Wie fühlt es sich an, abends in seinem Haus zu sitzen und auf den Regen zu warten, der die eigenen Kaffeepflanzen wässert? Karen Blixen wusste es.

„Ich habe das Gefühl, daß ich in Zukunft, wo immer in der Welt ich bin, daran denken werde, ob es wohl in Ngong regnet.“

Als Karen Blixen das schrieb, meinte sie es ernst: Sie wagte, was zuvor noch keiner in den Ngong-Bergen in Kenia wagte. 

So jung kommen wir nicht wieder zusammen

Im Januar 1914 kam Karen Blixen in Kenia an: Nach einer langen Reise sollte sie ihren Verlobten, Bror Frederik Baron von Blixen-Finecke, heiraten. Beide wollten sich gemeinsam in Britisch-Ostafrika niederlassen.
Auf ihrer Reise traf sie den deutschen General Paul von Lettow-Vorbeck: Direkt freundete sie sich mit ihm an. Beide verabredeten sich zu einer gemeinsamen Safari im August 1914. Ihre Worte gegenüber Lettow:
„So jung kommen wir nicht wieder zusammen.“
Blixen behielt recht: Der Erste Weltkrieg verhinderte, dass beide auf eine gemeinsame Safari gingen. Erst 1940, als Blixen auf eine Journalistenreise nach Deutschland ging, trafen sich beide wieder. 

Kaffeeplantagen auf 2.000 Metern Höhe

Es war eine gewagte Unternehmung, die das Blixen-Paar in Angriff nahm: Auf den Höhen der Ngong-Berge sollten Kaffeeplantagen angelegt werden. Folgt man der Verfilmung von Tania Blixens Afrika-Memoiren Jenseits von Afrika war ursprünglich abgesprochen, eine Rinderfarm zu eröffnen: Bror von Blixen änderte aber kurzerhand die Pläne. Seine Frau erfuhr erst davon, als sie bereits in Afrika angekommen war.

Ngong: Der höchste Gipfel liegt 2.460 Meter über dem Meeresspiegel. Karen Blixens Farm lag bei ungefähr 2.000 Metern über dem Meeresspiegel in den Ngong-Bergen. Obwohl bei Kaffee gilt, je höher die Plantage, desto besser die Qualität, war es eine gewagte Unternehmung: Blixens Farm war auf Regen angewiesen, und der kam in Ngong nicht immer. Außerdem dauerte es Jahre, bis sie den ersten Kaffee ernten konnten. 

Ich hatte eine Farm in Afrika…

Blixens weltberühmte Memoiren aus ihrer Zeit in Afrika beginnen mit den legendären Worten:

„Ich hatte eine Farm in Afrika, am Fuße der Ngong-Berge…“

Das, was Karen Blixen mit diesem Satz meint, geht über den reinen Besitz einer Kaffeefarm weit hinaus. Ihre Memoiren sind keine bloße Schilderung ihrer Lebensumstände, sie sind eine wahr gewordene Phantasie. Die Dänin blendet einen Großteil der Schwierigkeiten, die sie in Kenia mit ihrer Farm hatte, aus und legt den Fokus auf die wirklich prägenden Erfahrungen.
Da wäre ihr Wissen darüber, was afrikanische Kultur tatsächlich bedeutet: Wer Jenseits von Afrika liest, lernt die Kultur der kenianischen Ureinwohner, allen voran die der Kikuyu, besser kennen. 

© Jerzy Strzelecki, entnommen aus Wikimedia Commons – Karen Blixen Museum in Kenia
Das Farmhaus von Karen Blixen in Kenia, © Rod Waddington (CC BY-SA 2.0), entnommen aus Wikimedia Commons

