„Wer mit Humor zu sterben verstünde, hätte die höchste Stufe der Kultur erreicht“, ließ Curt Goetz einst seine Figur des Dr. med. Hiob Prätorius im gleichnamigen Bühnenstück sagen. Das Bühnenstück Frauenarzt Dr. med. Hiob Prätorius zählt zweifelsohne zu Goetz’ brillantesten Werken: Das Werk kam beim Publikum so gut an, dass es gleich ganze drei Male verfilmt wurde – bei der ersten Verfilmung übernahm Goetz selbst die Hauptrolle, in einer weiteren Verfilmung spielte Heinz Rühmann die Rolle des Dr. med. Hiob Prätorius.
Curt Goetz galt als ein Spezialist des „feinen“ Humors, der den Zuschauer nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Nachdenken brachte. Der in Mainz geborene Theaterautor und Schauspieler entwickelte mit seinen Werken seinen eigenen Curt Goetz-Humor, den es in dieser Form kein zweites Mal gegeben hat. Wenn Goetz in seiner Rolle des Dr. med. Hiob Prätorius in einer Vorlesung vor seinen Medizin-Studenten auf humorvolle und zugleich nachdenkliche Art und Weise über die „Mikrobe der menschlichen Dummheit“ referiert, wird eines deutlich: Curt Goetz’ Humor ist zeitlos. 

Ein (un)begabter Schüler

1907 gab Kurt Götz – wie er sich damals noch nannte – sein Bühnendebüt am Stadttheater Rostock: Curt Goetz begann seine Laufbahn als Schauspieler und Theaterautor dort, wo viele der größten deutschsprachigen Schauspieler des 20. Jahrhunderts ihre Bühnenkarriere begannen: Auf der Provinzbühne. Die Schauspielerin Magda Schneider empfahl einst ihrer berühmten Tochter Romy Schneider, auf eine Provinzbühne zu gehen, um ihren Beruf „richtig“ zu lernen – Magda Schneider gehörte wie Curt Goetz zu einer Generation an Schauspielern, die ihren Beruf „von der Pike auf“ in der tiefsten Provinz erlernten.
Man könnte meinen, Curt Goetz sei in seiner Schulzeit ein besonders begabter Deutsch-Schüler gewesen – doch diese Vermutung ist weit gefehlt. Nicht selten wurden seine Arbeiten und Aufsätze mit „ungenügend“ bewertet, doch davon ließ sich der junge Goetz nicht stören: Bereits aus seinen frühen Texten lässt sich ein Talent zur Schriftstellerei herauslesen, das manches schulische Bewertungssystem offenkundig sprengte. 

Es dauerte nicht lange, bis Curt Goetz neben seinem Beruf als Schauspieler auch ein gefragter Theaterautor wurde.

Schauspieler und Autor zugleich

Dank der Vermittlung seines Stiefvaters erhielt Curt Goetz die Möglichkeit, beim renommierten Schauspielpädagogen Emanuel Reicher Schauspielunterricht zu nehmen: Seine Mutter, die eine Privatklinik führte – daher auch Goetz’ lebenslange Faszination für die Medizin – hätte ihren Sohn zwar lieber als Arzt gesehen, doch die Welt des Theaters übte eine größere Faszination auf Curt Goetz aus. Das hielt ihn nicht davon ab, medizinische Themen in vielen seiner Bühnenwerke einzubauen – so auch in Dr. med. Hiob Prätorius.
1911 fand Curt Goetz nach einigen Jahren auf Provinzbühnen den Weg nach Berlin: Dort trat er zunächst am Kleinen Theater unter den Linden und am Lessingtheater auf. Goetz’ Tätigkeit als Theaterschauspieler war vor allem geprägt vom klassischen Shakespeare-Repertoire und von Werken aus der Feder von George Bernard Shaw und August Strindberg. Außerdem wirkte Curt Goetz zwischen 1912 und 1923 in zahlreichen Stummfilmen mit.
Doch Curt Goetz wollte sich nicht damit zufrieden geben, das Repertoire eines anderen Theaterautors zum Besten zu geben und wollte selbst die kreative Hoheit über ein Theaterstück haben. Deshalb dauerte es nicht lange, bis Curt Goetz neben seinem Beruf als Schauspieler auch ein gefragter Theaterautor wurde – sein erstes Bühnenstück Der Lampenschirm verfasste er bereits 1911, seine Uraufführung feierte es 1925. Curt Goetz’ Existenz in Berlin stand jedoch zunächst auf wackligen Füßen: Zwar unterstützte ihn seine Mutter, doch ihre Privatklinik war inmitten einer Wirtschaftskrise kein Garant mehr für finanziellen Ertrag. Goetz würde schon bald aus seiner Kunst einen Broterwerb machen müssen… 

