Teil drei von vier — Teil zwei hier — Teil eins hier

Ende Januar 1960 begegnete Fritz Wunderlich erstmals Herbert von Karajan: Bei einer Aufführung von Mozarts Requiem mit den Berliner Philharmonikern erntete Wunderlich das Lob der Berliner Presse: „Eine einzige Stimme nur erhebt sich als beredter Wortführer Mozarts und seines ergreifbaren Abschiedsgesanges von der Welt: Fritz Wunderlichs beseelter Tenor, mit dem sich keiner der übrigen Solisten an Kultur, Musikalität und Erfülltheit des Vortrages messen kann (…)“, hieß es in einer Kritik des Kurier.

Wunderlich: Synonym eines Berufsstandes 

Erneut begegneten sich von Karajan und Wunderlich bei den Salzburger Festspielen 1960 – auch hier wurde Mozarts Requiem dargeboten.
Im selben Jahr standen für Wunderlich etliche Schallplattenaufnahmen auf dem Terminkalender: Längst war Fritz Wunderlich ein gefragter Interpret seiner Zeit geworden. Selbst Menschen, die keine Opernliebhaber waren, konnten mit dem Namen Fritz Wunderlich etwas anfangen. Der Tenor aus Kusel war dabei, sich zum Synonym für seinen Berufsstand zu entwickeln – und das weit über die Grenzen Europas hinaus… 

Südamerika-Gastspiel

Im September und Oktober 1961 begab sich Fritz Wunderlich auf die Reise nach Buenos Aires: Unter dem Dirigenten Heinz Wallberg wurden Die Entführung aus dem Serail (Mozart), Die schweigsame Frau (Richard Strauss) und Der Rosenkavalier (Strauss) im Teatro Colón dargeboten. Kurt Böhme als Sir Morosus in Die schweigsame Frau und Anneliese Rothenberger als Konstanze in Die Entführung aus dem Serail begleiteten Wunderlich nach Südamerika.
Das Südamerika-Gastspiel machte Wunderlich mit einer ganz anderen Welt vertraut: Teilweise waren die Opern und Singspiele in Argentinien noch nie zuvor aufgeführt worden. Fritz Wunderlich wurde die Ehre zuteil, insbesondere durch seine Interpretation des Henry Morosus in Die schweigsame Frau, Maßstäbe zu setzen – denn vorher hatte noch kein Opernliebhaber in Argentinien diese Rolle gehört.

Fritz Wunderlich als Belmonte
Fritz Wunderlich als Belmonte in Die Entführung aus dem Serail, verwendet mit freundlicher Genehmigung der Fritz Wunderlich Gesellschaft

Erster Liederabend in Wien

Im Februar 1962 begann Fritz Wunderlichs zweite große Karriere: Er gab seinen ersten Liederabend in Wien. Obwohl viele Operninterpreten auch erfolgreiche Liederinterpreten waren und sind, unterscheiden sich beide Genres: Eine Operndarbietung, in der ein Sänger die Hauptrolle singt, bietet den Luxus, viel Zeit auf der Bühne zu verbringen. Somit hat der Sänger mehr Zeit, sich beim Publikum zu bewähren. Ein Lied hingegen ist viel kürzer, umfasst oft nur wenige Notenblätter, verlangt vom Interpreten aber genauso viel Gestaltungskraft wie eine Operndarbietung. 

Auf dem eingeschlagenen Weg weiterschreiten…

Wunderlichs erster Liederabend wurde gespalten aufgenommen: „Es war so, als ob er Angst hätte, man könnte ihm womöglich vorwerfen, er verwechsle das Konzertpodium mit der Opernbühne“, so eine Pressestimme. Der bekannte österreichische Kritiker Karl Löbl hingegen war von Anfang an überzeugt von Wunderlichs Qualitäten: „Ein Liedersänger wurde an diesem Abend entdeckt. Der große, ehrliche Erfolg mag Herrn Wunderlich Anreiz sein, auf dem eingeschlagenen Weg weiterzuschreiten.“
Auf dem eingeschlagenen Weg weiterschreiten: Genau das hatte Fritz Wunderlich vor. 

