Anfang der 1920er war der Old Chauffeur’s Club in St. Louis eine der besten Anlaufstellen für aufstrebende Entertainer der Jazzszene: Die junge Josephine Baker arbeitete dort zunächst nicht als Künstlerin, sondern als Kellnerin. Das änderte aber nichts daran, dass die junge Baker Zeugin wurde, wie die Pioniere der damals aufkommenden Jazzmusik ein neues Musikgenre erschufen. Die Vierzehnjährige Baker studierte die Auftritte der Künstler im Old Chauffeur’s Club genau und unterhielt die Gäste mit eigenen, kleinen Showeinlagen. 
1920 hatte Baker außerdem ihre ersten Theaterauftritte im Booker T. Washington Theatre in St. Louis: Als Mitglied des Showacts Jones Family feierte Josephine Baker als Vierzehnjährige ihr Bühnendebüt.
„Sie hat ihren Weg gewählt. Lassen wir sie.“, war der Kommentar von Josephine Bakers Mutter, als sie erfuhr, dass ihre Tochter sich als Mitglied der Jones Family dazu entschieden hatte, auf eine Tournee zu gehen. Keiner von ihrer Familie verabschiedete sie am Bahnhof – für ihre Mutter soll der Weggang ihrer Tochter Josephine eher eine Erleichterung denn ein Verlust gewesen sein, da sie sich fortan „um ein Kind weniger kümmern musste“. 

Dass Baker, eine arme Tänzerin aus St. Louis, überhaupt den Weg nach New York schaffte, war bereits eine Sensation. 

Geburt und Shuffle Along

Josephine Baker kam in einem Amerika zur Welt, das extrem von der Rassentrennung geprägt war: Damals war es für einen Menschen von afroamerikanischer Abstammung, wie Josephine Bakers Mutter es war, äußerst ungewöhnlich, ein Kind unter medizinischer Beobachtung auf die Welt zu bringen. Doch Josephine Bakers Mutter bekam – entgegen dem damaligen Zeitgeist – die Möglichkeit, ihre Tochter im Krankenhaus zur Welt zu bringen. Beim Geburtskrankenhaus von Josephine Baker handelte es sich um ein Krankenhaus, in das Menschen afroamerikanischer Abstammung per se eigentlich nicht eingeliefert wurden. Dieser Umstand nährte später das Gerücht, Bakers Vater sei womöglich gar nicht afroamerikanischer Abstammung gewesen.
Bei der Geburt von Josephine Baker soll es zu einigen Komplikationen gekommen sein: Die Einlieferung ihrer Mutter in ein Krankenhaus, in dem man ihr bei der Geburt helfen konnte, kann als einer der ersten großen Glücksfälle im Leben von Josephine Baker angesehen werden.
Ab 1920 legte Josephine Baker eine steile Karriere hin: 1922 wurde sie als festes Ensemblemitglied für das Broadway-Musical Shuffle Along engagiert. Dass Baker, eine arme Tänzerin aus St. Louis, überhaupt den Weg nach New York schaffte, war bereits eine Sensation. 

Das bestbezahlte Revuegirl der Welt“

Bakers Mitwirkung im Musical Shuffle Along war ihre Eintrittskarte zur Welt des Ruhms, auch wenn sie später ihre Rolle in Shuffle Along immer wieder als die eines einfachen „Revuegirls“ abtat. Der große Erfolg des Broadway-Musicals löste außerdem eine kulturelle Revolution im New York der 1920er aus: Auf den Erfolg von solchen Musicals, in denen hauptsächlich Schauspieler und Tänzer afroamerikanischer Abstammung spielten, ist die Entstehung des New Yorker Stadtteils Harlem zurückzuführen. Ihre besondere Fähigkeit, auf der Bühne mit ihren Augen zu schielen, fiel vielen Zuschauern auf und machte eine Tanzeinlage von Baker zu einem Auftritt der Extraklasse.
Nach ihren großen Erfolgen in New York, während derer sie als das „bestbezahlte Revuegirl der Welt“ beworben wurde, bot sich für Baker die Möglichkeit, nach Europa zu gehen:  „Als die Freiheitsstatue am Horizont verschwand, wusste ich, von nun an bin ich frei.“, beschrieb Baker später rückblickend ihren Gemütszustand, als sie die Vereinigten Staaten verließ und sich auf die Reise nach Paris machte. 

Josephine Baker, 1967
Bildnachweis: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Schmid, Josef / Com_C16-077-001 / CC BY-SA 4.0