Zwei Männer, die nicht in ihr Jahrhundert gehörten

Dann gab es da noch Berkeley Cole und Denys Finch-Hatton, zwei Kavaliere, die Karen das Leben auf ihrer Kaffeefarm versüßten.
Zu den beiden Engländern schrieb Karen Blixen in ihren Memoiren:
„Kein anderes Volk außer England konnte sie hervorgebracht haben, aber sie waren verachtet, ihr England war ein England von einst, eine Welt, die es nicht mehr gab. In der Gegenwart hatten sie keine Heimat, sie wanderten von einem Ort zum andern und kamen so im Laufe der Zeit auch auf die Farm.“
Cole und Finch-Hatton waren Blixens Verbindung zu der Welt, aus der sie kam. Die beiden Männer, die, wie von Blixen formuliert, „nicht in ihr Jahrhundert gehörten“, versorgten Karens Haus mit allerlei Produkten aus der europäischen Kultur und brachten ihr die neu erfundene Schallplatte ins Haus.
Nicht selten kam es vor, dass Berkeley Cole, wenn er auf der Farm war, sich morgens um elf Uhr eine Flasche Champagner in den Wald bringen ließ. Doch Champagner alleine genügte dem Kavalier nicht:

„Einmal, als er sich von mir verabschiedete und mir dankte für die schönen Tage auf der Farm fügte er hinzu, nur ein Schatten falle auf das Bild: die Gläser, aus denen wir unter den hohen Baumkronen unseren Wein getrunken hätten, seien gewöhnliche grobe Gläser. ‚Ich weiß, Berkeley‘, sagte ich, ‚aber ich habe so wenig gute Gläser übrig, und die Boys werden sie mir zerschlagen, wenn sie sie so weit tragen müssen.‘“

Kulturelle Kontraste

Auch davon lebt Karen Blixens Jenseits von Afrika: Dem Kontrast zwischen zwei Kulturen. Die champagnerverliebte europäische Kultur auf der einen Seite und auf der anderen Seite der praktische Lebenssinn der Ureinwohner: Sie wissen nicht, was sie mit Champagner anfangen sollen, geschweige denn haben sie Verständnis dafür, dass man ihn aus einem speziellen Glas trinken soll. Es waren genau diese Dinge, die Blixens Liebe zu Afrika ausmachten: Zwar lebte sie nach wie vor einen europäischen Lebensstil, konnte aber wenig mit der örtlichen englischen Gesellschaft – bis auf Cole und Finch-Hatton – anfangen. So schrieb sie wenige Monate nach ihrer Ankunft in Kenia an ihren Bruder:

„Wie ich schon des öfteren geschrieben habe, verliert man hier draußen einen Teil seines Rassenhochmutes, in meinen Augen stehen die Eingeborenen in vieler Hinsicht höher als wir. Sie können wohl nicht so vielerlei lernen wie wir, aber in den Dingen, die das Leben hier erfordert, sind sie, finde ich, schneller und geschickter als wir im Lernen – es gibt viele Engländer, die schon zehn bis fünfzehn Jahre hier leben und keine Ahnung haben vom Aussehen, geschweige denn den Eigenheiten der einzelnen Stämme, obwohl es doch in höchstem Maße in ihrem eigenen Interesse läge, sich auszukennen, während die Natives sich sofort über jeden einzelnen unserer Charaktere im klaren sind.“ 

Es ist weniger eine Abrechnung, sondern vielmehr eine Feststellung, was die Beziehung der Kolonialmacht zu den Ureinwohnern betrifft.
Karen Blixen musste auf der Hut sein: Ständig wurde ihr angehängt, „deutschfreundlich“ zu agieren – während des Ersten Weltkriegs konnte ein solches Vorurteil für jede Menge gesellschaftliche Probleme in der britischen Kolonie sorgen. Sie berief sich auf die Neutralität ihrer Heimatnation Dänemark und blieb weiterhin von den britischen Kolonialbehörden toleriert… 

Simon von Ludwig

Beitragsbild: Karen Blixen 1957 in Kopenhagen, Public Domain, entnommen aus Wikimedia Commons

Als maßgebliche Quellen dienten Karen Blixens Werk Jenseits von Afrika (deutsche und englische Version), der Film Jenseits von Afrika mit Meryl Streep in der Hauptrolle und Karen Blixens Briefe aus Afrika.


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