Es gibt Melodien und Texte, die man niemals vergisst: La mer von Charles Trenet zählt ohne Frage zu diesen Melodien und Texten. Wie kein anderer meisterte es der einmalige Chansonier, die Dynamik und Schönheit des Meeres einzufangen und musikalisch zu verarbeiten. 
Er komponierte die Musik und schrieb die Texte für beinahe 1.000 Chansons: Es lässt sich ohne Zweifel sagen, dass Charles Trenet zu den Meistern des französischen Chansons zählt. 
Der Autor Olaf Salié bezeichnet in seiner Kurzbiographie über Charles Trenet das Chanson La mer als die „reine Lehre“ des französischen Chansons, das Maßstäbe setzte. 
Der Legende nach soll Charles Trenet sein wohl bekanntestes Chanson La mer binnen zwanzig Minuten auf einer Zugfahrt nach Perpignan geschrieben haben – es lässt sich mit Sicherheit sagen, dass diese zwanzig Minuten die französische Chansonkultur nachhaltig veränderten. 

Einmaliges Phänomen

Charles Trenet wurde 1913 im südfranzösischen Narbonne geboren – die Straße, in der sich sein Geburtshaus befindet, trägt heute seinen Namen. Dass Trenet später solch ein faszinierendes Chanson wie La Mer verfasste, kam nicht von irgendwoher – die Stadt Narbonne befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Mittelmeer. Mit La mer brachte Trenet etwas vom einzigartigen Charme dieser südfranzösischen Region in die ganze Welt. 

In der französischen Chansonwelt ist Charles Trenet ein einmaliges Phänomen: Häufig kam es vor, dass ein Künstler entweder als Chansondichter oder als Chansonsänger großen Erfolg feierte – beides zusammen war eine Seltenheit, die kaum anzutreffen war. Der einmalige Trenet verfasste nicht nur seine eigenen Chansons, er interpretierte sie auch – somit erreichte er ein enorm hohes künstlerisches Niveau, denn nur er konnte wissen, wie ein von ihm geschriebenes Chanson interpretiert werden sollte. Vielleicht genießen deshalb Charles Trenet-Chansons in aller Welt bis heute einen einmaligen Ruf.

Der klassische Stereotyp des aus tiefster Armut emporgestiegenen Chansonsängers traf auf Charles Trenet nicht unbedingt zu.

Requisitendesigner

Seinen Hang zu allem Musikalischen hatte Charles Trenet seiner Mutter zu verdanken: Seine Mutter soll unter anderem Jazzstandards von George Gershwin auf dem Plattenspieler gespielt haben, was den jungen Trenet sehr faszinierte. 

Der klassische Stereotyp des aus tiefster Armut emporgestiegenen Chansonsängers traf auf Charles Trenet nicht unbedingt zu: Er entstammte einem gut situierten Elternhaus, das sich der Bedeutung von Musik und Kultur durchaus bewusst war. In jungen Jahren soll Trenet die Aufmerksamkeit des Dichters Albert Bausil erregt haben, der den jungen Trenet auch dazu bewegt haben soll, nach Paris zu gehen. 

Mit siebzehn Jahren verließ Charles Trenet seine südfranzösische Heimat, um in Paris die Laufbahn eines Journalisten einzuschlagen: Um sich dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete er als Requisitendesigner für verschiedene Filmstudios. Man kann durchaus den Eindruck bekommen, dass Charles Trenet hier entscheidende Erfahrungen für seine spätere Karriere als Chansonnier sammelte – schließlich erzählen manche seiner Chansons eine Geschichte, wie sie sonst nur ein Film erzählen kann.

Duo mit Johnny Hess

Charles Trenet wird häufig als ein Chansonsänger beschrieben, der es meisterte, seine Chansons ohne jegliches Pathos und mit enorm viel Poesie darzubieten: Die Vorstellung davon, was als Pathos bezeichnet werden kann, hat sich über die Jahrzehnte verändert. Doch die Vorstellung von Poesie dagegen hat sich kaum verändert – das mag der Grund sein, weshalb die meisten von Charles Trenets Chansons auch in die heutige Zeit passen. 