Revue Nègre

In Paris erwartete Josephine Baker ein komplett anderes Leben: Die Rassentrennung spielte verglichen mit der Situation in den USA praktisch keine Rolle, trotzdem galt es als exotisch und große Sensation, eine spärlich bekleidete afroamerikanische Tänzerin auf der Bühne zu sehen.
In Paris machte Josephine Baker nichts anderes als tanzen, tanzen, tanzen: Das Pariser Publikum war – ähnlich wie das New Yorker Publikum – vom Augentanz der Josephine Baker extrem fasziniert. Ihre Erfolge in der Revue Nègre blieben auch im benachbarten Deutschland der Zwanziger Jahre nicht unentdeckt: Zum Jahreswechsel 1925/26 feierte die Revue Nègre am Berliner Kurfürstendamm ihre Premiere und das Phänomen Josephine Baker schlug ein im Berlin der Weimarer Republik. Doch die Atmosphäre im Berlin der Zwanziger – der Hauptstadt der Verlierernation des Ersten Weltkrieges – war völlig anders als die Atmosphäre im Paris der Zwanziger: Klaus Mann formuliert in seiner Autobiographie in Bezug auf das kulturelle Leben im Berlin der Zwanziger, „Ein geschlagenes, verarmtes, demoralisiertes Volk sucht Vergessen im Tanz.“
Genau dafür war Josephine Baker zuständig: Für den Tanz. Josephine Baker war kaum zwanzig Jahre alt und hatte es zu wesentlich mehr gebracht als die allermeisten Mädchen ihrer Herkunft. Innerhalb von sechs Jahren war sie vom unbekannten Revuegirl aus St. Louis zu einer der bestbezahlten Tänzerinnen überhaupt aufgestiegen und pflegte Kontakte mit hochrangigen Berliner Kulturpersönlichkeiten wie dem Regisseur und Schauspiellehrer Max Reinhardt. 

Dass man fortan Josephinés Vornamen mit einem Accent aigu auf dem „e“ schrieb, war ebenfalls ein Marketing-Schachzug ihres Managers Pepito.

Chez Joséphine

1926 wurde Josephine Baker die Leitung eines Clubs in Paris angeboten: Etwa zur gleichen Zeit traf sie einen Mann namens Pepito, der sich als italienischer Graf ausgab, fortan ihr Manager wurde und sich um die Etablierung der „Marke Josephine Baker“ kümmerte: Der Hochstapler mit gutem Geschäftssinn erkannte, dass Bakers Image aus den Zwanzigern keine Zukunft besaß.
Mit Pepitos Hilfe wird der Pariser Club zu einem echten Erfolg, sowohl in finanzieller als auch in künstlerischer Hinsicht: Der im Dezember 1926 eröffnete Club Chez Joséphine in der Pariser Rue Fontaine lief wie geschmiert. Dass man fortan Josephinés Vornamen mit einem Accent aigu auf dem „e“ schrieb, war ebenfalls ein Marketing-Schachzug ihres Managers Pepito.
„Pepito und Josephine verstehen es, eine Mischung aus reichen amerikanischen Touristen und angehenden Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen der Avantgarde miteinander in einer ausgelassenen, erotisch aufgeladenen und mondänen Stimmung zu versammeln (…)“, schreibt Mona Horncastle in ihrer Josephine Baker-Biographie treffend über den Club Chez Joséphine. Kulturelle Größen wie der Schriftsteller Georges Simenon oder der Architekt Adolf Loos frequentierten regelmäßig Bakers Club. 

Spätes Comeback

In den folgenden Jahren ging Josephine Baker auf eine Europa-Tournee, die sie unter anderem nach Wien und nach Skandinavien führte. Josephine Baker wurde damals nicht nur bejubelt, häufig wurden Gastspiele der Tänzerin von lautstarken Protesten in der jeweiligen Stadt begleitet. Auf ihrer Gastspielreise durch Europa stellte Josephine Baker fest, dass die Rassentrennung nicht nur in den USA ein Thema war: Trotzdem hätte Josephine Baker in den USA niemals eine solche Karriere hinlegen können. Gekonnt inszenierte sich Josephine Baker als „wilde Tänzerin“, die mittlerweile in verschiedenen Sprachen sang.
Auch vor der Filmszene machte Josephine Baker keinen Halt: 1934 spielte sie an der Seite von Jean Gabin in Zouzou.
Während des Zweiten Weltkrieges engagierte sich Josephine Baker für die Truppenbetreuung auf alliierter Seite, was ihr nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche militärische Ehren und Würdigungen einbrachte. Trotzdem versank Josephine Baker spätestens in den Fünfzigern in der Bedeutungslosigkeit, Ende der Sechziger war sie stark verschuldet.
Dem Einfluss von Fürstin Gracia Patricia von Monaco ist es zu verdanken, dass Josephine Baker in den späteren Jahren ihrer Karriere ein Comeback wagen konnte: Der Fürstin verdankte Baker unter anderem, dass sie nach Jahren in der künstlerischen Bedeutungslosigkeit im April 1975 im Pariser Théâtre Bobino eine Show anlässlich des 50-jährigen Jubiläums ihres ersten Bühnenauftritts geben konnte. Kurze Zeit nach dieser einmaligen Performance verstarb Josephine Baker – man kann sagen, sie stand bis zuletzt auf der Bühne. Ihr Begräbnis auf dem Cimetière de Monaco ist ebenfalls auf Grace Kellys Initiative zurückzuführen.

Simon von Ludwig


Maßgebliche Quelle: Horncastle, Mona: Josephine Baker – Weltstar, Freiheitskämpferin, Ikone, 2020 Molden Verlag

Beitragsbild: Josephine Baker, 1967
Bildnachweis: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Schmid, Josef / Com_C16-077-002 / CC BY-SA 4.0


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