Hätte die 12-jährige Ella Fitzgerald, als sie sich Schallplatten von Louis Armstrong anhörte, zu träumen gewagt, dass sie eines Tages seine Gesangspartnerin werden würde? Obwohl Ella Fitzgerald aus einfachen Verhältnissen stammte, gehörte ein Grammophon und ein Radio zur Grundausstattung in Ella Fitzgeralds Elternhaus. Ihre Familie maß der Musik eine hohe Bedeutung bei: Obwohl ein Grammophon oder ein Radio streng genommen weit über dem finanziellen Budget der Familie lagen – damals war jegliche Form der Musik ein Luxusgut – sollte der jungen Ella Fitzgerald kein musikalischer Trend entgehen, entschieden ihre Eltern. Trotz des frühen Tods ihrer Mutter – Ella Fitzgerald war gerade 15 Jahre alt – soll die Mutter ihrer Tochter aus musikalischer Sicht einiges mit auf den Weg gegeben haben.
Damals gab es einen neuen musikalischen Trend, der sich zu einer musikalischen Bewegung der Superlative entwickeln sollte: Der Jazz. 

Hochburg des Swing

Ella Fitzgeralds Karrierebeginn fiel in die Swing-Ära, das goldene Zeitalter des Jazz. In diesem Zeitalter gab es zum ersten Mal die Möglichkeit, Musik, die bisher vor allem in afroamerikanischen Kulturkreisen gefeiert wurde, dem Musikgeschmack der Massen nahezubringen. Der New Yorker Stadtteil Harlem war eine Hochburg dieser frühen Form des Jazz. Aus dieser frühen Form des Jazz kristallisierte sich die Swing-Bewegung heraus: Der Swing war mehr als ein Trend, eine Mode oder einfach nur ein neuer Musikstil. Er war das Abbild der Lebenseinstellung einer ganzen Generation von Musikern.
Ella Fitzgerald war ganz vorne dabei: Am 21. November 1934 fiel die Entscheidung über Ella Fitzgeralds künstlerischen Werdegang, die nach dem Tod ihrer Mutter non-stop durch Harlem reiste und in allen möglichen Etablissements als Tänzerin auftrat. Eigentlich hatte Fitzgerald an jenem Novembertag 1934 vor, im Apollo Theater bei einem Talentwettbewerb zu tanzen. Als sie jedoch erfuhr, dass beim Wettbewerb wesentlich erfahrenere Tänzerinnen als sie auftreten sollten, entschied sie sich kurzerhand um und entschloss sich, zu singen. 

Der Bandleader Benny Carter war von Fitzgeralds klarer Intonation und ihrem Stimmvolumen beeindruckt.

Chick Webb Orchestra

Diese spontane Umentscheidung sollte sie nicht bereuen: An jenem Abend spielte das Benny Carter Orchestra, eines der renommiertesten Jazzorchester. Der Bandleader Benny Carter war von Fitzgeralds klarer Intonation und ihrem Stimmvolumen so sehr beeindruckt, dass er sie unter seine Fittiche nahm: Nun waren die Weichen für Ella Fitzgeralds weitere künstlerische Laufbahn gestellt.
Am 15. Februar 1935, kurz nach ihrer Entdeckung durch Benny Carter, feierte Ella Fitzgerald ihr Debüt am Harlem Opera House. In der Folge wurde die Sängerin Mitglied des Chick Webb Orchestra, das vom berühmten Schlagzeuger Chick Webb (1905 – 1939) gegründet wurde. Chick Webb entsprach mit seiner Körpergröße von 1,30 Meter ganz und gar nicht der damaligen Idealvorstellung von einem Mann – Ella Fitzgerald entsprach ebenfalls keinem gängigen Schönheitsideal, was ihr am Anfang ihrer Karriere beinahe zum Verhängnis geworden wäre. Der Bandleader Fletcher Henderson soll Fitzgerald vor ihrem Debüt am Harlem Opera House abgewiesen haben, weil sie nicht seinen optischen Vorstellungen entsprach.
Doch, abgesehen von einigen Ausnahmen, spielten in der Swing-Ära äußerliche Aspekte eines Künstlers keine große Rolle: Was zählte, war die Kunst der Improvisation und die für den Swing typische Lebenseinstellung. Wer ein künstlerisches Talent besaß, hatte in den Dreißigern meist gute Chancen, ein Engagement an einem der Etablissements in Harlem zu ergattern. 