Hinzu kommt das einmalige Timbre der Stimme Charles Trenets, das nicht etwa von einer außerordentlich voluminösen Stimme kam, sondern einer warm und erzählerisch klingenden Stimme glich. Die Kombination aus beidem – einem poetischen Gemüt und einer mit der Poesie perfekt harmonierenden Stimme – machen das Phänomen Charles Trenet aus. 
Trenets Bühnenkarriere begann mit einem Duo: Trenet tat sich Anfang der Dreißiger mit dem Schweizer Pianisten Johnny Hess zusammen, um gemeinsam Musik zu machen. 
Die beiden bildeten für einige Zeit ein erfolgreiches Duo, 1933 nahmen sie eine Schallplatte gemeinsam auf. Die beiden führten nur selbst geschriebene Musik auf – Trenet verfasste die Texte, Hess schrieb die Musik. 

Inzwischen schrieb Trenet nicht nur die Texte für seine Chansons, sondern auch die Musik. 

„Der singende Narr“

Als Charles Trenet zum Kriegsdienst eingezogen wurde, löste sich das Duo aus Trenet und Hess wieder auf – doch der Chansonnier Trenet nahm aus dem Duo etwas mit: Dank der zahlreichen Auftritte in den großen Music Halls von Paris hatte er sich mittlerweile einen Namen als Chansondichter und Chansonsänger gemacht. Für den Weltstar Maurice Chevalier verfasste Charles Trenet in den Dreißigern das Chanson Y’a d’la joie, das Trenet prompt an die Spitze der französischen Chansondichter katapultierte. Das Chanson avancierte – nicht zuletzt dank der Zugkraft Maurice Chevaliers – zu einem Welthit. Inzwischen schrieb Trenet nicht nur die Texte für seine Chansons, sondern auch die Musik. 

Diesen Durchbruch nutzte Charles Trenet, um sich einen Ruf als Solokünstler zu erarbeiten: Auf der Bühne erschuf Trenet das Image eines « fou chantant » (frz. „singender Narr“). Dieses besondere Bühnenimage drückte sich unter anderem dadurch aus, dass er einen braunen Hut mit auf die Bühne nahm, den er in seinen Händen herumdrückte.
In den Vierzigern feierte Charles Trenet unzählige große Erfolge: Zu seinen größten Hits aus dieser Zeit zählen Que reste-t-il de nos amours?, La Mer und L’âme des poètes. Zeitweise wurde Trenet auch vom legendären Jazzgitarristen Django Reinhardt begleitet.

Chansons waren seine Lebensaufgabe

Der Chansonsänger Trenet zählt nicht nur wegen seines vielfältigen Repertoires bis heute zu den bekanntesten Chansonniers überhaupt: Er überlebte alle anderen Chansongrößen des 20. Jahrhunderts, darunter Edith Piaf, Yves Montand und Jacques Brel. Bis ins hohe Alter stand Charles Trenet auf der Bühne – selbst in seinem achten Lebensjahrzehnt füllte er noch große Konzertsäle: Anlässlich seines 80. Geburtstags gab er eine ganze Reihe von Konzerten an der Opéra Bastille

Im Frühjahr 1999 – knapp zwei Jahre vor Trenets Tod im Jahr 2001 – erschien sein letztes Album mit 14 neuen Chansons: Man kann sagen, dass Trenet das Schreiben von Chansons als seine Lebensaufgabe begriff. Anders lässt sich nicht erklären, dass der Chansonsänger fast bis an sein Lebensende auf der Bühne stand und ständig neue Chansons schrieb. Sein kreatives Potenzial war schier unbegrenzt – die französische Chansonkultur wäre ohne sein Lebenswerk ohne Frage ein ganzes Stück ärmer. Insbesondere sein Chanson La Mer ist im Kollektivgedächtnis verankert: Das mag nicht zuletzt mit den unzähligen Coverversionen des Liedes zusammenhängen, die in verschiedenen Sprachen existieren. Lale Andersen interpretierte das Chanson unter dem Titel Das Meer auf deutsch, Benny Goodman katapultierte das Chanson unter seinem englischen Titel Beyond The Sea in die amerikanischen Charts. Trenet ließ das französische Chanson um die Welt reisen.

Simon von Ludwig


Main source: Salié, Olaf: Chanson – Leidenschaft, Melancholie und Lebensfreude aus Frankreich, 2021 Prestel Verlag

Beitragsbild: Charles Trenet 1954 am Flughafen Amsterdam Schiphol, Fotograaf Bilsen, Joop van / Anefo, Nationaal Archief, CC0


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