Der Sommer 1954 ist ein einmaliges Ereignis im Leben der Schauspielerin und späteren Fürstin von Monaco Grace Kelly: Von Ende Mai bis September fanden die Dreharbeiten für den neuen Hitchcock-Film Über den Dächern von Nizza statt, in dem Grace Kelly neben Cary Grant die Hauptrolle spielen sollte. Der erste Teil der Dreharbeiten fand an der Riviera statt. 

John Robie und Frances Stevens

Über den Dächern von Nizza lebt von der Atmosphäre an der Riviera: Alles dreht sich um den Juwelendieb John Robie (Cary Grant), der seinen Beruf vor vielen Jahren aufgegeben hat. Der Spitzname von Robie ist die Katze, weil er als Dieb alle Eigenschaften eines felinen Vierbeiners an den Tag legte. Wegen zahlreicher Juwelendiebstähle in jüngster Vergangenheit verdichten sich die Gerüchte, die Katze sei nach langer Zeit zurückgekehrt. Robie streitet es ab, für die Verbrechen verantwortlich zu sein.
Frances Stevens (Grace Kelly), Tochter einer neureichen Witwe, befindet sich mitten im Geschehen: Zwischen Robie und Stevens entwickelt sich ein Verhältnis, das von Stevens’ Verdacht, Robie habe ihrer Mutter die Juwelen gestohlen, überschattet wird… 

Highlight: Die Kostüme von Edith Head

Die eigentliche Botschaft des Films liegt aber nicht in der Handlung, sondern in seiner kulturellen Botschaft: Bezeichnend für die kulturelle Botschaft des Films sind unter anderem die Kostüme, die von Edith Head für Grace entworfen wurden. Bevor Grace überhaupt den Vertrag für Über den Dächern von Nizza unterschrieben hatte, wurde Edith Head schon von Grace beauftragt, mit dem Entwerfen der Filmkostüme zu beginnen. Das Ergebnis ist phänomenal: Das kaltblaue Chiffonkleid, das Frances Stevens bei ihrer ersten Begegnung mit John Robie trägt, passt zu ihrem Gemütszustand in dieser Szene: Sie scheint kalt und unnahbar. Sie lässt John Robie erst im letzten Moment an sich heran, als sie ihn unerwartet vor ihrem Hotelzimmer küsst.

Grace Kelly im kaltblauen Chiffonkleid mit Cary Grant, kurz vor dem oben erwähnten Kuss, Public Domain, Wikimedia Commons

Das zweite große Kostüm-Highlight ist im Finale des Films zu sehen: Bei einem Maskenball am Ende des Films trägt Grace ein Kleid aus der Zeit Louis XV. – hergestellt aus Gold-Lamé. 

Die Kostümdesignerin Edith Head antwortete stets, wenn sie nach ihrem Lieblingsfilm gefragt wurde:

„Wenn Leute mich fragen, wer meine Lieblingsschauspielerin ist und was mein Lieblingsfilm ist, sage ich ihnen, sie sollen sich Über den Dächern von Nizza ansehen. Dort stecken alle Antworten drin.“

Spritztour zwischen Polizei und kalten Hähnchenteilen

Als Frances ihren Begleiter Robie in ihrem Sunbeam Alpine Cabriolet auf eine Spritztour mitnimmt, werden die beiden von der Polizei verfolgt. Als Robie Stevens dazu auffordert, schneller zu fahren, schlägt die Stunde der Wahrheit: Bisher glaubt Robie, Stevens wüsste nichts von den Gerüchten um ihn, dass er wieder auf Juwelenjagd sei. Doch Robie steht vor einem Schock: Frances Stevens weiß ganz genau, dass ihr Partner von der Polizei verfolgt wird und hängt die Verfolger ab. 

Anschließend sucht sich Stevens einen etwas abgelegenen Platz, um mit Robie zu picknicken: Ihre Wahl fällt auf einen Aussichtspunkt, von dem man einen perfekten Ausblick auf das Fürstentum Monaco hat. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis das Fürstentum eine entscheidende Rolle im Leben von Grace Kelly einnehmen würde.
Mit kalten Hähnchenteilen stillen beide ihren Hunger und Robie überwindet den Schock, dass Stevens über Robies Verbrechervergangenheit Bescheid weiß. 

Ahnungsloser Zuschauer

Der Zuschauer weiß bis zum Ende des Films nicht, wer für die Juwelendiebstähle verantwortlich ist: Die Beziehung zwischen Stevens und Robie ist ein Akt der Balance zwischen Leidenschaft und Misstrauen. Hitchcock schafft es, die Genre Thriller, Komödie, Drama und Romanze in Über den Dächern von Nizza zu vereinen – eine Kunst, die sonst kaum ein Regisseur so überzeugend beherrscht. 

Ausgleich zum Drehalltag

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb Grace Kelly die Rolle der Frances Stevens so überzeugend spielen konnte: Einer der Gründe war, dass sie zum Zeitpunkt der Dreharbeiten an der Riviera voll und ganz in die Atmosphäre an der Riviera eintauchen konnte. Nach jedem Drehtag klapperte sie abends gemeinsam mit dem befreundeten Modeschöpfer Oleg Cassini sämtliche Restaurants an der Riviera ab. Es war ein willkommener Ausgleich zum anstrengenden Drehalltag.
Hitchcock begrüßte es, wenn seine Schauspieler mit der Drehumgebung Kontakt aufnahmen: Bewusst hielt er den Drehkalender so, dass den Schauspielern genug Zeit blieb, die örtlichen Sehenswürdigkeiten zu betrachten. 

Über den Dächern von Nizza ist ein würdiger Abschluss der Zusammenarbeit zwischen Grace Kelly und Alfred Hitchcock: In der Vergangenheit arbeiteten die beiden bereits in Bei Anruf Mord und in Das Fenster zum Hof zusammen. Noch zwei Hollywood-Filme folgten, dann trat Grace Kelly die wohl längste Rolle ihres Lebens an: Die Rolle der Fürstin von Monaco. Mit seinen Drehorten gab Über den Dächern von Nizza bereits eine Vorschau auf das, was bald im Leben von Grace Kelly folgen würde.

Simon von Ludwig

Grace Kelly bei Der Bussard

Maßgebliche Quellen: Jorgensen, Jay & Bowman, Manoah: Grace Kelly – Hollywood Dream Girl, 2017 HarperCollins und Wydra, Thilo: Grace – Die Biographie, 2014 Aufbau Verlag

Beitragsbild: Frances Stevens (Grace Kelly) und John Robie (Cary Grant) beim Picknick mit Ausblick auf Monaco, Public Domain, entnommen aus Wikimedia Commons

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