Fortsetzung von Teil eins

Peter Roberts erklärt in seiner Biographie über Victoria de los Ángeles, welch großer Kontrast damals zwischen den Welten vorherrschte, aus der die Sängerin kam und in welche sie mit ihren ersten Operndebüts vordrang: Das Klassenbewusstsein war damals in den Dreißigern und Vierzigern enorm ausgeprägt – in dieser Welt war Victoria de los Ángeles die Tochter eines Hausmeisters, die einem Beruf als Sängerin nachging. Doch was ihren Beruf von den meisten Berufen der damaligen Zeit unterschied, war die Tatsache, dass sie durch ihre ersten Opernengagements mit Gesellschaftsschichten in Kontakt kam, denen sie für gewöhnlich in der damaligen Welt niemals begegnet wäre: Das typische Klischee des gut betuchten Opernpublikums wurde im Barcelona der damaligen Zeit voll und ganz erfüllt. Doch Victoria de los Ángeles war keineswegs unwillkommen in dieser Welt: Am 13. Januar 1945 stand die Sängerin zum ersten Mal in der Rolle der Gräfin Almaviva aus Le nozze di Figaro (Mozart) am Conservatorio del Liceo zum ersten Mal auf einer Opernbühne. Außerdem brillierte sie in La Bohème (Puccini), einer Oper, deren Arie Sì, mi chiamano Mimì sie bereits gesungen hatte, als sie einige Jahre zuvor den Gesangswettbewerb von Ràdio Barcelona gewonnen hatte. 

Einen Gesangswettbewerb in der Schweiz zu gewinnen war damals für einen Opernsänger die Eintrittskarte für eine internationale Karriere. 

Gesangswettbewerb in der Schweiz

Durch ihre ersten Opernengagements genoss Victoria de los Ángeles auf der iberischen Halbinsel schon bald große Bekanntheit: Der Ingenieur Lamaña war nach wie vor ihr Manager und Förderer, der sie in ihrer aufstrebenden Karriere als Opernsängerin begleitete. 
Als Lamaña 1947 von einem Gesangswettbewerb in der Schweiz, dem Concours Internationale d’Exécution Musicale du Conservatoire de Genève hörte, wusste er sofort: Sein Protegé Victoria musste an diesem Wettbewerb teilnehmen. Peter Roberts hebt in seiner de los Ángeles-Biographie hervor, dass musikalische Wettbewerbe in der Schweiz damals enormes Renommee genossen: Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs neutral blieb und die kulturelle Welt der Schweiz folglich international auch nach dem Zweiten Weltkrieg ungebrochenes Ansehen genoss. Einen Gesangswettbewerb in der Schweiz zu gewinnen war damals für einen Opernsänger die Eintrittskarte für eine internationale Karriere. 

Folglich sah Lamaña die Teilnahme am Gesangswettbewerb als ein Sprungbrett für die weitere Karriere seines Protegés an – selbst für den Fall, dass sie nicht siegreich daraus hervorgehen würde. Jedem Teilnehmer dieses Gesangswettbewerbs kam ein gewisses Maß an Berichterstattung zu, die nicht selten die Aufmerksamkeit großer Opernhäuser weckte.

Zum ersten Mal Konkurrenz 

Bisher war Victoria de los Ángeles in Barcelona ein „großer Fisch in einem kleinen Teich“ gewesen, wie ihr Biograph Peter Roberts später festhielt: Nun jedoch konkurrierte die junge Sängerin mit 100 talentierten Sängern und Sängerinnen aus aller Welt – damals reisten die hoffnungsvollsten jungen Opernsänger nach Genf, um an dem Wettbewerb teilzunehmen. De los Ángeles befand sich nun also zum ersten Mal in ihrer Karriere in einem Umfeld, in dem sie sich gegen andere Sänger ihres Kalibers behaupten musste. 
Ihre Reise in die Schweiz für den Gesangswettbewerb war eine komplett neue Erfahrung für die junge Opernsängerin: In der Schweiz kaufte sie sich einige Opernpartituren – Partituren, die sie als Glücksbringer für den Rest ihres Lebens aufbewahrte. 

Es war nicht unbedingt einfach für die junge Sängerin, sich in dem Feld, das teilweise aus bereits sehr erfahrenen Opernsängerinnen bestand, zu behaupten: Als es eines morgens während ihres Aufenthalts in Genf an der Tür klopfte und ein Hotelangestellter sie ans Telefon rief, war sie zunächst völlig perplex und fragte sich, um wen es sich denn zu dieser Uhrzeit handeln könnte. Dann erinnerte sie sich wieder daran, dass in der vergangenen Nacht der Gewinner des Gesangswettbewerb bekannt gegeben worden war – de los Ángeles hatte bisher noch gar nicht gehört, wer denn nun gewonnen hatte. Am Telefon war ihre Pianistin Sofia Puche, die sich ebenfalls in Genf aufhielt: Sichtlich irritiert, dass ihre Freundin de los Ángeles ihren großen Moment verschlafen hatte, verkündete sie ihr, dass sie an diesem Morgen als Gewinnern des Concours Internationale d’Exécution Musicale auf den Titelblättern sämtlicher Zeitungen zu sehen war… 