52nd Street

Aus Ella Fitzgeralds Zeit mit dem Chick Webb Orchestra stammen ihre allerersten Plattenaufnahmen: Am 12. Juni 1935 nahm Ella Fitzgerald I’ll Chase The Blues Away in den New Yorker Decca-Studios auf. Ihre Tätigkeit für die Schallplatte blieb nicht unbemerkt: Im November 1936 holte sie der Bandleader Benny Goodman, der in den Dreißigern auf dem Höhepunkt seines Ruhms stand, für Plattenaufnahmen ins Studio. Die goldene Zeit der Musik-Etablissements in Harlem war vorüber – die Künstler, die den Sprung zur Schallplatte schafften, konnten sich glücklich schätzen. Das New Yorker Unterhaltungszentrum verlagerte sich von Harlem in die 52nd Street in Downtown Manhattan, wo in den folgenden Jahrzehnten unzählige Jazz- und Swingclubs florierten. Downtown Manhattan war eine gänzlich andere Gegend als Harlem: Nicht allen Künstlern, die in Harlem Erfolg hatten, war es vergönnt, ihre Karriere in der 52nd Street fortzusetzen. Mit dem wirtschaftlichen Niedergang in den Dreißigern wurde es für Jazzclubs zunehmend schwieriger, sich zu halten. 

Scat-Gesang wurde spätestens mit Ella Fitzgerald ein elementarer Bestandteil des Bebop.

Scat-Gesang

Ende der Dreißiger Jahre feierte Ella Fitzgerald ihre ersten Schallplattenerfolge mit dem Chick Webb Orchestra: Nach dem frühen Tod des Schlagzeugers Chick Webb übernahm Ella Fitzgerald die Leitung des Orchesters – dieses Arrangement währte jedoch nur kurze Zeit. Nach einigen anfänglichen Hits war Ella Fitzgeralds Gesang Anfang der Vierziger aus der Mode – die goldene Ära des Swing war vorbei, das Publikum hatte in Sängern wie Frank Sinatra einen neuen Liebling gefunden. Für einige Jahre rangierte die Sängerin Ella Fitzgerald auf den hinteren Rängen, ihre Karriere schien vorüber, bevor sie überhaupt richtig an Fahrt aufgenommen hatte.
Lichtblicke zu dieser Zeit waren Hits wie der Jazzstandard Flying Home, den Ella Fitzgerald 1945 aufnahm: Besonders Ella Fitzgeralds charakteristischer Scat-Gesang zeichnete die Interpretation von Flying Home aus. Seit Ella Fitzgerald den Scat-Gesang praktizierte, mussten sich alle nachfolgenden Generationen an Scat-Sängerinnen an ihr messen: Scat-Gesang, wie Louis Armstrong ihn bereits in den 1920er Jahren darbot, wurde spätestens mit Ella Fitzgerald ein elementarer Bestandteil des Bebop: Der Bebop löste in den Vierzigern den Swing als maßgebliche Bewegung der Jazz-Musik ab. 

Marilyn Monroe und Ella Fitzgerald 

In der Ära des Bebop konnte Ella Fitzgerald unzählige Erfolge einfahren: Anfang der Fünfziger Jahre war Fitzgerald gefragt wie nie zuvor und wenn sie gerade nicht im Aufnahmestudio stand, konnte sie sich die Bühne aussuchen, auf der sie auftreten wollte. Doch bei Fitzgeralds Auftrittsorten handelte es sich hauptsächlich um kleinere Jazzclubs und weniger um große Bühnen. Wie kam es zu dazu, dass Fitzgerald ab Mitte der Fünfziger auch auf größeren Bühnen gefragt war?
Ein Hollywood-Star namens Marilyn Monroe war nicht ganz unbeteiligt daran. Im November 1954 soll Marilyn Monroe Ella Fitzgerald in Los Angeles zum ersten Mal bei einem Auftritt gesehen haben – zuvor hatte Monroe die Empfehlung bekommen, Fitzgeralds Schallplatten anzuhören, um ihren eigenen Gesangsstil zu schulen. Als Monroe erfuhr, dass Ella Fitzgerald kein Engagement am renommierten Nachtclub Mocambo in West Hollywood bekam, machte sie ihren Einfluss als Hollywood-Star geltend…

