die „traditionelle Form der Oper“, die von Komponisten wie Strauss, Wagner und deren kulturellen Erben geschaffen wurde, ihr Ende gefunden habe.
Die ersten Kompositionen von Kurt Weill galten noch nicht der Bühne: Unmittelbar nach seiner Ausbildung an der Berliner Akademie der Künste verfasste er Orchesterwerke, Kammermusik und Klavierstücke.
Doch Weill merkte, dass er sich mit diesen Kompositionen nicht verwirklichen konnte: Sein Interesse bestand vielmehr in der Verwirklichung von prägnanter und formaler Knappheit, die sich später dann in seinen Bühnenwerken widerspiegelte. Diese prägnante Knappheit findet sich auch in Weills ersten Werken, die fast alle Opern in einem einzigen Akt waren, wieder. 

Georg Kaiser

Während seiner Zeit in Berlin lernte Weill den expressionischen Dramatiker Georg Kaiser (1878 –1945) kennen: Von Kaiser erhielt Weill zahlreiche Anregungen für seine Tätigkeit als Bühnenkomponist.
Mit dem modernen Theater des frühen 20. Jahrhunderts hatte Kurt Weill seine Nische gefunden: Er sah es als seine Aufgabe an, das Theater und die Oper in die moderne Zeit zu begleiten: Das 20. Jahrhundert bildete eine Zäsur in der Geschichte des Theaters und der Oper.
Beide Kunstformen waren nun für eine wesentlich breitere Masse zugänglich als noch im 19. Jahrhundert.
Der Dramatiker Georg Kaiser lieferte nicht nur die Inspiration für viele von Weills Werken, er schrieb ebenfalls die Libretti für zahlreiche Weill-Werke, unter anderem zu Der Silbersee (Uraufführung in Berlin 1933), Weills letzte Oper, bevor er Deutschland verließ. 

Bertolt Brecht

Bis heute bekannt ist Kurt Weill für seine Zusammenarbeit mit einem der einflussreichsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts: Bertolt Brecht. Im Frühjahr 1927, mitten in der Blütezeit der Weimarer Kultur, kam es zu Gesprächen zwischen Bertolt Brecht und Kurt Weill: Die beiden trafen sich nicht zuletzt deswegen, weil sie schon damals als Reformatoren des Theaters galten.
Bertolt Brecht war ein Autor und kein Komponist: Brecht brauchte jemanden an seiner Seite, der seine Vision von der neuen Form des Theaters musikalisch umsetzen konnte.
Kurt Weill schien dafür der optimale Partner: Weill arbeitete mit Brecht an der musikalischen Umsetzung von Opern wie der Dreigroschenoper (Uraufführung 1928) oder Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (UA 1930). Der Dramatiker Brecht war dank Weills klassischer Ausbildung dazu in der Lage, seine progressiven Ideen von der Theater- und Opernkunst umzusetzen. Brecht hatte nicht nur progressive Ideen von der Kunst: Seine fortschrittlichen Vorstellungen und Ideale vom gesellschaftlichen Zusammenleben wurden durch Kurt Weill in eine musikalische Form gebracht, mit der das Publikum etwas anfangen konnte. 

Das Weill-Chanson

Im Berlin der 1920er lernte Kurt Weill die Tänzerin, Schauspielerin und Chansonnière Lotte Lenya kennen, die mancher wohl kennt, weil sie 1963 im James Bond-Film Liebesgrüße aus Moskau [From Russia With Love] die Rolle  der Ex-KGB-Offizierin Rosa Klebb spielte.
Kurt Weill emigrierte 1933 gemeinsam mit Lotte Enya zuerst nach Frankreich und zwei Jahre später in die Vereinigten Staaten: Lenya wurde später in den Vereinigten Staaten als profilierte Interpretin von Weill-Chansons bekannt.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bildete das Weill-Chanson beinahe ein eigenes Musikgenre: Jeder deutschsprachige Chansonkünstler, der etwas auf sich hielt, widmete meist eine gesamte Schallplatte Weill-Chansons, darunter auch Greta Keller (Greta Keller sings Kurt Weill, 1953). 

Das Spätwerk von Kurt Weill beinhaltet entscheidende Stationen der amerikanischen Musikgeschichte.

Spätwerk – bis heute bedeutend 

Als Weill 1935 in die Vereinigten Staaten auswanderte, erlitt er zunächst einen Kulturschock: Die Lebensverhältnisse waren komplett anders als in Europa und die Menschen folgten einem anderen Zeitgeist. In den späten Dreißigern und Vierzigern war in den USA keine Form des Musiktheaters so beliebt wie die des Musicals: Eine Musikform, mit der ein Europäer wie Kurt Weill zunächst wenig anfangen konnte.
Doch Kurt Weill war anpassungsfähig: Er setzte sich zum Ziel, eine „amerikanische Volksoper“ zu schaffen. Das sollte ihm mit seinen Musicals, die er schon bald zu schreiben begann, auch gelingen.
Bis zu seinem Tod 1950 schrieb Kurt Weill zahlreiche Musicals für die amerikanischen Bühnen, darunter Lady in the Dark (1941) und One Touch of Venus (1943). Daneben schrieb er auch Opern, darunter Street Scene (1947) und Down in the Valley (1948). Obwohl es heute kaum mehr realisiert wird: Das Spätwerk von Kurt Weill beinhaltet entscheidende Stationen der amerikanischen Musikgeschichte, die ihrerseits seit Jahrzehnten entscheidenden Einfluss in Europa ausübt. Somit hat das Werk des Komponisten Kurt Weill seit seinem Tod 1950 kaum an Einfluss eingebüßt, wenn auch seine schöpferische Leistung selten betont wird. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Weill-Werke bis 1945 in seiner Heimat nicht aufgeführt wurden.

„Christa, so musst Du auch Lieder singen.“

Weills Chansons entwickelten sich aus Balladen und Kabarettchansons. Der Komponist war dazu in der Lage, diese Stilrichtungen mit der gerade aufkommenden Jazz-Bewegung zu kombinieren: In den 1920ern, als Kurt Weill einige seiner größten Werke verfasste, befand sich die Karriere von später sehr einflussreichen Jazz-Musikern wie Louis Armstrong noch in den Startlöchern. Nichtsdestotrotz schwappten unzählige Stilelemente des Jazz schon in den 1920ern nach Europa über.
Die Opernsopranistin Christa Ludwig schreibt in ihren Memoiren, der einflussreiche britische Schallplattenproduzent Walter Legge habe ihr einmal eine Lotte Lenya-Schallplatte mit Weill-Songs vorgespielt: Ludwig stand noch am Beginn ihrer Karriere und erhielt von Legge den Rat: „Christa, so musst Du auch Lieder singen.“
Weill-Chansons gelten, was den gesanglichen Ausdruck angeht, als das Maß der Dinge. Nur die ausdrucksvollsten Sänger vermögen es, ein Weill-Chanson in seiner ganzen Fülle zu interpretieren. 

Simon von Ludwig


Beitragsbild: © Simon von Ludwig

Maßgebliche Quellen:

  • Oper, Operette, Konzert – Komponisten und ihre Werke, Mosaik Verlag 1979
  • Haas, Michael: Forbidden Music – The Jewish Composers Banned By The Nazis, 2013 Yale University Press
  • Ludwig, Christa: … und ich wäre so gern Primadonna gewesen – Erinnerungen, 1994 Henschel Verlag

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