Zunächst hatten aber noch andere Verpflichtungen Vorrang … 

Qualität geht über Quantität

1962 bot man Wunderlich das Mitwirken in einer Schallplattenaufnahme von Così fan tutte (Mozart) an: Der peruanische Tenor Luigi Alva sagte für die Rolle des Ferrando ab und so fragte man bei Fritz an, ob er die Rolle übernehmen würde. Elisabeth Schwarzkopf, Christa Ludwig und Karl Böhm sollten mitwirken. Einziger Haken: Wunderlich hatte nur acht Tage Zeit, die Partie einzustudieren. Bislang hatte er den Ferrando nur auf deutsch gesungen, die Aufnahme aber war auf italienisch geplant. 

Wunderlich sagte ab: Zwar hätte er die Rolle binnen acht Tagen einstudieren können, aber nicht auf jenem hohen künstlerischen Niveau, dem er sich verpflichtet fühlte. Für Fritz hatte künstlerische Qualität absoluten Vorrang vor finanziellen Interessen und dem Druck seitens der Plattenfirmen, so viele Platten wie möglich aufzunehmen. Obwohl für Wunderlich die Anzahl der Aufnahmen hintenan stand, umfasst seine Diskographie mehrere hundert Aufnahmen. 

Zweiter Liederabend 

Das Jahr 1963 war ein entschiedenes Jahr in der Karriere Wunderlichs: Im März 1963 gab Wunderlich in München einen zweiten Liederabend (ein Jahr zuvor gab er seinen ersten). Dieser Abend wurde erneut eher zurückhaltend von der Kritik aufgenommen: Viele taten sich immer noch schwer damit, dass der lyrische Operntenor Fritz Wunderlich nun auch zum Liedersänger avancierte.
Es war in gewisser Hinsicht die Wiederkehr einer Erfahrung aus seinen Studienjahren: Auch dort konnten sich manche nicht damit abfinden, dass Fritz verschiedene Musikgenres abdeckte.

 

Fritz Wunderlich mit Hubert Giesen
Fritz Wunderlich gibt einen Liederabend mit Hubert Giesen, verwendet mit freundlicher Genehmigung der Fritz Wunderlich Gesellschaft

Wunderlich und Hubert Giesen

Statt sich entmutigen zu lassen, arbeitete er an seinem Liedgesang und – viel wichtiger noch: Er suchte sich einen Mentor, der ihn auch bei seinen Liederabenden am Klavier begleiten würde.
Die Wahl fiel auf Professor Hubert Giesen aus Stuttgart: Die beiden begannen mit ihrer Arbeit an Schumanns Dichterliebe mit Musik von Robert Schumann und Texten von Heinrich Heine.
Beim Liedgesang stellt sich einem Sänger häufig die Frage, ob er sich nach der Interpretation des Textes durch den Komponisten richtet oder ob er den Text des Dichters interpretiert.
Giesen und Wunderlich arbeiteten daran, das Gleichgewicht zu finden und Komponist und Dichter in der Interpretation gleichermaßen zu Wort kommen zu lassen. 

Am 26. Mai 1963 war Wunderlich nach wochenlanger Arbeit mit Hubert Giesen bereit: Er gab einen Liederabend am Theater an der Wien, unter anderem bot der die Dichterliebe dar. Das Presseecho war euphorisch, Wunderlichs neue Herangehensweise beeindruckte die Kritiker: Die Arbeit mit Hubert Giesen hatte sich ausgezahlt. Damit war Fritz Wunderlichs zweite Karriere auf ihren Weg gebracht: Seine Karriere als Liedersänger… 

Simon von Ludwig

Teil vier.

Beitragsbild: Fritz Wunderlich als Belmonte, verwendet mit freundlicher Genehmigung der Fritz Wunderlich Gesellschaft

Die maßgeblichen Quelle ist die Fritz Wunderlich-Biographie von Werner Pfister (Neuauflage 2005 im Schott Musikverlag).
Der Bussard dankt der Fritz Wunderlich Gesellschaft für ihre Unterstützung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.