Teil eins

Bereits früh in seiner Karriere sang Joseph Schmidt Partien, die andere Tenöre auf dem Höhepunkt ihrer Karriere an die Grenzen ihres gesanglichen Könnens brachten: Joseph Schmidt war ohne Frage einer der bedeutendsten Tenöre seiner Generation, wenn er auch nur ein relativ kurzes Leben hatte.
Über seine ganze Karriere hinweg träumte Schmidt immer wieder davon, auf einer Opernbühne zu stehen: Dass er nur selten in einer Operninszenierung auf der Bühne zu sehen war, hing nicht etwa mit mangelndem gesanglichen Talent zusammen. Mit seiner relativ geringen Körpergröße entsprach Joseph Schmidt schlichtweg nicht dem klassischen Stereotyp des Heldentenors. Dieses vermeintliche Hindernis, auf das Schmidt immer wieder hingewiesen wurde, spornte den Tenor jedoch umso mehr dazu an, zum Pionier eines neuen musikalischen Mediums zu werden: Joseph Schmidt wurde ein Pionier des Rundfunkgesangs. 

Die Heimat

In frühen Jahren war es Schmidts Wunsch, Schauspieler zu werden: In seiner Heimatstadt Czernowitz avancierte Schmidt zu einer lokalen Berühmtheit, unter anderem auch durch Inszenierungen des lokalen Nationaltheaters. Doch selbst heute hätte es ein Schauspieler mit kleiner Körpergröße schwer – Schmidt begriff früh, dass man ihm ausschließlich als Schauspieler vermutlich nie eine Chance geben würde und konzentrierte sich ganz auf die Ausbildung seiner Stimme.
Als 18-jähriger begann Schmidt seine gesangliche Ausbildung bei Felicitas Lerchenfeld-Hrimaly, einer der renommiertesten Gesangslehrerinnen in Czernowitz. Schmidts Mutter erkannte das musikalische Talent, das in ihrem Sohn steckte, und unterstützte ihn dabei, seinen beruflichen Weg in der Musik zu finden. Um die Kunst des Gesangs zu studieren, ging Joseph Schmidt nach Berlin, mitten ins Zeitalter der Goldenen Zwanziger, in welchem die Kultur in Berlin einen Höhepunkt feierte.
Unmittelbar nach seiner Studienzeit musste Schmidt jedoch innehalten, bevor er als Sänger tätig werden konnte: Man berief ihn zum Armeedienst ein.
Während seines Armeediensts soll Schmidt mit seinem Gesang selbst gestandene Soldaten zu Tränen gerührt haben, was schließlich dazu führte, dass man ihn in die Musikkapelle versetzte. 

Der Rundfunk – eine neue Form der Kultur

Ende der 1920er, als er seinen Militärdienst abgeleistet hatte, stellte sich für Schmidt eine Frage: Wie und wo wollte er singen? Georg Schünemann, Direktor der Berliner Musikhochschule und zugleich auch Leiter der Berliner Rundfunkversuchsstelle, erkannte das Potenzial in Schmidt und wusste eine Antwort auf diese Frage…
Der Rundfunk war zum damaligen Zeitpunkt eine noch relativ neue Erfindung: Die Technik steckte noch in den Kinderschuhen und wurde ständig weiterentwickelt. Mitte der Zwanziger begann man, Mikrofone in der Aufnahmetechnik einzusetzen: Im Zuge dieser Entwicklung stellte sich schnell heraus, welcher Sänger für eine Mikrofontätigkeit prädestiniert war und welcher Sänger am besten live auf einer Opernbühne glänzte. Mit der Erfindung der Aufnahmetechnik war eine neue Form der musikalischen Kultur geboren: Was bisher nur live erlebt werden konnte, wurde nun in die Räumlichkeiten zehntausender Menschen übertragen und konnte mit der Erfindung der Schallplatte sogar auf Wunsch abgespielt werden. Bisher führte der Karriereweg für einen jungen Opernsänger immer über Opernhäuser: Das hatte sich nun geändert.

„Das (…) zu Unrecht geschmähte Mikrophon“

So kam es, dass Joseph Schmidt am 18.04.1929 sein Debüt beim Berliner Rundfunk feierte. Er sang die Partie des Vasco de Gama aus der Grand opéra Die Afrikanerin von Giacomo Meyerbeer. Besonders seine Interpretation der Arie Land so wunderbar ist der Nachwelt erhalten geblieben.
Die folgenden Worte stammen von Joseph Schmidt und erklären, was eine Mikrofonaufnahme von einer Live-Inszenierung unterscheidet:

