Fällt der Begriff Ragtime, denkt man dabei unweigerlich an einen unverwechselbaren Musiker, der das Genre des Ragtime erfand: Der Komponist und Pianist Scott Joplin (1867/68 – 1917) gilt als der Erfinder des Ragtime. Oftmals wird der Ragtime als Vorläufer des Jazz angesehen – ohne Frage hätten sich ohne den Ragtime musikalische Bewegungen wie der Jazz wohl nie entwickelt. Der größte Unterschied zwischen Jazz und Ragtime ist, dass dem Ragtime das improvisatorische Element noch fehlte, das für den Jazz so charakteristisch ist: Welche Rolle spielte der Komponist Scott Joplin tatsächlich bei der Erfindung des Jazz, indem er das Genre des Ragtime ins Leben rief?

Einem breiten Publikum dürfte der Ragtime zum ersten Mal bekannt geworden sein, als 1973 der mit sieben Academy Awards prämierte Film Der Clou [The Sting] mit Robert Redford und Paul Newman in den Hauptrollen in die Kinos kam. In den Arrangements von Marvin Hamlisch wurde das Publikum im Laufe des Films dazu eingeladen, den Ragtime zu entdecken – die Musik passte gewissermaßen in das Setting des Films. 

Weiss gab dem jungen Musiktalent eine vollumfängliche Einführung in die europäische Kultur.

Julius Weiss – Joplins Lehrer

Der Pianist Scott Joplin soll sich das Klavierspielen hauptsächlich autodidaktisch angeeignet haben – doch auch ein Autodidakt braucht eine Inspiration, um sein Handwerk zu erlernen.
In den Vereinigten Staaten der damaligen Zeit, die von der Rassentrennung geprägt waren, hätte ein musikalisch begabter Junge afroamerikanischer Abstammung – wenn überhaupt – nur in den seltensten Fällen die Möglichkeit erhalten, professionellen Klavierunterricht zu nehmen.  

Doch Scott Joplin hatte großes Glück: In sehr jungen Jahren wurde sein musikalisches Talent vom deutschstämmigen Musikprofessor Julius Weiss entdeckt. Lange Zeit war vollkommen unbekannt, wer Scott Joplin in seinen frühen Jahren unterrichtete – erst über sechzig Jahre nach Joplins Tod 1917 wurde man überhaupt aufmerksam auf das Leben von Julius Weiss. Weiss gab Joplin kostenlose Klavierstunden, schulte sein Gespür für Musik und brachte ihm die Grundlagen des Musiklesens bei. Der Musiker Weiss soll dem jungen Scott Joplin die Werke der großen Komponisten vorgespielt haben – da Weiss ein großer Opernliebhaber war, stellte er dem jungen Joplin auch zahlreiche Opern vor. Das mag Scott Joplins späteres Bedürfnis erklären, Opern zu komponieren.

Doch Julius Weiss brachte Joplin nicht nur die Grundlagen der europäischen Musik bei: Weiss gab dem jungen Musiktalent eine vollumfängliche Einführung in die europäische Kultur. Nachdem viele Jahrzehnte lang unbekannt war, wer den jungen Joplin musikalisch auf seinen Weg brachte, ist sich die Nachwelt inzwischen einig, dass es ohne Julius Weiss’ Engagement Scott Joplin in dieser Form nie gegeben hätte. Somit lässt sich indirekt auch der Jazz auf die Einflüsse des in Sachsen geborenen Julius Weiss zurückführen. 

„Wanderjahre“ 

Die sogenannten „Wanderjahre“ ab Mitte der 1880er sollen sehr wichtig gewesen sein für den jungen Scott Joplin: Während dieser Zeit durchquerte der junge Musiker verschiedene Lokale und Bordelle, in denen er mit der herrschenden Gesellschaftsschicht in Kontakt kam – während dieser Phase seines Lebens bereiste er unter anderem Oklahoma City, New Orleans und St. Louis. Irgendwann wurde Scott Joplin es jedoch müde, ständig herumzureisen: Er entschloss sich, ab 1885 am George R. Smith College in Missouri Musik zu studieren. Jenes College war eines der wenigen in den USA, das sich auf die Ausbildung von musikalischen Talenten afroamerikanischer Abstammung spezialisiert hatte. 

Eigentlich erhoffte sich Scott Joplin, eine erfolgreiche Karriere als als Konzertpianist und Komponist Klassischer Musik zu beginnen: Doch die Verhältnisse in der amerikanischen Gesellschaft der damaligen Zeit hätten eine solche Karriere schlichtweg nicht ermöglicht. 
Eine Möglichkeit gab es aber noch für Joplin: Er konnte sich darin versuchen, Musik zu veröffentlichen. Es gab kein Gesetz, das Menschen afroamerikanischer Abstammung verbot, Musik zu veröffentlichen.

