Er ist ein Einzelgänger unter den Rotweinen: Der Supertoskaner. Ursprünglich war der Supertoskaner ein Wein, der sich von allen anderen Weinen aus der Toskana unterschied: Supertoskaner entstanden im Protest gegen die Weinregulationen Italiens, die strenge Vorschriften hinsichtlich der Komposition eines Weins machen.
Ursprünglich wurden Supertoskaner als Vino da tavola (dt. Tafelwein) bezeichnet, da sie keiner geschützten Herkunftsbezeichnung zugeordnet werden durften: Eine Bezeichnung, die dem komplexen Geschmack eines Supertoskaners nicht gerecht wird. 

Der Begriff

Der britische Weinkritiker Nicolas Belfrage erfand in den 1980ern den Terminus Supertoskaner: Um diese Zeit waren gerade zahlreiche neue Weine aus der Toskana auf den Markt gekommen, die Belfrage als Super Tuscans bezeichnete.
In den 1980ern hatten italienische Weine bei weitem nicht den Ruf, den sie heute haben: Der Chianti Classico war eines der wenigen Zugpferde, das die italienische Weinindustrie damals zu bieten hatte. Für die wenigsten Weinkenner war Italien zu dieser Zeit ein Land der guten Rotweine – das änderte sich mit dem Supertoskaner.
Französische Rotweine aus dem Bordeaux und dem Burgund waren in aller Munde. 

Strenge Weinregulationen

Die Weinregulationen in Italien waren damals noch sehr streng: Um einen Chianti Classico als solchen verkaufen zu dürfen, mussten immer auch Anteile von Weißweintrauben wie Trebbiano oder Malvasia Bianca für den Wein vinifiziert werden.
In der Toskana gab es eine wachsende Anzahl von Winzern, die das Potential von reinen Rotweinen aus der Toskana zeigen wollten: Das vereinbarte sich nicht mit den Regulationen, die einen Wein nur aus roten Rebsorten nicht vorsahen.
1968 wagte der Önologe Enzo Morganti den entscheidenden Schritt: Ab dem Jahrgang 1968 produzierte er einen Rotwein, der nur aus Sangiovese-Trauben bestand und nannte ihn Vigorello.

Edler Tafelwein

Zunächst nahm die Weinwelt kaum Notiz von Morgantis Vigorello. Doch das änderte sich drei Jahre später, 1971: Eines der traditionsreichsten Weingüter Italiens, Marchesi Antinori, präsentierte 1971 einen Wein namens Tiganello, der nur aus Sangiovese-Trauben bestand und auf weiße Trauben komplett verzichtete. 1974 fügte man Cabernet Sauvignon zu dieser Komposition hinzu.
Wegen der Nichtbeachtung der Weinregulationen in Italien durfte der Wein nur unter dem Label Vino da tavola (dt. Tafelwein) verkauft werden.
Der erste Jahrgang des Tiganellos mit über 130.000 Flaschen verkaufte sich rasant – obwohl der Preis für einen Tiganello fünf mal so hoch war wie für einen Chianti Classico Riserva.

Tiganello und Sassicaia

Nach dem Erfolg des Tiganellos übernahm Antinori auch den Verkauf des Sassicaia, einer Weinkomposition aus Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc, ohne Sangiovese. Beide Kompositionen, Tiganello und Sassicaia, gehören heute zu den Grundpfeilern des Supertoskaners.

In den frühen 1980ern wurden die Supertoskaner immer bekannter: Bis zum Ende der 1980er produzierte jedes Weingut in der Toskana mindestens einen Supertoskaner. Folgt man dem Urteil von Weinkritikern, waren das die ersten Rotweine aus Italien, die es mit anderen hochkarätigen Rotweinen aus aller Welt aufnehmen konnten. In den 1980ern gab es zahlreiche Variationen der Supertoskaner, von denen viele heute wieder verschwunden sind. 

Gütesiegel für den Supertoskaner

Bis 1995 wurden alle Supertoskaner als Vino da tavola verkauft: 1995 wurden die italienischen Weinregulationen so angepasst, dass Supertoskener fortan das Gütesiegel Indicazione Geografica Tipica (IGT) tragen durften. Daher sind Supertoskaner heute meist als Toscana IGT gekennzeichnet.
Die Qualitätsstufe IGT befindet sich in der Hierarchie über der Kategorie der Tafelweine und unter der strenger regulierten Kategorie der DOC-Weine (Weine mit dem Siegel Denominazione di origine controllata). 

Revolution des italienischen Rotweins

1996 wurde es möglich, Chianti Classico auch ohne Zugabe von Weißweintrauben zu produzieren:  Somit war es nach fast dreißig Jahren möglich, Supertoskaner als Chianti Classico zu vermarkten. Doch der Schachzug kam zu spät: Der Supertoskaner war zu einem Erfolgsgarant geworden, der vielen italienischen Weingütern aus der Krise half und die Sparte der italienischen Rotweine revolutionierte. Die italienischen Winzer machten weiter wie bisher und verkaufen ihre Supertoskaner bis heute mit dem Siegel IGT Toscana

Simon von Ludwig

Genuss bei Der Bussard

Beitragsbild: Ein Glas Rotwein, © Simon von Ludwig

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.