Teil eins

„Sie wurden mir aus dem Himmel geschickt“ schrieb Birgit Nilsson in ihren Memoiren rückblickend auf den glücklichen Umstand, dass eines Tages Anfang der 1940er ein wohlhabendes Paar die elterliche Farm von Nilsson besuchte und der jungen Sängerin die Möglichkeit gab, ihren Traum von einem Studium an der Royal Academy of Music in Stockholm zu realisieren.
Das Paar bot der jungen Birgit Nilsson an, für die Dauer ihres Studiums in deren Villa in Stockholm zu wohnen – für Nilsson war es die einzige Möglichkeit, ihrem Traum nachgehen zu können, eines Tages eine berühmte Sängerin zu werden. Zwar hatte das Elternhaus ihr gesangliches Talent erkannt, die Eltern erklärten sich jedoch nicht dazu bereit, ihre Tochter in ihrem Traum zu unterstützen. Für den Vater Nils Svensson gab es nur die Farm als Lebensinhalt – die Mutter Justina „Stina“ Pälson schenkte ihrer Tochter zwar in sehr jungen Jahren ihre ersten kleinen Musikinstrumente, doch auch sie war zunächst nicht der Überzeugung, ihrer Tochter wäre eine große Karriere als Sängerin vorgegeben. Trotzdem war Birgit Nilsson der Überzeugung, dass ihre Eltern nur das Beste für sie wollten – damals war es eben für die Tochter eines Farmers aus der schwedischen Provinz alles andere als üblich, eine Karriere als Opernsängerin anzustreben. 

Von der allgemein gepriesenen Gesangstechnik einer „tiefen Atmung“ erfuhr Nilsson erst später.

„Pneumatischer Druck auf die Stimmbänder“ – Gefahren für eine Junge Stimme

Am Anfang ihrer Zeit an der Royal Academy of Music in Stockholm stand ein Gesangslehrer, der ihr sofort eine der schwierigsten Arien überhaupt zum Üben vorlegte: Nilsson sollte „Casta Diva“ aus Bellinis Norma vorsingen, die sonst nur bereits gesangtechnisch sehr versierte Sängerinnen sangen. Es war äußerst ungewöhnlich, eine junge Gesangsstudentin mit dieser Arie direkt am Anfang ihrer Studienzeit vor eine riesige Herausforderung zu stellen: Einer ihrer ersten Gesangslehrer wandte eine durchaus unorthodoxe Gesangstechnik an, die Nilssons Stimme ihren Memoiren zufolge beinahe in Gefahr gebracht haben soll.
Jene Gesangstechnik führte dazu, dass Nilssons Stimme am Ende des ersten Semesters vollkommen erschöpft war: Besonders der „pneumatische Druck“, den Nilsson auf Anweisung ihres Gesanglehrers auf ihre Stimmbänder ausübte, wirkte sich verheerend aus. Diese Technik ist äußerst ungeeignet, wenn man eine lange Gesangskarriere anstrebt, denn sie wirkt zwar effektvoll, doch sie übt einen schonungslosen Druck auf die Stimmbänder aus. Von der allgemein gepriesenen Gesangstechnik einer „tiefen Atmung“, bei der die Stimmbänder bei all der Belastung so weit wie möglich geschont wurden, erfuhr Nilsson erst später.
Für die Dauer ihrer Karriere war Nilsson deshalb äußerst kritisch, wenn es um Gesangslehrer ging – ihren Memoiren zufolge habe sich Nilsson später einen Großteil ihrer Gesangstechnik selbst beigebracht. Ihren einzigen wirklich hilfreichen Gesangsunterricht habe sie bei Ragnar Blennow erhalten, der in ihrer Heimatgemeinde der jungen Sopranistin privaten Gesangsunterricht gab und als Entdecker ihrer Stimme gilt.

Dramatischer Sopran

Am 9. Oktober 1946 gab Birgit Nilsson nach fünfjähriger Studienzeit ihr Debüt auf einer Opernbühne: Sie spielte die Rolle der Agathe aus Carl Maria Webers Freischütz an der Stockholmer Oper. Die Kritiken freundeten sich mit der jungen Sängerin an, man attestierte ihr, dass sie sich sehr wahrscheinlich zu einem dramatischen Sopran entwickeln würde. Am Tag nach der Premiere konnte Nilsson kaum fassen, dass sie gerade zum ersten Mal in ihrem Leben auf einer Opernbühne gestanden hatte – gleich mit ihrem ersten Opernauftritt hatte sie sich die Gunst der Kritiker gesichert. Das war nicht zuletzt ihrer fundierten Ausbildung zu verdanken. Ihre Eltern waren mittlerweile auch davon überzeugt, dass der Gesang der richtige Weg für ihre Tochter sein würde und verfolgten den Karriereweg ihrer Tochter mit großer Freude. 
Die Stockholmer Oper sollte nun für über ein Jahrzehnt Birgit Nilssons künstlerisches Zuhause werden: Es zeichnete sich ab, dass man Nilsson schon bald in das feste Ensemble der Stockholmer Oper aufnehmen würde…

Die junge Birgit Nilsson zu Hause in Svenstad auf einem Pferd. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Birgit Nilsson-Museums.

