„Wenn sie fünfunddreißig statt fünfundzwanzig wäre, könnte sie für das Amt der Präsidentin kandidieren. So jemanden wie sie gibt es kein zweites Mal.“, sagte der Hollywood-Regisseur Allan Dwan Mitte der 1920er-Jahre über Gloria Swanson.
Folgt man ihren Memoiren, wuchs Gloria Swanson in prächtigen Verhältnissen auf: Ihre Mutter wollte nie, dass ihre Tochter dasselbe trug wie ihre Mitschüler. Swanson erinnerte sich daran, wie sie immer und überall auffiel, und das gefiel ihr auch. Es war gewissermaßen eine Vorschau auf das, was in ihrem Leben folgte.
Ein Teil ihrer Familie stammte aus dem Elsass und ihr Urgroßvater brachte ihr stets Marzipan aus Baden-Baden mit, wo er herkam. Gloria Swansons Vater war Angehöriger des US-Militärs, der regelmäßig an neue Stützpunkte versetzt wurde. So lernte Swanson in jungen Jahren bereits verschiedene Kulturen kennen. 

Eigentlich wollte sie Opernsängerin werden

Als sie dreizehn Jahre alt war, fasste sie den Entschluss, eines Tages Opernsängerin zu werden: Die Familie war gerade nach San Juan in Puerto Rico gezogen, wo der Vater hinversetzt worden war. Ein Freund des Vaters konnte arrangieren, das alte, im Rokoko-Stil erbaute Opernhaus in San Juan, für eine Schulaufführung mit seiner Tochter Gloria in der Hauptrolle zu mieten.
Dort entstand Glorias Wunsch, Opernsängerin zu werden – obwohl sie mit dreizehn noch nie eine Oper gesehen hatte.
Als sie in jungen Jahren zum ersten Mal in die Filmindustrie hineinblickte, bestätigte sie das zunächst in ihrem Entschluss: Vom Medium Film, das damals noch jung war, hielt sie nichts und konzentrierte sich ganz auf ihren Wunsch, eines Tages Opernsängerin zu werden.
Dass sie schließlich mit fünfzehn Jahren doch ihre erste Arbeit als Schauspielerin in Chicago annahm, hing damit zusammen, dass sie sich Geld verdienen wollte, um professionellen Gesangsunterricht nehmen zu können. Swanson sammelte ihre ersten Erfahrungen in der Filmbranche bei den Chicagoer Essanay Studios, die auch Charlie Chaplin-Filme realisierten.

Das Medium des Films war noch lange nicht ausgereift.

Zum ersten Mal Los Angeles

Schon bald stellte sie jedoch fest, dass ihr die Schauspielerei keinen Freiraum gab, um nebenher noch Gesangsunterricht zu nehmen: Aus der Not wurde eine Tugend. Bereits im Alter von fünfzehn Jahren sammelte Gloria Swanson ihre ersten Erfahrungen vor der Kamera. Zu dieser Zeit spielte die 15-jährige Swanson Statistenrollen, die häufig dem Klischee der typischen High Society-Lady entsprachen – doppelt so alt wie sie selbst.
Doch diese Arbeit wurde von Zweifeln überschattet: Das Medium des Films war noch lange nicht ausgereift – es wurde gar bezweifelt, ob sich der Film gegenüber dem klassischen Theaterspiel behaupten konnte.
Während ihrer Arbeit für die Essanay Studios lernte Gloria Swanson den Schauspieler Wallace Beery kennen. Bei einer Reise nach Kalifornien führte Beery Swanson und ihre Mutter durch die Filmstadt Los Angeles – eine Stadt voller Fabriken, Tankstellen, Märkte und Telefonkabel. In ihren Memoiren schreibt Gloria Swanson, von einer Magie wäre dort zunächst nichts zu spüren gewesen. 

Verschollene Filme

Als Gloria Swanson von den Mack Sennett Studios engagiert wurde, die auf Komödien spezialisiert waren, änderte sich ihre Meinung gegenüber Hollywood: Bei den Mack Sennett Studios wurde Gloria Swanson quasi Teil einer Familie und wurde zum ersten Mal in größeren Stummfilmrollen besetzt.
Von den über tausend Filmen, die Mack Sennett in der Anfangszeit der Filmindustrie produzierte, gelten die meisten bis heute als verloren. Somit ist es schwierig, das gesamte Werk von Gloria Swanson als Schauspielerin zu erfassen.
Zu dieser Zeit begriff Swanson, dass die Leistung eines Schauspielers nicht nur vom Schauspieler selbst abhing: Sie war fasziniert von der Arbeit der Regisseure und sämtlicher Techniker, die einen Film zu dem machten, was er war. Wenn sie jetzt schon Schauspielerin war und ihren Traum von der Oper fallenließ, dann würde sie wenigstens in guten Filmen mitspielen, sagte sie sich. 