Die gehobene Boulevard-Komödie

1923 traf Curt Goetz in Wien die Schauspielerin Valérie von Martens, die er kurz darauf heiratete: von Martens war nicht nur Goetz’ Ehefrau, sondern auch seine Partnerin auf Bühne und Leinwand. Das Ziel des jungen Bühnenautors war es, sich als ein gefragter Autor für gehobene Boulevard-Stücke zu etablieren: Seiner Ansicht nach sollte das Boulevardtheater zwar dem klassischen Theater, das Stücke wie jene von Shakespeare umfasste, keinesfalls den Rang ablaufen. Doch Goetz machte die Erfahrung, dass Boulevard-Theaterstücke das Publikum auf humorvolle Art und Weise zum Nachdenken bringen konnten, ohne an intellektueller Bandbreite einzubüßen. In den Zwanzigern und Dreißigern verfasste Curt Goetz zahlreiche Bühnenstücke, deren Verfilmungen nach dem Zweiten Weltkrieg große Resonanz fanden: Zu den bekanntesten Werken aus dieser Zeit zählen das Bühnenstück Hokuspokus (1927) oder etwa Curt Goetz’ erste Tonfilmarbeit, Napoleon ist an allem schuld (1938). In Napoleon ist an allem schuld spielte Curt Goetz an der Seite seiner Frau Valérie von Martens die Hauptrolle, führte Regie und verfasste das Drehbuch. Man könnte fast sagen, dass eine Curt Goetz-Produktion eine One-Man-Show war: Besonders in Napoleon ist an allem schuld wird Goetz’ enormes Talent für den Dialogwitz deutlich. Wie kein anderer konnte Goetz humorvolle und pointierte Dialoge zugleich verfassen – eine Curt Goetz-Komödie war und ist etwas ganz Besonderes. 

Curt Goetz und der letzte Greta Garbo-Film

„Es war ein Jugendtraum meines Mannes, eine Bühne zu führen.“, bekannte einst Curt Goetz’ Ehefrau Valérie von Martens in den Memoiren, die sie nach dem Tod ihres Mannes veröffentlichte.
Doch dieser Traum, eine Bühne zu führen, rückte mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges zunächst in weite Ferne: Gemeinsam mit seiner Frau von Martens wanderte Curt Goetz in die Vereinigten Staaten aus. Dort arbeitete Goetz in Hollywood unter anderem als Drehbuchautor für MGM – doch so richtig warm wurde Goetz mit Hollywood nicht.
Ende der Dreißiger wurde Curt Goetz dazu eingeladen, das Drehbuch zum letzten Greta Garbo-Film zu verfassen: Nach zahlreichen Story-Konferenzen mit Produzenten wurde fast das gesamte Konzept von Goetz’ ursprünglicher Story allerdings verworfen und die Produzenten behielten nur einzelne Ideen von Goetz bei. Am Ende erhielt Curt Goetz, obwohl er an der Story zum Film mitwirkte, keinerlei Würdigung für seine Arbeit am letzten Garbo-Film Die Frau mit den zwei Gesichtern [Two-Faced Woman, 1941]. Der Film war vor allem deshalb Garbos letzte Arbeit, weil er ein finanzieller Misserfolg war und die Kritiker ihn verrissen: Man mag sich fragen, ob Curt Goetz’ Version der Geschichte ebenfalls verrissen worden wäre…
Mit Hollywood-Produzenten wollte Curt Goetz später nichts mehr zu tun haben – er entschloss sich, trotz persönlicher Einladung durch Louis B. Mayer, keinen Vertrag mit MGM zu schließen und eröffnete stattdessen eine Hühnerfarm: Er „schaue lieber 2000 Hühnern unter den Pürzel als einem Produzenten ins Gesicht“, so seine Frau Valérie von Martens in den Memoiren über ihren Mann. Die Hühnerfarm in Van Nuys betrieb Curt Goetz gemeinsam mit seiner Frau bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, nach Ende des Krieges kehrten beide in die Schweiz zurück. Seine Erfahrungen in Hollywood lieferten Goetz Material, das er in seiner „Satire auf einen Bestseller“, dem Roman Die Tote von Beverly Hills (1951) eine Parodie auf die mondäne Welt von Hollywood –verarbeitete.

