Sie war eine jener Opernsängerinnen des letzten Jahrhunderts, die sehr häufig  vernachlässigt werden: Virginia Zeani (1925 – 2023). In jungen Jahren glich das Aussehen von Zeani dem Erscheinungsbild eines Hollywood-Stars der frühen Ära – doch kaum ein Hollywood-Star hat wohl jemals eine solche Gesangsstimme besessen.
Die Karriere der Virginia Zeani spielte sich hauptsächlich auf der Opernbühne ab: Schallplattenaufnahmen mit ihr gibt es zwar, doch verglichen mit den Aufnahmen von Sopranistinnen wie Maria Callas oder Renata Tebaldi spielten Zeani-Schallplatten zur damaligen Zeit keine Rolle.
Das soll vor allem daran gelegen haben, dass Zeani nie einen Manager hatte und außerdem soll sie ihren eigenen Angaben zufolge nichts für Publicity bezahlt haben – obwohl sie das später vielleicht bereute, zeugt dieser Umstand von großer Integrität seitens der Opernsängerin.
Ohnehin sind viele Opernliebhaber und Kritiker der Meinung, dass keine Aufnahme – mag sie technisch noch so einwandfrei sein – damit vergleichbar ist, was man live in einem Opernsaal erlebt. 

Kaum war sie 13 Jahre alt, begann sie auch schon Gesangsunterricht zu nehmen.

Lydia Lipkowska

Die Wurzeln der Opernsopranistin lagen in der historischen – heute Rumänien zugehörigen – Region Transsylvanien: Im Alter von neun Jahren soll Zeani eine Inszenierung der Madama Butterfly (Puccini) gesehen haben und sich in den Kopf gesetzt haben, eines Tages selbst auf der Opernbühne zu stehen.
Mit neun Jahren war sie allerdings noch etwas zu jung, um ernsthaften Gesangsunterricht zu nehmen – kaum war sie jedoch 13 Jahre alt, begann sie auch schon Gesangsunterricht zu nehmen.
Ihr erster Gesangslehrer war sich sicher, Zeani würde eines Tages eine Mezzosopranistin sein.
Kurze Zeit nach dem Beginn ihres Studiums bekam sie davon Wind, dass sich die weltberühmte Sopranistin Lydia Lipkowska während des Zweiten Weltkrieges in Bukarest als Gesangslehrerin niedergelassen hatte: Lipkowska war eine Koloratursopranistin und war an so gut wie jedem wichtigen Opernhaus der USA einmal engagiert gewesen. Lipkowska revidierte die Einschätzung von Zeanis erstem Gesangslehrer und erkannte in Zeani einen Soprano lirico-leggero, ein stimmliches Zusammenspiel aus lyrischem Sopran und leichtem Sopran. Zu den ersten Rollen, die Lipkowska mit ihrer jungen Schülerin einstudierte, zählten die die Violetta aus La Traviata (Verdi) und die Mimi aus La Bohème (Puccini). Diese Rollen wurden später Paraderollen von Virginia Zeani. 

Bühnendebüt

Drei Monate täglicher Unterricht mit ihrer Gesangslehrerin soll bewirkt haben, dass Zeani innerhalb von drei Monaten das hohe F erreichte: Diese Tatsache festigte die Einschätzung, dass Zeani eine Sopranstimme und keine Mezzosopranstimme besaß.
Damals galt Italien als die Wiege der Opernkultur: Viele junge Opernsänger fühlten sich von Italien angezogen und, falls möglich, reisten sie dorthin, um ihr Studium fortzusetzen. Im Jahr 1947 zog Zeani nach Mailand und studierte dort unter anderem beim Tenor Aureliano Pertile.
Nachdem Zeanis Ausbildung als Opernsopranistin an einem fortgeschrittenen Punkt angelangt war, stellte sich Zeani jene Frage, die sich wohl jeder junge Opernsänger nach seinem Studium stellt: Wo und in welcher Rolle würde sie ihr Bühnendebüt feiern?
Ihr Gesangslehrer Pertile war bestrebt, der jungen Zeani möglichst bald ein Engagement zu vermitteln: Sehr junge Opernsänger werden besonders dann gerne eingesetzt, wenn die eigentliche Besetzung für die Rolle wegen einer Krankheit davon abgehalten wird, auf der Bühne zu stehen. Man könnte sagen: Wenn manch etablierter Opernstar nicht ab und zu von einer Erkältung geplagt worden wäre, hätte es manche Opernkarriere wohl nie gegeben. So war es auch im Falle von Virginia Zeani: Im Mai 1948 wurde die Sopranistin Margherita Carosio krank und das Teatro Duse in Bologna suchte einen Ersatz für die Rolle der Violetta aus Verdis Traviata.
In Virginia Zeani fand das Opernhaus in Bologna einen Ersatz für Carosio: So kam es, dass Zeani im Alter von 22 Jahren ohne vorherige Bühnenerfahrung ihr Bühnendebüt in der zentralen Rolle einer Verdi-Oper feierte. 