Cecil B. DeMille

Wie sich bald herausstellen sollte, spielte sie nicht nur in guten Filmen mit, sie war eine der Gründerfrauen des klassischen Hollywood-Mythos, der bis heute nachwirkt. Ohne Schauspielerinnen wie Gloria Swanson hätte es Hollywood in dieser Form wohl kaum gegeben.
1919 erhielt Gloria Swanson einen Vertrag mit den Paramount Studios. Der Regisseur Cecil B. DeMille war in den Zwanzigern hauptsächlich daran beteiligt, Gloria Swanson zu einem Leinwandstar aufzubauen: Gloria Swanson übernahm in den sogenannten „Salonkomödien“ Cecil B. DeMilles häufig die Rolle von selbstbewussten, jungen Frauen, die sich gegen die Konventionen der Gesellschaft stellen.
Viele der Filme aus den 1920ern, unter anderem auch solche, die Gloria Swanson als ihre Lieblingsfilme bezeichnete, gelten bis heute als verschollen. Zu den verschollenen Filmen in Gloria Swansons Oeuvre zählt auch das Kostümdrama Madame Sans-Gêne (1925), das Swanson einst als ihr Lieblingswerk bezeichnete.

Wechsel in der Riege der Stars

Als Ende der 1920er Jahre der Tonfilm aufkam, gingen zahlreiche Hollywood-Stars unter: Gloria Swanson konnte Anfang der Dreißiger zwar zunächst an ihre Erfolge aus der Stummfilmära anknüpfen, doch es gab einen Wechsel in der Riege der Hollywood-Stars.
Filmstars wie Marlene Dietrich, Greta Garbo oder Mae West waren die Zugpferde, auf die nun die großen Hollywood-Studios setzten. Das führte dazu, dass sich Gloria Swanson 1934 von der Leinwand zunächst zurückzog.
In den späten Dreißigern und in den Vierzigern war Gloria Swanson als regelmäßiger Radiogast in den USA bekannt.
Ihr Leinwand-Comeback erlebte Gloria Swanson 1950 in Boulevard der Dämmerung [Sunset Boulevard], in der sie die Rolle der Stummfilmdiva Norma Desmond spielte. Regie führte Billy Wilder. Die Filmfigur Norma Desmond weist zahlreiche Parallelen zu Swansons eigenem Leben auf: Wie Swanson auch sehnt sich Desmond an ihre glorreiche Zeit mit dem Regisseur Cecil B. DeMille zurück – der Regisseur spielte in dem Film sich selbst.

Boulevard der Dämmerung ist nicht zuletzt eine Kritik an Hollywood.

Boulevard der Dämmerung

Swansons Rolle in Boulevard der Dämmerung ist eine Reminiszenz an die Stummfilmära: Im Film fällt auf, dass sie aus einer Zeit kam, in der es im Film keine Dialoge gab. Sie arbeitet mit ihrer gesamten Mimik, um ihrem Charakter Ausdruck zu verleihen. Sie verlässt sich nicht auf ihre Stimme als einziges Medium, um dem Zuschauer ihre Rolle näherzubringen.
William Holden, Swansons Costar im Film, der nichts anderes kannte als den Tonfilm, steht hier im Kontrast zu Swanson: Er ist ein Vertreter der neuen Generation an Schauspielern, die sich voll und ganz auf den Ausdruck ihrer Stimme verlassen können.
Der Film ist nicht zuletzt eine Kritik an Hollywood: Norma Desmond wird als eine von allen guten Geistern verlassene Stummfilmdiva dargestellt, die ihr einziges Lebensziel darin sieht, vor einer Kamera zu stehen und die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der Film zeigt die krankhaften Auswüchse dessen, was sich Starruhm nennt: Gloria Swanson war als ehemalige Stummfilmdiva prädestiniert für diese Rolle. 

„Es sind die Filme, die klein geworden sind.“

Bereits 1950 war die Stummfilmära längst Vergangenheit: Doch selbst heute noch, einhundert Jahre nach Gloria Swansons Karrierehöhepunkt, erinnert man sich an die Stummfilmdiva.
Sie war eine jener Schauspielerinnen, die Hollywood sahen, als sich die Filmstadt noch in ihren Kinderschuhen befand: Stars wie Gloria Swanson waren ein Vorbild für die späteren Hollywood-Stars, die von den Filmstudios beinahe wie eine Institution geschaffen wurden.
„Ich bin groß, es sind die Filme, die klein geworden sind“: Dieses Zitat aus Swansons Comeback-Film Boulevard der Dämmerung beschreibt die Rolle von Gloria Swanson in Hollywood gut.
Man könnte beinahe sagen, Hollywood-Stars nach ihr hätten es einfacher gehabt: Swanson kam aus einer sehr unsicheren Zeit für die Filmindustrie – würde sich der Film als Medium überhaupt durchsetzen? Diese Frage tauchte im frühen Leben der Swanson, die eigentlich Opernsängerin werden wollte, häufig auf. Das Medium des Films konnte sich durchsetzen: Das ist nicht zuletzt dem Erbe von Stars wie Gloria Swanson zu verdanken. 

Simon von Ludwig


Maßgebliche Quelle: Swanson, Gloria: Swanson on Swanson, 1980 Random House

Beitragsbild: © Simon von Ludwig


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