Beitragsbild: Maria Callas mit Giuseppe di Stefano Ende 1973 in Amsterdam, Bert Verhoeff (© Nationaal Archief), entnommen aus Wikimedia Commons

Teil vier von vier — Teil eins — Teil zwei — Teil drei

Sosehr sie Onassis auch lieb gewonnen hatte: Sie ließ es nicht zu, dass sich andere Menschen in ihre beruflichen Angelegenheiten einmischten. Bis Mitte 1965 gab Maria Callas, wenn auch deutlich weniger in der Anzahl, weiterhin Opernvorstellungen – trotz Onassis’ Ratschlag, Filme zu machen. Ende 1960 kehrte sie sogar in der Oper Poliuto (Gaetano Donizetti) an die Mailänder Scala zurück, sang dort allerdings nicht die Hauptrolle.
Ein Jahr später, im Dezember 1961, stand sie zum letzten Mal in der Scala auf der Bühne in einer Produktion von Medea – dieses Mal wieder in der Hauptrolle. Am Tag vor der Premiere dieser Produktion schickte sie einen Brief an Grace Kelly, in dem sie gesundheitliche Probleme beklagte. Außerdem wünschte sie sich, Graces Kinder Albert (heute Albert II., Fürst von Monaco) und Caroline könnten sie einmal singen hören.

Gracia Patricia von Monaco

Trotz der Freundschaft, die Gracia Patricia von Monaco und Maria Callas verband, kam es nie zu einem Opernengagement der Callas in Monaco. Trotzdem ließ sich die Opernsopranistin oft mit ihrem Liebhaber Onassis bei öffentlichen Anlässen in Monaco sehen.
Grace sagte im Januar 1966 in einem Interview mit dem Playboy:
„Ich glaube, dass sie [Maria Callas] eine große Künstlerin ist, und ich habe sie als eine liebe, warme, sehr ehrliche und offene Person kennengelernt. Sie sagt gerade heraus, was sie denkt und was sie fühlt, das ist eine Qualität an ihr, die ich sehr bewundere.“
[Originalzitat: “I think she is a very great artist, and as a person I find her to be a nice, warm, and very honest, forthright person. She says what she thinks and what she feels, which is a quality I admire very much.“]

Deutschland-Tournee & Aufnahmen

Am 12. März 1962 gab die Callas das erste Konzert ihrer Deutschland-Tournee in München. Bis Ende März führte sie die Tournee ebenfalls nach Hamburg, Essen und Bonn. Dies waren jedoch Konzerte und keine Opernauftritte, wie sie es gewöhnt war: Schritt für Schritt fuhr Maria Callas die Anzahl ihrer Auftritte an Opernhäusern zurück, nicht zuletzt wegen der Presseskandale Ende der Fünfziger.

Es lag aber im Interesse der Callas, sich die modernen Methoden der Musikspeicherung zunutze zu machen und sich damit zu verewigen: 1964 fand eine Gesamtaufnahme der Oper Carmen (Georges Bizet) unter der Leitung von Georges Prêtre statt. Das war allerdings nicht die einzige Aufnahme der Callas in jenem Jahr: Im Laufe des Jahres 1964 nahm die Callas zahlreiche Arien und Duette auf, die bis heute erhalten geblieben sind.
Die Aufnahmen wurden inzwischen digital restauriert und werden regelmäßig neu aufgelegt. Damit lebt das Werk der Callas weit über ihren Tod hinaus weiter.

„Ich bin und ich werde immer ein Sopran sein“

An den italienischen Musikkritiker Eugenio Sara schrieb sie im Februar 1964, dass sie zufrieden mit ihrer Arbeit sei. Zu dieser Zeit hatten viele Musikjournalisten die Primadonna bereits abgeschrieben. Dem entgegnete sie mit folgenden Worten „Ich habe Dir [Eugenio Gera wird angesprochen] gesagt, dass ich mein letztes Wort noch nicht gesprochen habe. Ich meine, als Sopran. Ich bin und ich werde immer ein Sopran sein, da bin ich stur. Ich gebe nicht auf, solange ich atmen kann. Du hast mich unterschätzt, glaube ich.“
[Originalzitat: «Je t’avais dit que je n’avais dit mon dernier mot. Je veux dire comme soprano. Je suis et je serai toujours une soprano, et je suis têtue. Je n’abandonne pas tant qu’il y a du souffle. Tu m’as sous-estimée, je crois.»]

Abschied von der Norma

Der Grund, weshalb Maria auch nach ihrem Durchbruch weiterhin viel arbeitete, liegt in ihrer Ausbildung bei Elvira de Hidalgo: Callas hielt stetig Kontakt mit ihrer Lehrerin und versicherte ihr 1965, dass sie immer arbeite und übe. Trotz aller Arbeit und Mühe, die Maria in ihre Kunst steckte, waren ihre Kräfte Mitte der Sechziger aufgezehrt: Während der letzten Norma-Vorstellung ihrer Karriere am 29. Mai 1965 an der Opéra Garnier in Paris verlor sie in der Pause zwischen dem zweiten und dem dritten Akt das Bewusstsein. Die Vorstellung musste abgebrochen werden.
Doch anders als im Januar 1958, als sie eine Vorstellung der Norma ebenfalls abbrechen musste, gab es dieses Mal keinen Skandal. Das Pariser Publikum applaudierte und zollte der Callas Respekt.
Trotzdem war dies für die Callas der Abschied von ihrem „Steckenpferd“ Norma, wie sie die Oper, mit der sie so viel Erfolg hatte, taufte. Sie sang die Rolle der Norma im Laufe ihrer Karriere mehr als 90 Mal in acht verschiedenen Ländern.