I puritani

Wer konnte damals im Mai 1948 ahnen, dass Zeani gerade im Teatro Duse in Bologna mit der Violetta zum ersten Mal eine Rolle sang, die sie weltweit im Laufe ihrer Karriere stolze 600 Male singen würde? Die Interpretation der Violetta durch die rumänische Sopranistin gilt bis heute als Maßstab in der Opernwelt. Der Dirigent der damaligen Inszenierung war jedenfalls schon 1948 von Zeani begeistert und offerierte der jungen Sängerin einen Vertrag.
In den folgenden Jahren hielt sich Zeani zunächst von den großen italienischen Opernhäusern fern: Sie konzentrierte sich darauf, in kleinen Opernhäusern zu spielen, dafür dort aber in zentrale Rollen einer Operninszenierung zu schlüpfen.
Der Initiative von Tullio Serafin ist es zu verdanken, dass Virginia Zeani 1952 die Chance erhielt, die verhinderte Maria Callas in der Rolle der Elvira aus I puritani (Bellini) zu ersetzen: Diese Inszenierung am Teatro Communale in Florenz kann als eine der Sternstunden von Zeanis Karriere angesehen werden: Besonders durch das Einspringen für die große Maria Callas wurden viele europäische Opernhäuser auf die außergewöhnlich talentierte Sopranistin aufmerksam. 

In späteren Jahren erinnerte sich Zeani jedoch an ihre Wurzeln und wandte sich dem Verismo zu.

Verismo und Belcanto

1953 tourte sie anlässlich der Krönung von Königin Elizabeth II. durch zahlreiche Städte der Britischen Inseln: Diese Tournee, auf der sie hauptsächlich die Violetta und die Mimi interpretierte, gab ihrer Karriere einen großen Schub.
In der Folge ergab sich 1956 auch das lang ersehnte Debüt am Mailänder Teatro alla Scala für Virginia Zeani: Dort spielte sie die Rolle der Kleopatra aus Händels Giulio Cesare an der Seite von Nicola Rossi-Lemeni, der später Zeanis Ehemann wurde. Dank ihres äußeren Erscheinungsbildes war Zeani prädestiniert für die Rolle der Kleopatra: Elizabeth Taylor, die eine gewisse optische Ähnlichkeit mit Zeani besaß, spielte im Laufe ihrer Filmkarriere ebenfalls die Rolle der Kleopatra (Cleopatra, 1963).
Virginia Zeani war prädestiniert für das Verismo-Repertoire: Trotzdem spezialisierte sich Zeani zunächst auf den Belcanto. Im musikhistorischen Kontext meint der Belcanto vor allem jene Opern der Komponisten Rossini, Donizetti und Bellini und legt wert auf den emotionalen Ausdruck eines Sängers. In späteren Jahren erinnerte sich Zeani jedoch an ihre Wurzeln und ihren Gesangslehrer Luigi Ricci – der die Opern von Puccini noch mit dem Komponisten selbst einstudiert hatte – und wandte sich dem Verismo zu. So kam es, dass Zeani in späteren Jahren Opern wie Tosca, Adriana Lecouvreur oder Manon Lescaut in ihr Repertoire aufnahm.

Enorme stimmliche Bandbreite

Hört man sich eine der begehrten Opernaufnahmen Virginia Zeanis an, fällt einem die Dynamik ihrer Stimme auf: Sie klingt weich, ohne jedoch in den Höhen einzubüßen. Mancher verglich ihre Stimme mit der als „engelsgleich“ geltenden Stimme der Renata Tebaldi, doch Virginia Zeanis Gesangsstil weist eine andere Bandbreite und Dynamik auf als jener der Tebaldi, die dem Stimmfach des Spinto-Sopran zuzuordnen war.
Die Stimme der Zeani vereinigte die Komponenten einer lyrischen Sopranstimme und einer leichten Sopranstimme: Für das Belcanto-Repertoire war sie gleichermaßen geeignet wie für das Verismo-Repertoire.
Nachdem sie Abschied genommen hatte von der Bühne, wurde sie eine begehrte Gesangspädagogin an der Indiana University School of Music.
Giovanni Battista Meneghini, der einst der Ehemann von Maria Callas war, soll einmal zu Virginia Zeani gesagt haben: „Virginia, ich muss Dir sagen, Du bist einer der wenigen Soprane, vor denen meine Frau Angst hat.“ 

Simon von Ludwig


Maßgebliche Quellen: Die Biographie von Virginia Zeani auf virginiazeani.org und ein Artikel über Zeani in der Fachzeitschrift Das Opernglas, Ausgabe 07-08/2023

Beitragsbild: Virginia Zeani 1963
Bildnachweis: Fotograaf Broers, F.N. / Anefo, Nationaal Archief, CC0


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