The Entertainer – Arbeit in St. Louis

Dafür tat sich Scott Joplin mit dem Musikverleger John Stark zusammen: John Stark (1841 – 1927) gilt heute als einer der wichtigsten Verleger von Ragtime-Musik und förderte Scott Joplin, indem er seine Musik verlegte und somit einer breiten Masse zugänglich machte. Über John Stark fanden der Maple Leaf Rag, Wall Street oder Pleasant Moments den Weg in die breite Masse der Musikbegeisterten. John Stark konnte damals kaum wissen, dass er mit dem Verlegen von Scott Joplins Musik nicht nur Joplins Ragtime-Musik eine Chance gab, sich in der Welt zu behaupten, sondern auch der später aufkeimenden Jazz-Bewegung eine Grundlage baute. 
1899 ergriff Scott Joplin die Gelegenheit, sich in St. Louis niederzulassen. Dort verdiente er sich fortan als Lehrer und Komponist von Musik (insbesondere Ragtimes) seinen Lebensunterhalt. 

In St. Louis soll ebenfalls der Maple Leaf Rag entstanden sein, der die bekannteste Komposition von Scott Joplin werden sollte und formgebend für das Genre des Ragtime fungierte: Obwohl Scott Joplin niemals in den Genuss einer klassischen Ausbildung als Pianist gekommen war, galt er um die Jahrhundertwende als ein erfolgreicher und gefragter Komponist. Ein weiterer sehr bekannter Ragtime aus der Feder von Scott Joplin ist The Entertainer.
Schon bald dachte Scott Joplin darüber nach, nicht nur einfache Stücke zu schreiben, sondern komplexere Werke, die sich den stilistischen Mitteln des Ragtime bedienten: So kam es, dass er 1903 seine erste Oper A Guest of Honor verfasste, die jedoch heute als verschollen gilt. 

Zu Treemonisha schrieb Scott Joplin nicht nur die Musik, er schrieb ebenfalls das Libretto und entwarf die Choreographie.

Die Oper Treemonisha 

1907 zog Scott Joplin nach New York: Dort verfasste er das Werk The School of Ragtime, das als eine Art Gebrauchsanweisung für den Ragtime fungierte. 1909 endete Scott Joplins Vertrag mit dem Musikverleger John Stark – damit war Scott Joplin fortan auf sich alleine gestellt, was das Veröffentlichen seiner Werke anging. In den letzten Jahren seiner Karriere als Musiker drehte sich alles rund um sein Opernprojekt Treemonisha: Joplin war so vertieft in dieses Projekt, dass er alles andere dafür zurückstellte und sich nur noch dem Komponieren dieser einen Oper widmete. Da sein Vertrag mit John Stark vorüber war, musste er das Herausgeben seiner Oper komplett selbst finanzieren – dieses Unterfangen stellte ihn vor eine enorme Herausforderung. In Treemonisha schaffte es Scott Joplin, seine musikalischen Vorstellungen in die klassische Form einer aus drei Akten bestehenden Oper zu transferieren – somit schuf Joplin eine Symbiose aus der klassischen europäischen Musik und seiner eigenen Kreation, dem Ragtime. Zu Treemonisha schrieb Scott Joplin nicht nur die Musik, er schrieb ebenfalls das Libretto und entwarf die Choreographie. Ohne Frage griff er dabei auf sein Wissen, das er in jungen Jahren von Julius Weiss vermittelt bekam, zurück. Eine öffentliche Uraufführung seiner Oper Treemonisha erlebte Scott Joplin allerdings nicht mehr: Manche Quellen gehen davon aus, dass seine Besessenheit vom Erfolg dieser Oper um 1911 zu einem nervlichen Zusammenbruch führte, der das Ende seiner musikalischen Laufbahn einleitete und auch zu seinem relativ frühen Tod 1917 führte. 

„Amerikas Klassische Musik“

Erst in den 1970ern, über fünfzig Jahre nach Scott Joplins Tod, interessierte man sich wieder für das Werk des amerikanischen Komponisten und Pianisten: 1972 wurde seine Oper Treemonisha, die ihm zu Lebzeiten so viel bedeutet hatte, am Broadway aufgeführt. Die prominente Verwendung seiner Musik in dem mit mehreren Academy Awards prämierten Film Der Clou (1973) gab ohne Frage den Ausschlag, dass Scott Joplins Musik heute aus musikgeschichtlicher Sicht wieder als relevant gilt: Es ist fraglich, ob sich heute noch jemand – außer Musikwissenschaftlern – an Joplin erinnern würde, hätte man seine Musik nicht 1973 für jenen Film mit Robert Redford und Paul Newman in den Hauptrollen verwendet. 
Scott Joplins „Ragtime“ ging als „Amerikas Klassische Musik“ in die Musikgeschichte ein: Damit lieferte der Komponist afroamerikanischer Abstammung die Grundlage für alles, was sich heute Jazz, Blues, Swing oder Bebop nennt.

Eine Frage lässt sich heute stellen: Wie mag es wohl geklungen haben, als Scott Joplin in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts auf einem Honky-Tonk seinen berühmten Ragtime The Entertainer anstimmte? 

Simon von Ludwig


Beitragsbild: © Simon von Ludwig

Maßgebliche Quellen: Der Artikel über Scott Joplin in der Encyclopedia Britannica und ein Artikel über Scott Joplin, erschienen in der Zeitschrift Jazzpodium Nr. 10-11/2023.
Die Informationen über Julius Weiss‘ Rolle in Scott Joplins frühem Leben stammen aus:
Albrecht, Theodore. “Julius Weiss: Scott Joplin’s First Piano Teacher.” College Music Symposium, vol. 19, no. 2, 1979, pp. 89–105


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