Ein Arrangement schreiben – das war die Methode, wie er sich als Musiker am besten ausdrücken konnte: Mit seinen Swing-Arrangements prägte Glenn Miller die Welt des Swing wie kein anderer Musiker. 
Glenn Miller hatte seine eigene Vision vom Swing. Er ging einen langen Weg, bis er einer breiten Öffentlichkeit diese Vision vom Swing präsentieren konnte: Seine Karriere begann nicht als renommierter Arrangeur, sondern als Jazzposaunist im Orchestergraben. 

Die Glenn Miller Story

Der biographische Film Die Glenn Miller Story (1954) legt nahe, dass es seine Frau Helen Burger war, die Glenn Miller dazu ermutigte, seiner Vision vom Swing nachzugehen: Folgt man dem Film, gab es eine Phase im Leben von Glenn Miller, in der er sich als Berufsmusiker durchschlug und sich damit seinen Lebensunterhalt verdiente.
Doch diese Arbeit machte Glenn Miller nicht glücklich: Ihm war es nicht genug, das zu spielen, was andere geschrieben hatten.
Als er sein erstes Stück Moonlight Serenade komponiert hatte, wurde ihm schnell eines klar: Es würde nicht reichen, Swing-Stücke bloß zu komponieren. 

Beim Swing dreht sich alles – wie beim Jazz im Allgemeinen – ums Improvisieren.

Joseph Schillinger

Legte man damals einem Bandleader ein Arrangement vor, wollte dieser Bandleader das Stück stets nach seinem eigenen Arrangement aufführen: Das war für Glenn Millers Vision vom Swing äußerst hinderlich.
Um seine Vision schließlich auf ganzer Linie durchzusetzen, gründete Glenn Miller seine eigene Band. Doch auch das war noch kein Garant für den Erfolg: Zu Beginn trat Glenn Miller auch nicht als Bandleader in Erscheinung, sondern spielte die Posaune.

Beim Swing dreht sich alles – wie beim Jazz im Allgemeinen – ums Improvisieren: Die Kunst der Improvisation bestimmte auch Glenn Millers Karriere als Musiker. Beim aus Russland stammenden Musik-Professor Joseph Schillinger (1895 – 1943), der ein eigenes, nach ihm benanntes System zur Kompositionsausbildung ins Leben rief, lernte Glenn Miller die Grundlagen seines Handwerks. 

Moonlight Serenade

Das Biopic Glenn Miller Story demonstriert Millers Talent zur Komposition auf einzigartige Weise: Im Film verletzt sich am Tag vor einem großen Eröffnungskonzert der wichtigste Trompeter seiner Band an der Lippe – sofort wurde klar: Er wird für Wochen ausfallen. Geplant war die Aufführung der Moonlight Serenade, die in Millers zuerst verfasster Version ohne ein virtuoses Trompetensolo nicht auskommt.
Nach dem Ausfall seines Trompeters blieben Glenn Miller nicht viele Optionen: Er entschied sich, über Nacht das komplette Arrangement der Moonlight Serenade umzuschreiben und das Trompetensolo in ein Klarinettensolo zu verwandeln. 

Der Glenn Miller-Sound

Ob Glenn Miller tatsächlich die ganze Nacht damit verbrachte, das Arrangement umzuschreiben, sei dahingestellt: Normalerweise lesen Klarinette und Trompete in Jazz-Arrangements vom gleichen Notenblatt (bei beiden handelt es sich um sogenannte B-Instrumente, ein Transponieren ist also eigentlich nicht vonnöten). Fest steht aber, dass das markante Klarinettensolo fortan zum wesentlichen Markenzeichen des Glenn Miller-Sounds wurde. Ebenjene fiktionalisierte Szene im Film entspricht zwar sicherlich nicht ganz der Realität, gibt dem Zuschauer aber doch einen guten Eindruck, was Miller so auszeichnete: Glenn Miller konnte nicht gewusst haben, dass dieser Schachzug seinen Siegeszug in die Wege leiten würde. Er ging das Risiko einfach ein und traute sich zu etwas Neuem. 