„Das oft zu Unrecht geschmähte Mikrophon hat einen ungeheuren Vorteil gegenüber der Opernbühne und dem Konzertpodium – es zwingt nicht nur den Ausübenden, sondern auch den Zuhörer zu äußerster Konzentration. Es zwingt aber auch zur konzentriertesten Leistung, weil es durch Fehlen aller unterstützenden Illusionsmöglichkeiten einzig auf die akustische Wirkung angewiesen ist.“

Joseph Schmidt im Jahre 1932, Quelle: Fassbind, Alfred A.: Joseph Schmidt – Sein Lied ging um die Welt, 2021 Rüffer & Rub, S. 65
Bild: Joseph Schmidt 1934 in Wien, zur Verfügung gestellt vom Joseph Schmidt-Archiv

Egal, an welches Opernhaus der junge Tenor Joseph Schmidt gegangen wäre: Er wäre niemals so schnell zu großem Ruhm gelangt wie beim Rundfunk. Doch für Schmidt ging es nicht bloß um den Ruhm: Ihm war es schon in sehr jungen Jahren vergönnt, ein immens großes Repertoire an Arien und Liedern zu singen. Das Spektrum seiner nur knapp vier Jahre währenden künstlerischen Tätigkeit für den Rundfunk und die Schallplatte in Berlin wird von anderen Sängern erst nach jahrzehntelanger Berufserfahrung erreicht. Schmidt interpretierte als erster die Lieder Giuseppe Verdis in deutscher Übersetzung und schreckte auch nicht vor dem französischen Repertoire zurück – seine enorme Wandlungsfähigkeit war sein größtes Markenzeichen. 

Ein Traum wird wahr

Dass Joseph Schmidt am 20.02.1933 zum letzten Mal in einem deutschen Rundfunkstudio stand, war vor allem auf politische Umstände zurückzuführen: Mit dem Regimewechsel in Deutschland gehörte das liberale Klima der Goldenen Zwanziger der Vergangenheit an.
Sämtliche Verträge, die Schmidt für das Jahr 1933 in Deutschland abgeschlossen hatte, waren quasi über Nacht hinfällig geworden.
Noch einen letzten Traum konnte sich Joseph Schmidt in Deutschland erfüllen: Der Tenor, der mittlerweile in ganz Deutschland verehrt wurde, erweckte die Aufmerksamkeit des Filmregisseurs Richard Oswald. Oswald besetzte die Hauptrolle im Spielfilm Ein Lied geht um die Welt (1933) mit Joseph Schmidt. Das titelgebende Lied zum Film Ein Lied geht um die Welt schrieb der Komponist Hans May dem Tenor auf den Leib: In den folgenden Jahrzehnten wurde das Lied unzählige Male von anderen Opernsängern interpretiert. Es ist wenig bekannt, dass Joseph Schmidt die Originalversion von Ein Lied geht um die Welt sang.
Mit der Filmrolle konnte sich der Startenor seinen Traum, es eines Tages zum Schauspieler zu bringen, erfüllen. Es sollte nicht der letzte Film bleiben, in dem er mitwirkte. 

Internationaler Ruhm 

Spätestens mit dem Film Ein Lied geht um die Welt erlangte Joseph Schmidt internationale Bekanntheit: Nachdem er als Rundfunktenor in Deutschland unzählige Zuhörer verzaubert hatte, nahm man nun auch auf der anderen Seite des Atlantiks Notiz von Schmidt.
Doch Schmidt dachte nicht daran, in die Vereinigten Staaten überzusiedeln: Zunächst fehlten nicht nur die Angebote, in den USA aufzutreten, Schmidt hielt es gar für möglich, dass sich die politischen Umstände in Europa wieder bessern würden.
Ab Ende 1933 verlagerte Joseph Schmidt deshalb seinen Lebensmittelpunkt nach Wien: Die österreichische Musikmetropole war der erste Anlaufpunkt zahlreicher Exilanten, die in Deutschland nicht mehr willkommen waren. So siedelten auch Lieddichter wie Max Colpet nach Österreich über.
Der gebürtige Österreicher Richard Oswald gab Joseph Schmidt die Möglichkeit, in einem weiteren Film mitzuspielen: In Wenn du jung bist, gehört dir die Welt (1934) spielt Schmidt den jungen Carlo, der über eine einzigartige Gesangsstimme verfügt, aber von seinem Gutsherrn dazu verdonnert wird, Gartenarbeit zu leisten. 
Zwar wurde Joseph Schmidt gezwungen, Deutschland den Rücken zu kehren: Durch seine Tätigkeit für den Film öffneten sich ihm jedoch unzählige Türen. Trotz allen internationalen Ruhms blieb Schmidt jedoch der europäischen Musikkultur und insbesondere seiner osteuropäischen Heimat tief verbunden, wie das nächste Kapitel in seinem Leben verrät… 

Simon von Ludwig

Teil zwei.


