Obwohl er zweifelsfrei zu den ganz großen Dirigenten gehört, zählte er sich selbst nie zu den „Großen“: Denn für ihn existierte das nicht, ein „großer“ Dirigent. Für ihn waren es der Komponist und seine Musik, die im Vordergrund standen und das musikalische Wirken eines Dirigenten maßgeblich bestimmten. Das Wort „Arbeit“ war für Abbado im Zusammenhang mit Musik unbedingt zu vermeiden: Die Musik war für Abbado keine Arbeit, sondern eine „große, tiefe Leidenschaft“, wie er in einem Interview einmal bekräftigte.
Obwohl die Persönlichkeiten der beiden nicht unterschiedlicher hätten sein können, förderte Herbert von Karajan den jungen Claudio Abbado in seiner frühen Karriere: Abbado stammte zwar aus einer musikalisch angehauchten mailändischen Familie, doch damit war keineswegs gesichert, dass er eines Tages ein sehr erfolgreicher Dirigent sein würde.
In den Sechzigern hatte Abbado zwar bereits einige entscheidende Preise, die für eine Karriere als Dirigent wichtig waren, gewonnen: Unter anderem gewann Abbado 1963 den prestigeträchtigen Mitropoulos-Preis für Klassische Musik. Doch wenn Karajan ihn 1965 nicht für ein Dirigat bei den Salzburger Festspielen für eine Darbietung von Mahlers Zweiter Symphonie eingeladen hätte, wäre Abbados Karriere wohl kaum so erfolgreich verlaufen. 

Abbado wollte nicht viele Dinge „einigermaßen können“, er wollte eines so richtig gut können: Das war das Dirigieren.

Dirigieren, Komponieren oder Klavierspielen?

Aus einer musikalischen Familie zu stammen ist kein Freifahrschein, um es in der Welt der Klassischen Musik zu etwas zu bringen: Claudio Abbado studierte Komposition, Dirigieren und das Klavierspielen am Giuseppe Verdi-Konservatorium in Mailand. Anschließend ging Claudio Abbado Mitte der Fünfziger im Alter von circa zwanzig Jahren nach Wien, um unter dem österreichischen Dirigenten Hans Swarowsky das Dirigieren zu studieren.
Zuvor hatte Abbado die Entscheidung getroffen, sich auf das Dirigieren zu konzentrieren: Wie viele seiner Kollegen später immer wieder bekräftigten, war Abbado ein begnadeter Klavierspieler gewesen – doch diese Leidenschaft gab er auf, um sich ganz auf das Dirigieren zu konzentrieren, das sein gesamtes musikalisches Potenzial beanspruche. Abbado wollte nicht viele Dinge „einigermaßen können“, er wollte eines so richtig gut können: Das war das Dirigieren.
Nachdem Abbado 1958 den Koussevitzky-Preis des Boston Symphony Orchestra gewonnen hatte, feierte er sein Debüt am Teatro alla Scala in Mailand zwei Jahre später. 

Teatro alla Scala

Das Teatro alla Scala sollte eine besondere Rolle spielen im Leben von Claudio Abbado: In den Sechzigern stand Abbado für Opern-Weltpremieren und für Neuinszenierungen von bekannten Opern sehr häufig am Dirigentenpult. Nachdem Abbado bei zahlreichen Premieren als Dirigent das als sehr kritisch geltende italienische Opernpublikum von seiner einmaligen Kunst des Dirigierens mehr als überzeugt hatte, wurde ihm im Alter von nur 35 Jahren der Posten des Chefdirigenten des Teatro alla Scala angeboten. Von 1971 bis 1986 war Claudio Abbado Chefdirigent der Mailänder Scala und stand damit an der Spitze von einem der renommiertesten Orchester der Welt. Das Vermächtnis der Ära Abbado an der Mailänder Scala lässt sich nicht nur in musikalischen Eckpunkten festhalten: Abbado realisierte, dass die Welt der Klassischen Musik für eine breite Masse zugänglich sein musste und auch bleiben musste, damit sie den sich jeden Tag verändernden Strömen der medialen Welt standhalten würde. Viele junge Menschen – unter ihnen auch Studenten, die sich durchaus für Klassische Musik interessierten – und auch Arbeiter waren schon damals vollkommen abgekoppelt von der Klassischen Musik. Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass der Klassischen Musik bis heute häufig nachgesagt wird, vor allem ein „elitäres“ Publikum anzusprechen. Claudio Abbado wollte dieses Vorurteil aus dem Weg räumen: Er rief ein Musikprogramm speziell für „Studenten und Arbeiter“ ins Leben, das jenen Bevölkerungsgruppen ermöglichen sollte, einen Zugang zur Welt der Klassischen Musik zu erhalten. 

