Teil eins von vier

Am Morgen des 26. September 1930 zierte folgendes Schild die Tür der Gastwirtschaft Emrichs Braustübl in der pfälzischen Stadt Kusel: „Fritzchen ist heute angekommen. Wirtschaft geschlossen!“. Wer war es, der da „ankam“? Vielleicht wichtiger noch: Wer waren die Eltern von „Fritzchen“?

Paul und Anna Wunderlich

Als zweites Kind des Kapellmeisters Paul Wunderlich und seiner Frau Anna wurde an jenem Septembertag Friedrich Karl Otto Wunderlich geboren, den alle „Fritz“ nannten.
Die Verhältnisse, in die Fritz Wunderlich hineingeboren wurde, waren bescheiden – den finanziellen Wohlstand betreffend. Umso reicher war die kulturelle Tradition der Familie Wunderlich: Zunächst waren Wunderlichs Eltern als Musikanten in ganz Europa unterwegs. Das Paar lernte sich 1918 auf Zypern kennen. Beide, Paul und Anna, waren ausgebildete Musiker und ließen sich 1929 in Kusel nieder, wo sie über eine Zeitungsannonce erfuhren, dass Emrichs Braustübl (ursprünglich Preußischer Hof ) zu pachten war. 

Als Fritzchen den Windeln entwachsen war, führte der kleine Fritz ein echtes Spitzbubendasein: Regelmäßig tobte er sich am Billardtisch in der elterlichen Gastwirtschaft aus. Um spielen zu können, entwendete er Groschen aus der elterlichen Kasse. Als die Kasse abgeschlossen wurde, stopfte er kurzerhand alle Löcher des Billardtischs zu: Wenn er nicht spielen durfte, dann erst recht nicht die Gäste der Wirtschaft. 

Schwerer Verlust

Mit fünf Jahren traf Fritz ein schwerer Schlag – er verlor seinen Vater. Fortan oblag es der Mutter Anna, die Familie, zu der auch Fritz’ zehn Jahre ältere Schwester Marianne gehörte, zu ernähren. Folgt man den Ausführungen von Fritz’ Schwester, ist der Tod des Vaters auf zahlreiche Schikanen zurückzuführen, die er im Zuge der nationalsozialistischen Machtergreifung erfuhr. 

Obwohl jene Jahre ohne Vater und die sich anschließenden Jahre des Zweiten Weltkriegs viele Entbehrungen mit sich brachten – die Mutter musste mit einer Witwenrente von 89 Reichsmark im Monat auskommen – schöpfte Wunderlich genau aus jenen Umständen seine künstlerische Energie. Sein Ziel war, nicht mehr am „Rande der Gesellschaft“ zu stehen: Er wollte mittendrin sein, im wahrsten Sinne des Wortes seine Rolle übernehmen. Was eignete sich besser zur Erreichung dieses Ziels als das Musizieren – das, was ihm am meisten Spaß machte? 

Joseph Müller-Blattau

Zum ersten Mal auf einer größeren Bühne stand Fritz im Alter von 17 Jahren: In einer „Rumpelstilzchen“-Inszenierung des Kulturrings Kusel begeisterte die natürliche Tenorstimme von Fritz zum ersten Mal das örtliche Publikum. Geleitet wurde jene Inszenierung vom Musikpädagogen Joseph Müller-Blattau, der einen Namen in der deutschen Musikwelt hatte. Wegen seiner Befürchtungen, nach dem Krieg in Ungnade zu fallen, ließ sich Müller-Blattau im provinziellen Kusel nieder und inszenierte dort mehrere musikalische Aufführungen, in denen Fritz nicht selten eine Rolle übernahm. 

Was für Blattau, der Großstädte gewohnt war, ein harter Umstieg war, war für Fritz das reine Glück: Durch Blattau lernte Wunderlich den Kaiserslauterer Rundfunkdirigenten Emmerich Smola kennen. Über verschiedene Kontakte bekam Fritz eine Gesangslehrerin in Kaiserslautern vermittelt: Fortan radelte Fritz einmal die Woche knapp 50 Kilometer hin und zurück von Kusel nach Kaiserslautern – für eine Stunde Gesangsunterricht. 

Studienbeginn

Lange währte dieses Arrangement nicht, denn bald stellte sich die Frage nach einem Studienplatz. Emmerich Smola empfahl die Musikhochschule in Freiburg im Breisgau.

An einem Oktobermorgen 1950 um 9 Uhr begann in Freiburg die Aufnahmeprüfung für Sänger. Man erzählt sich, dass Wunderlich an diesem Tag sehr früh mit dem Zug von Kusel nach Freiburg fahren wollte. Er stieg also in den vermeintlich letzten Wagen des Zuges ein und wartete auf die Abfahrt, doch als sich der Zug in Bewegung setzte, blieb der Waggon mit Wunderlich im Bahnhof stehen. Er hatte beim Einsteigen nicht bemerkt, dass der Wagen planmäßig abgehängt worden war. Karrierebeginn auf dem Abstellgleis, so könnte man sagen. Doch es kam Hilfe in Gestalt eines Milchwagens, also eines LKW, der Milchkannen nach Kaiserslautern transportierte. Sein Plan, den Anschlusszug von Kaiserslautern zu erreichen, ging aber auch nicht auf – Wunderlich kam zwar zu spät, konnte aber noch als letzter Sänger auftreten.
So kam es, dass Wunderlich Gesang und Horn als Hauptfach sowie Klavier als Nebenfach in Freiburg studierte. Fritz Wunderlich bekam sogar die Möglichkeit, Gesang in der Meisterklasse von Margarethe von Winterfeldt zu studieren – eine besondere Ehre.

Margarethe von Winterfeldt

Margarethe von Winterfeldt war seit ihrer Kindheit erblindet. Allerdings pflegten Weggefährten zu sagen, dass sie auf wundersame Weise doch alles sehen konnte, da ihr Gehör außerordentlich geschult war. 
Sie erinnert sich wie folgt an die Aufnahmeprüfung von Wunderlich:

„Er sang den ‚Wegweiser‘ von Schubert und er sang ihn mit viel Gefühl, aus warmem Herzen, aber etwas überschwänglich und als er fertig war, sagte er: ‚War wohl schmalzig, was?‘, darauf sagten wir: ‚Ach ja, ein bisschen‘ und dann sagte er: ‚Das will ich ja hier lernen.‘“

Ausschlaggebend für seine Aufnahme war wohl folgende Empfehlung von Müller-Blattau:

„Der Musiker Fritz Wunderlich verfügt über eine Naturstimme von gutem Sitz und natürlichem Schmelz, ferner über eine ungewöhnliche musikalische Begabung. (…) Es kann jetzt schon gesagt werden, daß Fritz Wunderlich nach abgeschlossener Ausbildung eine große Zukunft als Sänger hat.“

Was nun folgte – seine Studienzeit – bezeichnete Fritz einst als die „entscheidende Phase [seines] Lebens“… 

Simon von Ludwig

Teil zwei.

Beitragsbild: Portrait von Fritz Wunderlich, verwendet mit freundlicher Genehmigung der Fritz Wunderlich Gesellschaft

Die maßgeblichen Quellen sind die Fritz Wunderlich-Biographie von Werner Pfister (Neuauflage 2005 im Schott Musikverlag) sowie „Mein Bruder und ich“, verfasst von Fritz‘ Schwester Marianne Decker.
Der Bussard dankt der Fritz Wunderlich Gesellschaft für ihre Unterstützung.

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