„Mensch Curt, du weißt ja gar nicht, wie gut du’s hast, daß du dein eigener Regisseur bist!“

Hans Albers

Curt Goetz: Sein eigener Regisseur

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging Curt Goetz regelmäßig auf groß angelegte Theatertourneen, die den Schauspieler und Autor bis in die letzte Ecke des deutschsprachigen Raumes bekannt machten: Wo gab es sonst einen Theaterautor, der in seinen eigenen Werken die Hauptrolle spielte? Eines der Geheimnisse von Curt Goetz war, dass er sich seine Rollen selbst auf den Leib schrieb – ein Privileg, das kaum ein Theaterautor oder Schauspieler genoss. Üblicherweise ist es bis heute so, dass sich ein Theater- oder Drehbuchautor auf den Schauspieler verlassen muss, der für eine Interpretation der Rolle im Sinne des Autors verantwortlich ist. Umgekehrt ist der Schauspieler darauf angewiesen, dass die angebotene Rolle in sein Rollenfach und zu seinem sonstigen Repertoire passt. Das wird beim Theater und beim Film nicht selten zum Problem – Curt Goetz umging dieses Problem, in dem er zumeist Schauspieler und Autor zugleich war.
„Mensch Curt, du weißt ja gar nicht, wie gut du’s hast, daß du dein eigener Regisseur bist!“, soll Hans Albers einst zu Goetz gesagt haben – wie recht Albers mit dieser Anmerkung doch hatte.

Der wandernde Schauspieler und Regisseur

Anfang der Fünfziger wurden mehrere Verfilmungen von Curt Goetz-Stücken mit ihm in der Hauptrolle realisiert: Die Verfilmungen Frauenarzt Dr. med. Hiob Prätorius (1950), Das Haus in Montevideo (1951) und Hokuspokus (1953) sind Sternstunden des deutschen Films nach dem Zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig waren sie der Höhe- und Abschlusspunkt von Curt Goetz’ Karriere als Theater- und Filmschaffender: Ab Ende der 1950er Jahre zog sich Curt Goetz aus gesundheitlichen Gründen aus dem aktiven Berufsleben zurück. Goetz starb am 12. September 1960 wenige Monate vor seinem 72. Geburtstag.
Curt Goetz’ Theatertourneen erregten nicht zuletzt deshalb große Aufmerksamkeit, weil es wandernde Theaterensembles Mitte des 20. Jahrhunderts kaum mehr gab: Inzwischen waren Schauspieler kein wanderndes Volk mehr, nur noch für einen Zirkus ist es bis heute üblich, von Stadt zu Stadt zu reisen. Doch Curt Goetz band sich nicht fest an ein Theater, sondern reiste stattdessen mit seinem Ensemble von Stadt zu Stadt.
Der Schauspieler und Theaterautor Curt Goetz gilt bis heute als ein Meister der gehobenen Boulevard-Komödie: Mit seinen Werken in der Theater- und Filmwelt verewigte sich der „Peterhans von Binningen“, wie er sich selbst in seinen Memoiren nannte, und fasziniert bis heute Film- und Theaterbegeisterte.

Simon von Ludwig


Beitragsbild: © Simon von Ludwig

Maßgebliche Quelle: Goetz, Curt & von Martens, Valérie: Memoiren (Die Memoiren des Peterhans von Binningen, Die Verwandlung des Peterhans von Binningen & Wir wandern, wir wandern…), 1989 Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart


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