Lady Macbeth

Als Birgit Nilsson 1947 ihr Debüt in der Rolle der Lady Macbeth feierte, merkte man an, ihre Stimme sei „zu schön“ für die Rolle der Lady Macbeth. Diese Aussage ging auf einen Brief Verdis 1847 zurück, in dem er formulierte, für die Rolle der Lady Macbeth brauche eine Sängerin keine schöne Stimme, sondern die „Stimme eines Teufels“. Nilsson analysierte in ihren Memoiren, dass Verdis Aussage nicht künstlerisch zu begründen sei, sondern Verdi selbst vielmehr eine Geliebte zu jener Zeit hatte, welcher er versprochen hatte, sie würde eines Tages die Rolle der Lady Macbeth spielen dürfen. Folglich wollte der Komponist der Oper jeder anderen Sängerin, wie schön ihre Stimme auch war, die Rolle abspenstig machen. Nilsson hielt fest, dass die Rolle der Lady Macbeth eine jener Rollen der italienischen Oper sei, zu deren Interpretation es einer besonders schönen Stimme mit viel stimmlicher Raffinesse bedarf. Die sich immer mehr zum dramatischen Sopran entwickelnde Stimme der Birgit Nilsson konnte perfekt alle Anforderungen erfüllen, die der Komponist Guiseppe Verdi an die Rolle der Lady Macbeth gestellt hatte. 
Ihre Interpretation der Lady Macbeth gilt als Durchbruch von Birgit Nilsson: Der deutsche Dirigent und Operndirektor Fritz Busch, der auch an die Produktion von Macbeth 1947 beteiligt war, hatte maßgeblichen Anteil am Durchbruch Birgit Nilssons. 

Birgit Nilsson akzeptierte Auslandsengagements zunächst nur zögerlich – sie zog es vor, sich zunächst in Schweden einen Ruf als renommierte Opernsopranistin zu erarbeiten.

Gastspiele auf europäischer und internationaler Ebene

Birgit Nilsson, jene Opernsängerin, die am Anfang ihrer Studienzeit von einigen als „Sopranistin aus der Provinz“ belächelt wurde, hatte es geschafft: 1948 wurde sie Ensemblemitglied der Stockholmer Oper. Durch ihre brillante Darbietung der Lady Macbeth wurde man auch international auf die Sopranistin aufmerksam: Doch Birgit Nilsson akzeptierte Auslandsengagements zunächst nur zögerlich – sie zog es vor, sich zunächst in Schweden einen Ruf als renommierte Opernsopranistin zu erarbeiten, bevor sie auf die internationale Bühne gehen würde. Nilssons erstes Engagement außerhalb Schwedens war 1951 ein Konzert in Berlin mit Leo Blech als Dirigent.
In den Fünfzigern erarbeitete sich Nilsson in Schweden einen Ruf als Sopranistin par excellence: Sie arbeitete unter anderem mit Ferenc Fricsay und Jussi Björling zusammen.
1953 gab Nilsson ihr Debüt im Festspielhaus in Bayreuth, als Solistin in Beethovens Neunter Symphonie. Es würde nicht das letzte Mal bleiben, dass sie in Bayreuth auftreten würde.
In ganz Europa nahm man die Schwedin fortan als gefragte Sopranistin wahr: So gab sie ab 1954 regelmäßig Gastspiele an der Wiener Staatsoper. 

Neue Wege

Bereits in dieser Phase ihrer Karriere deutete sich an, dass sie eines Tages eine der führenden Interpretinnen der Opern von Richard Wagner werden würde: 1954 schlüpfte sie in die Rolle der Elsa aus Lohengrin in Bayreuth.
Ab Mitte der Fünfziger häuften sich die internationalen Engagements für Birgit Nilsson: 1956 trat sie in der Hollywood Bowl und an den Opernhäusern von San Francisco und Chicago auf. Ihr Auftritt in der Hollywood Bowl mit 20.000 Sitzplätzen war ihr amerikanisches Debüt. Nachdem sich Nilsson in Schweden als extrem gefragte Opernsängerin etabliert hatte, begriff man auch an der Stockholmer Oper, dass man das Zugpferd Birgit Nilsson an der Stockholmer Oper nicht mehr für sich ganz alleine haben konnte: Im Lichte ihrer internationalen Engagements wurde der dauerhafte Vertrag mit der Stockholmer Oper gelöst und Birgit Nilsson ging auf internationaler Ebene neue Wege…

Simon von Ludwig

Teil zwei.


Maßgebliche Quelle: Nilsson, Birgit: La Nilsson – My Life in Opera, 2018 VfmK Vienna

Beitragsbild: Birgit Nilsson um 1967 bei einem Konzert, verwendet mit freundlicher Genehmigung des Birgit Nilsson-Museums.
Der Bussard dankt dem Birgit Nilsson-Museum für seine Unterstützung.


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