Dmitri Hvorostovsky (1962–2017) lebte, um zu singen. Der russische Opernbariton wusste schon immer, was er wollte und hatte immer den festen Willen, es auch zu erreichen. In seinen jungen Jahren hörte er die großen italienischen und russischen Sänger, wobei es zur damaligen Zeit in der Sowjetunion abenteuerlich war, an Schallplatten aus dem Westen zu kommen. Aber auch das gelang und Dima hörte die großen Opern-Stimmen und wusste, dass er einst so singen würde, wie der italienische Bariton Mattia Battistini oder der russische Bass Fjodor Iwanowitsch Schaljapin.
Hvorostovsky studierte in Krasnojarsk Gesang und wurde gefördert von der in Russland sehr bekannten Mezzo-Sopranistin Irina Arkhipova.
Der internationale Durchbruch kam, nachdem der damals 26-jährige den in der Klassik-Welt sehr renommierten Wettbewerb BBC Cardiff Singer of the World gewann. Dieser Wettbewerb ging in die Annalen als Battle of the Baritones ein: Sein heute ebenfalls sehr berühmter Kontrahent war der walisische Bariton Bryn Terfel.

Die russische Seele

Hvorostovsky, den Freunde und Fans liebevoll Dima nannten, war seiner russischen Heimat immer sehr verbunden. Eine Sache, die ihm sehr am Herzen lag, waren die russischen Komponisten und Schriftsteller: Er suchte immer nach Wegen, dem westlichen Publikum die russische Seele näherzubringen. Eine seiner Paraderollen war Eugen Onegin, der tragische Titelheld der gleichnamigen Oper von Pjotr Iljitsch Tschaikowski. Die Oper basiert auf dem Versroman von Alexander Sergejewitsch Puschkin, der als russischer Nationaldichter gilt. In einem Interview wurde Dima gefragt, welche berühmte, bereits verstorbene Person er gerne treffen würde und seine Antwort war: „Puschkin“. Dima sprach voller Begeisterung über den russischen Schriftsteller und seine subtile, vielschichtige Sprache. Bei diesen Worten fühlt man sich inspiriert, russisch zu lernen, um nicht nur in den vollen Genuss der Oper, sondern auch des Romans im Original zu kommen.

Der Große Vaterländische Krieg

Ein weiteres großes Thema im Werk Dimas ist der Zweite Weltkrieg, oder der Große Vaterländische Krieg, wie der Kampf gegen Hitlerdeutschland in Russland genannt wird. Dima wurde hauptsächlich von seiner Großmutter erzogen, da beide Eltern berufstätig waren. Seine Großmutter liebte Dima sehr. Sie hatte die Grausamkeit des Krieges am eigenen Leib erfahren und sie erzählte Dima davon. Sie war es auch, die ihm die Lieder aus jener Zeit vorsang und so kam es, dass Dima als weltberühmter Opernstar mehrere Alben mit russischen Liedern aus dieser Zeit aufnahm. Beschäftigt man sich mit Übersetzungen dieser Lieder, so stellt man fest, dass die russische Art, mit diesem schwierigen Thema umzugehen, eine ganz besondere ist. Hier wird in poetischer Weise das Kriegsleid aufgearbeitet: Es gibt Bilder von Müttern, die nachts wach liegen und darauf warten, dass es an der Tür klopft und der gefallene Sohn doch noch aus dem Krieg zurückkehrt – die Mitteilung über den Tod an der Front muss doch ein Irrtum gewesen sein. Im Naturbildern wird das Leid der Menschen im Krieg lebendig und die Interpretation von Dima stellt sich ganz in den Dienst der Lieder – man benötigt gar keine Übersetzung der russischen Texte. Es genügt, sich den Konzertmitschnitt von „Zhuravli“, zu deutsch „Kraniche“, anzuschauen: Dima übermittelt die Botschaft – auch, wenn der Zuschauer der russischen Sprache nicht mächtig ist. 

Freelancer und Wohltätigkeit

Dima blieb zeitlebens ein “Freelancer”, er schloss keinen festen Vertrag mit einem Opernhaus, sondern er blieb frei in seinen Entscheidungen und trat so an vielen berühmten internationalen Opernhäusern auf. Er gab Liederabende, ging auf Tournee und er machte auch Ausflüge in den Pop, so sang er zum Beispiel ein Duett mit der belgisch-kanadischen Sängerin Lara Fabian.

Er bedauerte es sehr, dass im modernen Bildungssystem immer weniger Wert auf die musischen Fächer gelegt wird und machte sich Gedanken darüber, welche Auswirkungen das auf unser aller Zukunft haben wird. Er engagierte sich überdies für wohltätige Hilfsprojekte, so rief er 2014 die Konzertreihe Dmitry Hvorostovsky and Friends for Children ins Leben, um Kindern in Not zu helfen. 

Krankheit und letzte Monate

Im Juni 2015 gab er bekannt, dass er an einem Gehirntumor leidet. Er musste sich in der Folge kräftezehrenden Behandlungen unterziehen, trat aber dennoch weiterhin auf. Die Opernauftritte musste er immer häufiger absagen, bis er schließlich bekannt gab, nur noch bei Konzertabenden aufzutreten. Die Krankheit beeinträchtigte seinen Gleichgewichtssinn, seine Stimme veränderte sich schließlich auch, aber das hielt ihn nicht davon ab, weiterhin begeisternde Auftritte für sein Publikum zu absolvieren.

Schaut man Konzertmitschnitte der letzten Jahre von Dima an, so könnte man meinen, sein Lächeln wurde immer tiefer und herzlicher, je gravierender seine Krankheit wurde. Das wird auch in einem Interview kurz nach seinem Tod im November 2017 durch zwei seiner engen Weggefährten bestätigt. Dort sagt Constantine Orbelian, ein Dirigent mit dem Dima häufig zusammenarbeitete und mit dem ihn eine enge Freundschaft verband, dass Dima seine kreative Arbeit überaus wichtig war und dass ihn nichts davon abhalten konnte, ein letztes Mal für sein Publikum im heimischen Krasnojarsk aufzutreten. Selbst eine schwere Lungenentzündung mit Komplikationen und ein Sturz, dessen Folgen ihm zusätzliche Schmerzen verursachten, hielten ihn nicht von diesem Konzert ab, von dem er genau wusste, dass es sein Abschied für immer sein würde. Bei seiner Dankesrede konnte er die Tränen nicht zurückhalten. Hieran erkennt man die Stärke seiner Seele: Er ließ die Tränen zu. 

Simon von Ludwig

Beitragsbild: Dmitri Hvorostovsky 2013, © Alexander Veprev, entnommen aus Wikimedia Commons


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2 Replies to “Dmitri Hvorostovsky: Eine russische Seele”

  1. Der Ruhm eines Künstlers vergeht sehr schnell. Nur ein Genie bleibt
    unvergessen. Dmitri Hvorostovsky war ein Genie.
    Am 16. Oktober wäre sein 59. Geburtstag.

    15. Oktober 2021

    1. Sie sprechen für viele Opernliebhaber. Die Tiefe seiner Interpretationen ist unvergleichlich. Durch Video- und Tonaufnahmen bleibt sein Genie der Nachwelt erhalten. Vielen Dank für Ihren Kommentar!

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