Am Anfang sei er ein „Niemand“ gewesen, sagte Udo Jürgens rückblickend auf den Beginn seiner Karriere. Zu Beginn seiner Karriere als Sänger sang er hauptsächlich „Pepino-Musik“, wie er später die recht bedeutungsfreie, alltäglich im Radio gespielte Schlager-Musik der Sechziger und Siebziger bezeichnete: Obwohl für ihn von Anfang an klar war, dass er nur mit eigenen Kompositionen glänzen konnte, traute ihm die deutsche Plattenindustrie das nicht zu. Jürgens stand niemals ganz dahinter, die Musik von anderen Komponisten zu interpretieren – folglich feierte er am Anfang seiner Karriere auch keinen einzigen Erfolg. Später war er froh darüber, erst mit eigenen Kompositionen Erfolge erzielt zu haben: „Unter Umständen hätte ich zwar kurzfristig schnelles Geld in der Hand gehabt, aber meinen wahren Weg hätte ich wohl nicht gefunden.“, äußerte sich Jürgens rückblickend.
Die deutsche Plattenindustrie wollte von Udo Jürgens nichts mehr wissen, wenn er nicht die Werke anderer Komponisten interpretieren wollte: Erst in den Sechzigern nahm ihn eine französische Schallplattenfirma unter Vertrag, die sogar explizit den Wunsch äußerte, dass Jürgens nur noch eigene Kompositionen interpretierte. Doch der Weg bis dahin war kein kurzer Weg… 

USA-Aufenthalt und Shirley Bassey

Als sehr prägend für seinen weiteren Lebensweg bezeichnete Udo Jürgens, der damals Student war, einen längeren Aufenthalt in den USA 1957: Während dieser Zeit reiste er mit anderen Studenten ca. 25.000 Kilometer durch die Vereinigten Staaten und sammelte Eindrücke, die er über sein gesamtes Leben hinweg nicht vergessen würde.
Im Verlauf seiner gesamten Karriere hatte er eine besondere Beziehung zum US-amerikanischen Showbusiness: Er bewunderte die Professionalität des amerikanischen Bühnengeschäfts und holte sich dort viel Inspiration für seine eigenen Werke, doch ein Teil dieses Showgeschäfts wollte Udo Jürgens nie werden.
Als der Sänger 1956 seinen ersten Schallplattenvertrag erhielt, fand sein Künstlername Udo Jürgens zum ersten Mal Verwendung: Seine ersten Platten waren jedoch Flops, man gewährte ihm keinerlei künstlerische Freiheiten. Erst als Jürgens für Shirley Bassey den Welthit Reach For The Stars komponierte, stellte er damit unter Beweis, dass er als Komponist ein großes Talent besaß: Außerdem traf Jürgens den Manager Hans R. Beierlein, der Jürgens darin bestärkte, nur noch eigene Kompositionen zu interpretieren – Beierlein würde sich dann schon um die Vermarktung kümmern… 

In den Siebzigern verging kaum ein Jahr, in dem Jürgens nicht auf Tournee ging – die Besucherzahlen waren überwältigend und wurden von anderen Künstlern kaum erreicht.

Warum nur, warum? 

Einer der ersten Hits, die Jürgens als Komponist feierte, war Warum nur, warum?: Mit diesem Hit nahm er ebenfalls beim Grand Prix Eurovision in Kopenhagen 1964 teil. Matt Monro, der gerade mit seiner Interpretation vom ersten James Bond-Song From Russia with Love einen großen Erfolg gefeiert hatte, nahm eine englische Version von Warum nur, warum? unter dem Titel Walk Away auf und feierte damit einen Nummer Eins-Erfolg. Udo Jürgens’ Musik hatte Mitte der Sechziger den Weg in die ganze Welt hinaus gefunden. Im weiteren Verlauf der Sechziger und in den frühen Siebzigern wurde Udo Jürgens allmählich als ein Chansonnier anerkannt – neben Schallplattenveröffentlichungen ging Jürgens auf zahlreiche Tourneen, die ihn besonders im deutschsprachigen Raum zu einem extrem gefragten Künstler machten. Im Rahmen seiner Tournee „Udo ’70“ durchquerte der Sänger 266 Städte. In den Siebzigern verging kaum ein Jahr, in dem Jürgens nicht auf Tournee ging – die Besucherzahlen waren überwältigend und wurden von anderen Künstlern kaum erreicht.
Doch nicht nur im deutschsprachigen Raum war Jürgens mittlerweile ein berühmter Sänger: So trat er 1974 in Rio de Janeiro vor knapp 40.000 Menschen auf – es kam nicht jeden Tag vor, dass in Südamerika solch ein großes Interesse an einem deutschsprachigen Künstler bestand. Die größten Hits, die Udo Jürgens in den Siebzigern veröffentlichte und die man bis heute nicht vergessen kann, sind unter anderem Griechischer Wein, Aber bitte mit Sahne und Tausend Jahre sind ein Tag.