Das Klarinettensolo in Moonlight Serenade wurde zum wesentlichen Bestandteil des typischen Glenn Miller-Sounds: Vor Glenn Miller dachte niemand ernsthaft daran, ein Jazzstück mit einem Klarinettensolo zu unterlegen.
Obwohl Glenn Miller inzwischen hauptsächlich die Rolle des Bandleaders eingenommen hatte, spielte er nach wie vor die Posaune. Schließlich waren das seine Wurzeln als Musiker – wahrscheinlich hätte Miller auch nie die Position des Bandleaders eingenommen, wenn es nicht die einzige Möglichkeit gewesen wäre, seine Vision vom Swing in die Welt zu bringen. 

Der typische „Glenn Miller-Sound“ war geboren und brachte zahlreiche Musikliebhaber zum „Swingen“.

Seine Vision

So erfolgreich Glenn Miller später auch wurde: Die Anfänge seiner Zeit als Musiker und Bandleader vergaß er nie. Diese Anfänge waren für ihn und seine Musikerkollegen alles andere als einfach: Für Miller war es lange Zeit sehr schwierig, an seine Vision vom Swing zu glauben, denn er war lange Zeit der einzige, der an seine Vision glaubte.
Dieser Glaube an seine Vision vom Swing muss umso stärker geworden sein, als sich die ersten Erfolge für ihn einstellten – seine Musik hatte ihren Siegeszug angetreten. Zwischen 1939 und 1941 zählte die Glenn-Miller-Band zu den erfolgreichsten Bands in den USA, Stücke wie In the Mood, Tuxedo Junction und Pennsylvania 6-5000 erblickten das Licht der Welt.
Der typische „Glenn Miller-Sound“ war geboren und brachte zahlreiche Musikliebhaber zum „Swingen“. Der klassische Glenn-Miller-Sound zeichnete sich durch vier Saxophone und eine Klarinette aus. 

Ungeklärtes Verschwinden

1941 entschloss sich Glenn Miller dazu, seine Band aufzulösen und sich für die US-amerikanische Truppenbetreuung zu engagieren. In dieser Funktion unterhielt er die US-amerikanischen Truppen an der Front des Zweiten Weltkriegs in Europa.
Seine kreative Phase war dadurch vorerst beendet – der Glenn-Miller-Sound konnte aufgrund der Ereignisse der Weltgeschichte nicht mehr weiterentwickelt werden.
Im Dezember 1944 verschwand Glenn Miller auf einem Flug über dem Ärmelkanal: Die genauen Umstände seines Verschwindens sind bis heute nicht geklärt. 

Die Legende

Glenn Millers relativ früher Tod beförderte die Legendenbildung rund um ihn und seine Musik: Ein Orchester, das seinen Namen trägt, gibt es heute noch.
Die biographische Verfilmung Die Glenn Miller Story mit James Stewart in der Hauptrolle dürfte einer der Gründe sein, weshalb die Swing-Legende bis heute eine große Bekanntheit genießt: Hört man die ersten Takte von Moonlight Serenade, fühlt man sich als Hörer sofort in eine andere Zeit zurückversetzt.
Es lässt sich nur darüber spekulieren, wie sich Glenn Millers Musik unter Umständen weiterentwickelt hätte – die Ära des Swing fand Ende der 1940er Jahre ihren Höhe- und Schlusspunkt: Hätte die Ära des Swing vielleicht mit einem Musiker wie Glenn Miller an vorderster Front noch länger angedauert?
Was übrig bleibt, ist Glenn Millers Vision vom Swing. 

Simon von Ludwig


Beitragsbild: Glenn Miller während seiner Zeit bei den US-amerikanischen Streitkräften, US Army Photographer
Public Domain, entnommen aus Wikimedia Commons


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