Kurz nach diesem niederschmetternden Ereignis schrieb sie am 4. Juni 1965 einen Brief an Elvira de Hidalgo: Sie beklagt darin ihre Müdigkeit, immer von neuem an ihrer Stimme zu arbeiten. Der Brief ist Zeugnis einer tiefen Verzweiflung, sie war unzufrieden mit sich selbst, es nicht bis zum Schluss durchgehalten zu haben.
Fast genau einen Monat später, am 5. Juli 1965, trat Maria Callas zum letzten Mal auf einer Opernbühne auf. In Anwesenheit der englischen Königin Elizabeth II. gab die Callas am Royal Opera House in London Tosca zum Besten.

Zwar verlor die Callas in den kommenden Jahren, in denen sie nicht mehr auf einer Opernbühne zu sehen war, an Bedeutung: Man konnte sie nicht mehr live erleben. Jedoch sorgte dieser Umstand für eine hohe Nachfrage nach ihren Aufnahmen, die bis heute einen ungebrochenen Einfluss auf die Welt der Oper ausüben.

Medea und Juilliard School

1969 übernahm Maria Callas im Film Medea,eine Bearbeitung des altgriechischen Mythos des Euripides, die Hauptrolle. Der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini führte Regie.
Schlussendlich folgte Maria also doch Onassis’ Rat: Zehn Jahre vorher hatte er ihr geraten, sich die Macht der Filmkunst zu eigen zu machen. Genau das tat sie nun. Bejubelt wurde sie von der Filmkritik, aber zurückgewiesen vom Kinopublikum, das mittlerweile an Actionstreifen wie James Bond gewöhnt war.

Zwischen Oktober 1971 und März 1972 unterrichtete Maria Callas eine Master Class an der Juilliard School. 25 Opernsänger, die von Bass bis Sopran alle Stimmlagen abdeckten, wurden ausgewählt, von Maria Callas zwei Mal die Woche unterrichtet zu werden. Für zwölf Wochen gab Callas an junge Studenten des Operngesangs weiter, was sie in ihrer Karriere gelernt hatte und stellte ihre Herangehensweise an die Kunst des Operngesangs vor.
Die Sopranistin hielt ihre Studenten dazu an, immer in der Partitur danach zu suchen, was der Komponist der Oper vorgesehen hatte: Dort stünde nicht nur, wie man zu singen habe, sondern auch, zwischen den Notenzeilen, wie man sich auf der Bühne zu verhalten habe. 

Abschiedstournee

Kurz nach ihrem Intermezzo an der Juilliard School begann die „Abschiedstournee“ der Callas: Gemeinsam mit dem italienischen Tenor Guiseppe Di Stefano tourte sie zwischen Oktober und Dezember 1973 durch westeuropäische Städte und anschließend ab Februar 1974 durch die USA, Japan und Korea.
In einem Brief vom 4. November 1973 an Gracia Patricia von Monaco schrieb Maria:

„Die Dinge sind sehr gut gelaufen. Die Deutschen verehren mich und verstehen die Schwächen, die ich zeigte. Sie wissen sehr gut, dass ich nicht mehr sein kann, was ich vor zehn oder 15 Jahren war, aber ich konnte meine Stimme in den letzten zehn Jahren stabilisieren.“
[Originalzitat: «Les choses sont très bien passées. Les Allemands m’adorent et comprennent les petites faiblesses que j’ai montrées. Ils savent bien sûr que je ne peux pas être ce que j’étais il y a 10 ou 15 ans, mais j’ai pu arriver à stabiliser la voix ces dix dernières années.»]

Am 11. November 1974 stand Maria Callas in Sapporo, einer nordjapanischen Stadt, zum letzten Mal in ihrem Leben auf der Bühne. 

Hier kann eine Aufnahme von Maria Callas betrachtet werden, wie sie ein Monat vor ihrem letzten Auftritt in Tokio O mio babbino caro darbot:

Maria Callas starb am 16. September 1977 in Paris. Bei ihrer Beerdigung wenige Tage später lief Fürstin Gracia Patricia von Monaco an der Spitze des Trauerzugs.
Was der Welt bleibt, ist das künstlerische Erbe eines singenden Pumas: Eine Einzelgängerin, die eine alte Tradition – die des Belcanto – wieder modern machte: Das geschah durch harte Arbeit, Weisheit und Ausdauer. 

Ein Puma in der Wildnis, der sein Revier schützen möchte, würde es nicht anders tun, um an sein Ziel zu gelangen.

Simon von Ludwig

«Le bel canto est un lien parfait, un chant généreux et variable en style, c’est à dire Rossini, Bellini et Verdi – je ne parle pas de Mascagni et Puccini qui pour moi ne sont pas comparables aux trois premiers. La voix doit être un instrument et se comporter en tant que tel.» — Maria Callas


Maßgebliche Quellen: Volf, Tom: Maria Callas – Lettres & Mémoires, Editions Albin Michel, 2019; Kesting, Jürgen: Maria Callas, List Taschenbuch, 9. Aufl. 2018; Csampai, Atilla: Maria Callas: Gesichter eines Mediums, Schirmer/Mosel Verlag 1993 & Ardoin, John: Callas at Juilliard, Alfred A. Knopf 1987

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