Wer in den Fünfzigern im Mocambo auftrat, war im amerikanischen Showbusiness in eine andere Liga aufgestiegen: Dort gastierten Stars wie Edith Piaf, Frank Sinatra oder Eartha Kitt.
Marilyn Monroe soll den Besitzern vom Mocambo ein Angebot gemacht haben: Sollten sich die Besitzer dazu entschließen, Ella Fitzgerald zu engagieren, würde sie jeden Abend in der ersten Reihe Platz nehmen und ihre gesamte Hollywood-Entourage mit sich bringen. In den Fünfzigern konnte es keine bessere Publicity-Wirkung geben, als Marilyn Monroe, die jeden Abend in der ersten Reihe eines Nachtclubs Platz nahm.
Dieses Angebot überzeugte die Eigentümer des Mocambo: Ab dem 15. März 1955 gastierte Ella Fitzgerald für einige Wochen am Mocambo. Dieses Engagement bedeutete den endgültigen Durchbruch von Ella Fitzgerald im Showbusiness: Gedanken um ihre finanzielle wie künstlerische Zukunft musste sich Ella Fitzgerald fortan nicht mehr machen. 

Ella Fitzgerald wäre niemals so berühmt geworden, wenn sie sich nicht regelmäßig neu erfunden hätte.

Die First Lady des Jazz

Am 16. August 1956 war es endlich soweit: Ella Fitzgerald stand zum ersten Mal gemeinsam mit ihrem Jugendidol Louis Armstrong im Aufnahmestudio. Für das Album Ella and Louis nahmen beide einige Songs zusammen auf, die ihre Zeit überdauert haben: Das Album Ella and Louis gilt heute als das Jazzalbum schlechthin und setzte Maßstäbe.
Ella Fitzgerald wäre niemals so berühmt geworden, wenn sie sich nicht regelmäßig neu erfunden hätte und ihr musikalisches Repertoire an den Puls der Zeit angepasst hätte: Das Ende der Swing-Ära Anfang der Vierziger stellte Ella Fitzgerald vor eine ernsthafte künstlerische Herausforderung, die sie meisterte. In den folgenden Jahrzehnten tourte Ella Fitzgerald rund um den Globus und trat unter anderem in zahlreichen europäischen Ländern auf – sogar die intensivste Erschöpfung konnte Fitzgerald in den Sechzigern nicht davon abhalten, weiter auf der Bühne zu stehen und ihr Publikum zu besingen. Zwischen 1956 und 1964 nahm sie außerdem eine 19-teilige Serie an „Songbook“-Alben auf: Im Rahmen dieser Alben nahm Ella Fitzgerald 250 Werke des Great American Songbook auf, darunter Werke von Cole Porter, George Gershwin oder Irving Berlin. 

Mehr als nur eine Musikrichtung

Wenn sie nicht gerade live auf der Bühne zu sehen war, stand sie mit ziemlicher Sicherheit im Aufnahmestudio und feilte an ihrer nächsten Schallplattenaufnahme: Die Aussage, dass Ella Fitzgerald „die First Lady des Jazz“ war, trifft gänzlich zu: Sie wurde von der Kritik zuerst als die First Lady des Swing gefeiert, dann als die First Lady des Bebop und schließlich als die First Lady des Great American Songbook. Ohne Ella Fitzgerald wäre die US-amerikanische Musikkultur um einen großen Namen ärmer – ganze Generation an Jazz-Sängerinnen nach ihr nehmen sich ihre Kunst zum Vorbild. Geht es um Scat-Gesang, ist Ella Fitzgerald bis heute das Maß der Dinge – sie verkörperte wie keine andere Sängerin ihrer Epoche die Lebenseinstellung des Jazz. Jazz bedeutet mehr als nur eine Musikrichtung: Das bewies Ella Fitzgerald. 

Simon von Ludwig


Maßgebliche Quellen: Kunz, Johannes: Ella Fitzgerald und ihre Zeit, 2016 LangenMüller & ein Artikel über Marilyn Monroe & Ella Fitzgerald via biography.com.

Beitragsbild: Jazz at the Philharmonic in Zürich, Ella Fitzgerald, Oscar Peterson, 14.02.1955
Bildnachweis: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Metzger, Jack / Com_L04-0031-0006 / CC BY-SA 4.0


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