Nachwuchs: „Noch ganz frei für die Musik“

Es steht außer Frage, dass Herbert von Karajan in Claudio Abbado nicht nur einen sehr begabten Dirigenten sah, sondern eines Tages einen Nachfolger für seinen Posten des Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker. Und das, obwohl Abbado Zeit seines Lebens dem institutionellen Musikbetrieb eher misstrauisch gegenüberstand. Zwar hatte Abbado zahlreiche Chefdirigate bei den renommiertesten – institutionell organisierten – Orchestern der Welt inne, doch er scheute keinesfalls davor zurück, eigene Orchester – insbesondere für junge Musiktalente – ins Leben zu rufen: Abbado gründete unter anderem das European Youth Orchestra, das European Chamber Orchestra, das Gustav Mahler Jugendorchester und das Orchestra Filarmonica della Scala.  
Junge Musiker seien „noch ganz frei für die Musik“, betonte Abbado einmal in einem Interview: Obwohl er so viele Orchester gründete, blieb er stets bescheiden – die „Überschneidungen“ zwischen den einzelnen Orchestern seien sehr groß, betonte er einst. Nichtsdestotrotz gab er vielen jungen, begabten Musikern durch seine Initiativen eine Chance, ihr Talent auf der Bühne zu präsentieren und ihrer Leidenschaft für die Klassische Musik Ausdruck zu verleihen. 

Für Claudio Abbado war das Musizieren eine gemeinschaftliche Erfahrung.

Alleine kann man keine Musik machen

Als Claudio Abbado 1989 den Posten des Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker übernahm, stand fest: Es war der Beginn einer neuen Ära. Vor ihm hatte für stolze 35 Jahre der „Generalmusikdirektor Europas“ getaufte Herbert von Karajan diesen Posten innegehabt. Nur sein Tod konnte Karajan von diesem Thron stoßen.
Obwohl Abbados Amtszeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker mit circa 13 Jahren bedeutend kürzer war als jene von Karajans, fielen in seine Amtszeit zahlreiche bedeutende Veränderungen im Gefüge der Philharmoniker: Auch bei den Berliner Philharmonikern weckte Abbado das Bewusstsein, dass die Zukunft der Klassischen Musik in jungen Händen liegen würde. Mit seiner Initiative Berliner Begegnungen schuf er eine Möglichkeit für junge Musiker, mit bereits etablierten Orchestermitgliedern zu spielen und so ihren musikalischen Sinn zu schärfen. Diese Begegnungen boten für beide Generationen, jung und alt, enorme Chancen für die musikalische Weiterentwicklung.
Für Claudio Abbado war das Musizieren eine gemeinschaftliche Erfahrung: Alleine könne man keine Musik machen, stellte Abbado einmal fest. Den Orchestermitgliedern, die unter dem Dirigat des italienischen Dirigenten spielten, blieb Abbado als äußerst flexibler, sich seiner Verantwortung bewusster Dirigent in Erinnerung: Unter der Leitung von Abbado zu spielen, war kein einseitiges Erlebnis. Das Orchester und das Musikstück, das interpretiert wurde, profitierte von einer Gegenseitigkeit, die zwischen Orchester und Dirigent vorherrschte.  

Er ließ die Musik sprechen

Die wichtigste Figur in Claudio Abbados Kindheit war sein Großvater, der an der Universität von Palermo Altertumswissenschaft lehrte und „jedes Jahr eine neue Sprache zu lernen schien“, wie Abbado später in einem Interview erzählte. Eine weitere inspirierende Figur seiner Kindheit war seine Mutter, die Pianistin und Schriftstellerin war: Claudio Abbado stammte aus einer Familie, die Kunst in all ihren Variationen sehr schätzte. Dass Abbado selbst nicht nur für die Musik, sondern auch für die Literatur und die Malerei ein großes Faible hatte, überrascht deshalb nicht.
Zur besonderen Kunst des Dirigierens sagte Claudio Abbado einmal: 

„Ich werde oft gefragt, warum gibt es diese Gesten, was macht der Dirigent eigentlich? Und es ist schwer zu erklären. Ich versuche normalerweise die Gesten zu machen für die Musik. Das ist nichts Einstudiertes oder Vorbereitetes. Das kommt mit dem Klang, mit der Musik. Wenn man häufig ein Stück dirigiert hat, braucht man immer weniger zu dirigieren. Dann kann man sich mehr auf den großen Bogen, die große Linie konzentrieren.“

Es war selten, solche Worte von Abbado zu hören: Der einmalige Dirigent galt als ein Mann, der wenig Worte machte und die Musik sprechen ließ. 

Simon von Ludwig


Beitragsbild: Claudio Abbado erhält den AVRO-Publikumspreis Classical 81 (1982)
Bildnachweis: Fotograaf Croes, Rob C. / Anefo, Nationaal Archief, CC0

Maßgebliche Quellen: Die Dokumentation „Claudio Abbado – The Silence that follows the music“, 1996 (Directed by Paul Smaczny) und ein Interview von 2013 anlässlich des 80. Geburtstages von Claudio Abbado


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