Der Bussard dankt Herrn Alfred Fassbind, Leiter des Joseph Schmidt-Archivs in Rüti bei Zürich, für die Zusammenarbeit.
Das von Herrn Fassbind verfasste biographische Standardwerk über Joseph Schmidt, in überarbeiteter Auflage erschienen 2021 bei Rüffer & Rub, wurde dem Bussard zur Verfügung gestellt. Die Biographie diente als maßgebliche Quelle für den Artikel.

Informationen zur Publikation: Fassbind, Alfred A.: Joseph Schmidt – Sein Lied ging um die Welt, 2021 Rüffer & Rub

Beitragsbild: Joseph Schmidt 1932 in Berlin im Atelier von Lotte Jacobi, zur Verfügung gestellt vom Joseph Schmidt-Archiv


Empfehlungen aus der Kategorie Oper

Birgit Nilsson: Opernsängerin mit Leib und Seele (2.)
Birgit Nilsson: Opernsängerin mit Leib und Seele (2.)
Virginia Zeani: Von Transsylvanien in die Welt
Virginia Zeani: Von Transsylvanien in die Welt
Kurt Weill: Die neue Oper
Kurt Weill: Die neue Oper
Birgit Nilsson: Die Sopranistin, deren Stimme zu schön war (1.)
Birgit Nilsson: Die Sopranistin, deren Stimme zu schön war (1.)
Joseph Schmidt: Das Mikrofon war sein Konzertsaal
Joseph Schmidt: Das Mikrofon war sein Konzertsaal
Joseph Schmidt: Ein Radiotenor findet seinen Weg auf die Bühne
Joseph Schmidt: Ein Radiotenor findet seinen Weg auf die Bühne
Franco Corelli: Er sah Noten in seinen Träumen
Franco Corelli: Er sah Noten in seinen Träumen
Victoria de los Ángeles: Eine engelsgleiche Stimme (1.)
Victoria de los Ángeles: Eine engelsgleiche Stimme (1.)
Enrico Caruso: Der Napoleon des Grammophons
Enrico Caruso: Der Napoleon des Grammophons
Max Lichtegg: Der Charmingboy (1.)
Max Lichtegg: Der Charmingboy (1.)
Dmitri Hvorostovsky: Eine russische Seele
Dmitri Hvorostovsky: Eine russische Seele
Max Lichtegg: Der Botschafter des Gesangs (2.)
Max Lichtegg: Der Botschafter des Gesangs (2.)
Fritz Wunderlich: Horch, die Lerche singt im Hain! (2.)
Fritz Wunderlich: Horch, die Lerche singt im Hain! (2.)
Fritz Wunderlich: Horch, die Lerche singt im Hain! (4.)
Fritz Wunderlich: Horch, die Lerche singt im Hain! (4.)
Fritz Wunderlich: Horch, die Lerche singt im Hain! (3.)
Fritz Wunderlich: Horch, die Lerche singt im Hain! (3.)
Maria Callas: Der singende Puma (1.)
Maria Callas: Der singende Puma (1.)
Victoria de los Ángeles: Eine engelsgleiche Stimme (2.)
Victoria de los Ángeles: Eine engelsgleiche Stimme (2.)
Mirella Freni: Die Magie einer Stimme
Mirella Freni: Die Magie einer Stimme
Maria Callas: Der singende Puma (3.)
Maria Callas: Der singende Puma (3.)
Maria Callas: Der singende Puma (4.)
Maria Callas: Der singende Puma (4.)
Montserrat Caballé: Die spanische Operndiva (2.)
Montserrat Caballé: Die spanische Operndiva (2.)
Tito Gobbi: Bariton, Regisseur, Schauspieler
Tito Gobbi: Bariton, Regisseur, Schauspieler
Montserrat Caballé: Die spanische Operndiva (1.)
Montserrat Caballé: Die spanische Operndiva (1.)
Maria Callas: Sie brachte die Oper in die Moderne
Maria Callas: Sie brachte die Oper in die Moderne
Max Lichtegg: Der universelle Tenor (3.)
Max Lichtegg: Der universelle Tenor (3.)
Maria Callas: Der singende Puma (2.)
Maria Callas: Der singende Puma (2.)
Christa Ludwig: Es kann nicht nur Primadonnen geben
Christa Ludwig: Es kann nicht nur Primadonnen geben
Peter Anders: Der brillante Tenor
Peter Anders: Der brillante Tenor
Fritz Wunderlich: Horch, die Lerche singt im Hain! (1.)
Fritz Wunderlich: Horch, die Lerche singt im Hain! (1.)
Giuseppe di Stefano: Im Dienste der Oper
Giuseppe di Stefano: Im Dienste der Oper
PlayPause
previous arrow
next arrow

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert