„Dmitri ist ein guter Name. Wir werden ihn Dmitri nennen.“, soll der anwesende Priester bei der Taufe Dmitri Schostakowitschs gesagt haben. Seine Eltern wollten ihn eigentlich Jarosław nennen – doch dieser Name erschien dem Priester zu ungewöhnlich und so entschloss er sich, das Baby auf den Namen Dmitri zu taufen. 
Im Alter von 19 Jahren verfasste Schostakowitsch seine Symphonie Nr. 1: Man möchte denken, dass ein Komponist und Dirigent wie er schon seit frühester Kindheit eine Faszination für die Musik hegte. Doch Dmitri Schostakowitsch hatte nicht die typische Kindheit eines Musikgenies: Zwar wuchs er ohne Frage in einem musikalischen Umfeld auf, doch Schostakowitsch führte eine für die damalige Zeit typische Kindheit. 

Dmitris Eltern wollten nicht unbedingt, dass er den Beruf eines Musikers ergreifen würde: Nichtsdestotrotz bildete ihn seine Mutter auf dem Klavier aus – dabei verwendete sie jedoch keine musikalischen Methoden als Anleitung, sondern alleine ihre Intuition und ihr musikalisches Gefühl. Biographen sind sich heute einig, dass ebendiese relative Einfachheit der mütterlichen Ausbildung die Grundlage für Schostakowitschs spätere meisterliche Beherrschung des Klaviers bildete. 

Zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten in der Ausbildung Schostakowitschs zählte der Konservatoriumsdirektor Alexander Glasunow.

Oktoberrevolution und Studium

„Die Oktoberrevolution erlebte ich auf der Straße“, sagte Schostakowitsch später über seine Kindheit und Jugend: Ohne Frage prägten ihn die Umstände seiner Zeit. Doch ungeachtet der neuen Umstände, die im Zuge der Oktoberrevolution eintraten, ließ man bei den Schostakowitschs von der Musik nicht ab: Im Gegenteil, die Musik war mehr denn je im Zentrum des Geschehens. Zunächst war es vor allem Dmitri Schostakowitschs Talent am Klavier, das Aufmerksamkeit erweckte: Sein kompositorisches Talent wurde zwar wahrgenommen, doch der Fokus seiner Ausbildung lag zunächst auf dem Klavier. 

Es dauerte jedoch nicht lange, bis auch Schostakowitschs kompositorisches Talent Anerkennung fand: Ab 1919 studierte Dmitri Schostakowitsch nicht nur Klavier beim Pianisten Leonid Nikolajew, sondern auch Kompositionslehre beim Komponisten Maximilian Steinberg. Zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten in der Ausbildung Schostakowitschs zählte der Konservatoriumsdirektor Alexander Glasunow. Obwohl Schostakowitsch nie von Glasunow direkt unterrichtet wurde, unterstützte der Direktor den jungen Komponisten: Das, obwohl Glasunow der modernen Musik allgemein äußerst kritisch gegenüberstand. Doch er wusste, dass die Zukunft nicht ihm gehören würde, sondern Komponisten wie Schostakowitsch. 

Stummfilmpianist und I. Symphonie

1922 wurde der junge Komponist von einem schweren Schicksalsschlag getroffen: Sein Vater starb an einer Lungenentzündung – in der Folge befand sich die Familie in einer finanziellen Notlage. Um sich und seine Familie zu ernähren, arbeitete Schostakowitsch fortan als Stummfilmpianist – er spielte live im Kino die musikalische Untermalung für Stummfilme auf dem Klavier. Diese Tätigkeit erklärt Schostakowitschs lebenslanges Faible für die Filmmusik – trotzdem war die Tätigkeit als Stummfilmpianist für ihn nicht mehr als ein Mittel, um seine Familie zu ernähren – die „wahre Musik“ spielte sich für ihn im Konzertsaal ab. Trotzdem war die Tätigkeit als Stummfilmpianist nicht unbedingt einfach: Unter anderem waren Improvisationen am Klavier Bestandteil seiner Arbeit. Seine Beschäftigung in Stummfilmkinos beanspruchte Schostakowitsch fast komplett und hielt ihn mehrere Jahre davon ab, musikalische Werke zu schöpfen. 

Dmitri Schostakowitsch beende sein Kompositionsstudium 1926 mit der Komposition seiner I. Symphonie, die am 12. Mai 1926 uraufgeführt wurde. Diese I. Symphonie machte den 20-jährigen Komponisten sofort international bekannt: Unter anderem wurde das Werk kurze Zeit später vom Dirigenten Bruno Walter in Berlin aufgeführt, es dauerte nicht lange, bis das Werk ebenfalls in die Vereinigten Staaten gelangte – es wurde in Philadelphia und in New York gespielt. Damit genoss Schostakowitsch binnen kürzester Zeit internationale Bekanntheit. Spätestens als Arturo Toscanini das Werk 1931 zum ersten Mal spielte, war Schostakowitschs I. Symphonie in das Weltrepertoire eingegangen und zählt bis heute zu einem der meist gespielten Stücke von Schostakowitsch. 