Internationales Spektrum

Nach diesem sensationellen Erfolg erhielt de los Ángeles einen Anruf vom extrem renommierten Teatro alla Scala in Mailand mit der Anfrage, ob sie auf ihrer Rückreise nach Barcelona nicht einen Zwischenstopp in Mailand einlegen wollte, um dort vorzusingen: Doch der damalige Generaldirektor der Scala, Luigi Oldani, erhielt eine Abfuhr von der jungen Sängerin – das erlebte Oldani nicht besonders oft. Die Absage der jungen Sängerin war persönlicher Natur: Sie wollte einfach so schnell wie möglich zu ihrer Familie und in ihre Heimat Barcelona zurückkehren. Wäre ihr Manager Lamaña bei diesem Telefonat dabei gewesen, hätte er mit Sicherheit niemals zugelassen, dass sein Protegé dieses Angebot ausschlägt – das Debüt an der Mailänder Scala ließ trotzdem nicht lange auf sich warten. 

Ihr Förderer Lamaña hatte richtig kalkuliert: Der Sieg beim Schweizer Gesangswettbewerb eröffnete für die junge Sängerin ein internationales Spektrum. In den nächsten Jahren unternahm Victoria de los Ángeles unter anderem Tourneen durch Südamerika und Spanien. 
Ihr lang erwartetes Debüt am Mailänder Teatro alla Scala gab sie am 17. November 1950: Ein solches Scala-Debüt nimmt in der Karriere eines jeden Opernsängers einen besonderen Stellenwert ein. Oftmals ist dieses Debüt sogar bedeutender als das an der New Yorker Metropolitan Opera – de los Ángeles gab ihr Scala-Operndebüt in der Oper Ariadne auf Naxos (Strauss). 

Besonders als Madama Butterfly bleibt Victoria de los Ángeles unvergessen. 

Madama Butterfly

Victoria de los Ángeles stand am 17. März 1951 zum ersten mal auf der Bühne der New Yorker Metropolitan Opera in der Oper Faust (Gounod): Diese Oper hatte and er Met eine reiche Tradition, da die Metropolitan Opera 1883 mit dieser Oper eröffnet worden war. Einen ihrer größtem Triumphe feierte Victoria de los Ángeles in der Rolle der Madama Butterfly aus Puccinis gleichnamiger Oper: Später bezeichnete die Opernsängerin die Rolle der Madama Butterfly außerdem als die Rolle, mit der sie sich am meisten identifizieren könne. Victoria de los Ángeles wurde gewissermaßen zu Madama Butterfly – das fiel auch den New Yorker Kritikern auf, die sogar nach der Vorstellung wild applaudierten, was nicht unbedingt häufig unter Kritikern vorkommt. 

Damals sang Victoria de los Ángeles sehr häufig gemeinsam mit dem Tenor Giuseppe di Stefano: De los Ángeles sagte später, di Stefano sei der erste Opernsänger ihrer Generation gewesen, der nach New York ging. Dort habe er so oft über die außergewöhnliche, engelsgleiche Stimme von Victoria de los Ángeles gesprochen, dass man sie schließlich ebenfalls an die Metropolitan Opera holte. 

Ihre ganz eigenen Interpretationen

„Ich wollte niemals eine Opernaufnahme in meinem Leben machen. Das war immer wie eine Tortur für mich. (…) Ich höre mir niemals meine eigenen Aufnahmen an.“, sagte Victoria de los Ángeles später rückblickend auf ihre Karriere: Die Nachwelt kann sich glücklich schätzen, dass dennoch zahlreiche Opernaufnahmen mit Victoria de los Ángeles entstanden sind. Die Opernsängerin gilt aus Sicht der Plattenindustrie als eine der erfolgreichsten Opernsängerinnen der Nachkriegswelt. Ihr Repertoire erstreckte sich über unzählige Opern und Lieder aus dem italienischen, deutschen, französischen, spanischen und englischen Repertoire: Besonders als Madama Butterfly bleibt Victoria de los Ángeles unvergessen. 

De los Ángeles sagte einst, man müsse eine Opernrolle ganz genau so singen, wie man selber sie sich vorstelle: Deshalb hörte sich de los Ángeles nie andere Interpretationen der Rollen an, die sie spielte. Sie wollte keineswegs riskieren, eine andere Sängerin zu kopieren – und schuf so ihre ganz eigenen Interpretationen, die bis heute Maßstäbe setzen.

Simon von Ludwig


Maßgebliche Quelle: Roberts, Peter: Victoria de los Ángeles, 1982 Weidenfeld and Nicolson

Beitragsbild: Victoria de los Ángeles 1963 am Flughafen Amsterdam Schiphol
Bildnachweis: Fotograaf Pot, Harry / Anefo, Nationaal Archief, CC0


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