Tausend Jahre sind ein Tag

Udo Jürgens war kein einfacher Schlagersänger, der sich damit zufrieden gab, wenn er dem Publikum etwas vorsang von Liebe, Glück und Enttäuschungen im Leben: Seine Leider hatten nicht selten einen gesellschaftskritischen Inhalt, wie seine Komposition Tausend Jahre sind ein Tag. Dass jenes Lied als Titelmusik einer französischen Zeichentrickserie für Kinder über die Geschichte der Menschheit verwendet wurde, war kein Zufall: Schließlich stellt Jürgens im Verlauf des Liedes immer wieder das menschliche Zeitverständnis mit seiner Frage Was ist Zeit? Infrage. Doch das Lied geht tiefer, als man zunächst vermuten mag: Mit Passagen wie Wer alles hat, kriegt noch Rabatt oder Die schöne Lüge vom Goodwill liegt dem Lied eindeutig ein gesellschaftskritischer Gedanke zugrunde. Manches Kind mag beim Anhören dieser Titelmusik einer Zeichentrickserie vielleicht die Stirn gerunzelt haben, doch manchem Erwachsenen wurden durch solche Lieder womöglich die Augen geöffnet.
Dafür war Udo Jürgens’ Musik bekannt: Einfach nur Gefühlslagen oder Lebenssituationen mit seinen Liedern anzusprechen, das war ihm nicht genug. Sein Ziel war es, mit seinen eigenen Kompositionen eine Botschaft in die Welt hinaus zu tragen und den Zuhörer zum Nachdenken zu bewegen. Das mag auch Jürgens’ Erfolgsgeheimnis gewesen sein. 

Er konnte nicht nur hart arbeiten, seine Arbeit traf fast immer den Zeitgeist und begeisterte viele Millionen Menschen auf der ganzen Welt.

Einstellung zur Arbeit

Für Udo Jürgens hatte das Live-Ereignis eine große Bedeutung: Die Tatsache, dass bei einem Live-Konzert dem Künstler auch „Fehler“ passieren können, gehörte für ihn zum Charme des Live-Konzerts dazu. „Es gibt wenige Konzerte, bei denen ich gar keinen Fehler mache“, stellte Jürgens einst fest – oftmals dürften die Fehler dem Publikum jedoch gar nicht aufgefallen sein, da ein Live-Ereignis nun mal etwas anderes ist als eine Schallplattenaufnahme, bei der so lange am Ergebnis gearbeitet wird, bis es perfekt im Kasten ist. Ohne seine legendären Live-Tourneen wäre Udo Jürgens kaum der Künstler, der wie kein anderer seiner Generation seine Liedkunst und sein musikalisches Talent um die Welt trug: Bis nach Japan reichte sein Erfolg als Songwriter und Sänger. In Japan bewunderte Jürgens insbesondere die Einstellung der Menschen zur Arbeit: „Für die Japaner ist Arbeit nicht nur notwendig, sondern wesentlich und wichtig für die seelische Balance eines Menschen. (…) Dort ist die Arbeit etwas Schönes, bei uns eher etwas Verteufeltes.“, bekundete der Sänger einst.
Udo Jürgens hatte eine besondere Beziehung zu seiner Arbeit als Sänger und Songwriter: Er konnte nicht nur hart arbeiten, seine Arbeit traf fast immer den Zeitgeist und begeisterte viele Millionen Menschen auf der ganzen Welt.

Der „Geist des Einzelnen“

Auch als Udo Jürgens älter wurde, dachte er nicht im Entferntesten daran, kürzerzutreten oder seine Arbeit gar ganz niederzulegen: Gerade das Alter war für den Künstler, der durch seine Arbeit seelisch und psychisch jung blieb, Anlass dafür, seine künstlerische Arbeit in bekanntem Umfang und darüber hinaus fortzusetzen.
Als Udo Jürgens 2014 im Alter von achtzig Jahren starb, war er immer noch komplett in das Showbusiness eingebunden: Man kann sagen, dass Jürgens beinahe bis zu seinem letzten Atemzug mit dem ikonischen dunkelblauen Smoking und dem roten Einstecktuch auf der Bühne stand und seine Lieder für sein Publikum zum Besten gab. Das Phänomen Udo Jürgens gab es in der Welt der Musik bis heute kein zweites Mal und wird es wahrscheinlich niemals ein zweites Mal geben – seine einmaligen Lieder werden ihn um viele Jahrzehnte überleben.
Udo Jürgens war Zeit seines Lebens ein „musikalischer Einzelgänger“: Für ihn war es der „Geist des Einzelnen“, der durch seine Musik sprach und sich so entfalten konnte. Obwohl Jürgens selbst Schallplatten von Musikgruppen wie Supertramp zu seinen Favoriten zählte, konnte er das Musizieren in Gruppen nicht pauschal gutheißen: Schließlich wolle man, wenn man sich einen John Wayne-Film ansieht, auch den Einzelgänger John Wayne sehen, wie er nach dem „einer gegen alle“-Prinzip gegen das Böse und die Ungerechtigkeit kämpft – und keine Gruppe, in der sich der Geist und die Gedanken des Einzelnen dem Gruppenzwang unterwerfen müssen.

Simon von Ludwig


Maßgebliche Quelle: Simon, Christian: „Ich, Udo – Gespräche mit Christian Simon“, 2016 LangenMüller

Beitragsbild: Udo Jürgens 1966 bei der Musikshow Hits à Gogo im Schweizer Fernsehen
Bildnachweis: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) / Com_C15-032-003 / CC BY-SA 4.0


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