„Sowjetischer Jazz“

Mitte der Dreißiger komponierte Dmitri Schostakowitsch eines seiner bis heute bekanntesten Werke: Die Suite für Jazzorchester Nr. 1 war das Ergebnis der Mitwirkung Schostakowitschs in der sogenannten Jazz-Kommission der Sowjetunion, deren Ziel es war, einer sowjetischen Form des Jazz zum Aufschwung zu verhelfen. Man wollte bewusst ein ideologisches Gegenstück zum damals gerade aufkommenden US-amerikanischen Jazz kreieren – Schostakowitsch verstand es wie kein anderer, mit seiner Suite für Jazzorchester die Klassische Musik mit leicht zugänglicher Jazz-Musik zu kombinieren. 

In seiner Jazz-Suite verarbeitete Schostakowitsch unter anderem die improvisatorischen Erfahrungen, die er als Stummfilmpianist gesammelt hatte: Seine Aufgabe war es, die typischen Stilelemente des Jazz aufzugreifen, doch er musste sie so verarbeiten, dass man nicht auf die Idee kommt, der „sowjetische Jazz“ habe etwas mit dem US-amerikanischen Pendant gemein, außer die Bezeichnung. Ohne Frage war die Kreation eines „sowjetischen Jazz“ ein wichtiges Anliegen für die Machthaber: Auf der einen Seite erwies sich Schostakowitsch den Machthabern gegenüber als loyaler Musikschaffender, auf der anderen Seite war sein gesamtes künstlerisches Schaffen überschattet von der Angst, in Ungnade zu fallen und hingerichtet zu werden. Somit blieb Schostakowitsch automatisch auf einer gewissen Distanz zum herrschenden System, dessen Schattenseiten er genauestens kannte.

Wann genau die Suite für Varieté-Orchester entstand, lässt sich nicht sagen, man geht allerdings von der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre aus. 

„Das Warten auf die Exekution“

Denkt man heute an die Arbeit von Dmitri Schostakowitsch, kommt einem vor allem seine Suite für Varieté-Orchester ins Gedächtnis: Fälschlicherweise wird diese Suite für Varieté-Orchester häufig mit Schostakowitschs 2. Suite für Jazzorchester gleichgesetzt, doch Schostakowitschs Suite für Jazzorchester Nr. 2 stellt ein eigenständiges Werk dar, das er 1938 komponierte und nach dem Zweiten Weltkrieg als verschollen galt. Deshalb bezeichnete man bis 1999 Schostakowitschs Suite für Varieté-Orchester als Suite für Jazzorchester Nr. 2. 

Insbesondere der Walzer Nr. 2 aus Schostakowitschs Suite für Varieté-Orchester genießt bis heute große Berühmtheit: Der Walzer Nr. 2 wird häufig losgelöst aus der Suite alleine aufgeführt und ist der Bestandteil zahlreicher Werke der Filmmusik. Wann genau die Suite für Varieté-Orchester entstand, lässt sich nicht sagen, man geht allerdings von der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre aus. 

Heute gilt Dmitri Schostakowitsch als einer der versiertesten und einflussreichsten russischen Komponisten und Pianisten des 20. Jahrhunderts: Sein musikalisches Schaffen erstreckte sich über 15 Sinfonien und genauso viele Werke für Violine und Violincello. Schostakowitschs Leben und künstlerisches Schaffen war von den äußeren Umständen seiner Zeit geprägt. In seinen Memoiren schrieb er: „Das Warten auf die Exekution ist eines der Themen, die mich mein Leben lang gemartert haben, viele Seiten meiner Musik sprechen davon.“ 

Musikalischer Brückenbauer

Doch zu der befürchteten Exekution kam es nie: Schostakowitsch starb am 9. August 1975 an Leiden, die ihn bereits seit jungen Jahren begleitet hatten. Genauso wie in seinem musikalischen Vermächtnis, das ohne Zweifel Brücken zwischen Klassischer Musik und populärer Musik baute, meisterte er in seinem Leben den Spagat zwischen notgedrungener Loyalität gegenüber den Machthabern und den Idealen seines gesunden Menschenverstandes. Schostakowitsch kann als ein musikalischer Brückenbauer angesehen werden, der die Klassische Musik nicht nur künstlerisch voranbrachte, sondern insbesondere durch seine Suiten für Jazzorchester und seine Suite für Varieté-Orchester der Klassischen Musik half, den Sprung in die moderne Musikwelt zu schaffen. 

Simon von Ludwig


Maßgebliche Quellen: Meyer, Krzysztof: Schostakowitsch – Sein Leben, sein Werk, seine Zeit, 2015 Schott Music und seine Biographie via schostakowitsch.de.

Beitragsbild: © Simon von Ludwig


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