„Unbekannter Österreicher besiegt [Graham] Hill auf dem Crystal Palace Circuit“, ging 1964 durch die britische Presse. Der „unbekannte Österreicher“ hatte gerade den legendären Graham Hill besiegt. Bald war es kein Geheimnis mehr, dass es sich bei dem „Unbekannten“ um Jochen Rindt handelte – Rindt hatte sich gerade mit dem Geld aus einer Erbschaft einen Brabham Formel 2-Rennwagen gekauft und fuhr sogleich die ersten Erfolge ein.
Streng genommen war er gar kein Österreicher: Jochen Rindt wurde 1942 in Mainz geboren und wuchs bei seinen Großeltern in Österreich auf, weil seine Eltern im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff in Hamburg ums Leben gekommen waren. Rindt startete stets mit einer österreichischen Rennlizenz, die deutsche Staatsbürgerschaft legte er aber nie ab.
Frank Williams soll von der ersten Stunde an ein großer Fan von Jochen Rindt gewesen sein – in den Sechzigern hatte Williams aber bei weitem noch nicht den Legendenstatus, mit dem er heute assoziiert wird. Wer war der Mann, der 1964 noch ganz am Anfang seiner Laufbahn als Rennfahrer stand und einen der berühmtesten Rennfahrer der damaligen Zeit besiegte?

Berghe von Trips

1961 besuchte Jochen Rindt gemeinsam mit seinem Jugendfreund Helmut Marko, heute Motorsportchef bei einem der erfolgreichsten Formel Eins-Rennställe, seinen ersten Grand Prix: Damals soll der junge Motorsportbegeisterte Rindt zum ersten Mal bekannt haben, dass er es eines Tages zum Formel Eins-Fahrer bringen wollte – der wenig später auf der Rennstrecke verstorbene deutsche Rennfahrer Wolfgang Graf Berghe von Trips soll eine Inspiration für den jungen Rindt gewesen sein. Von Trips wurde 1961 posthum Vizeweltmeister: Der deutsche Rennfahrer sollte nicht der einzige Formel Eins-Fahrer bleiben, dem eine solche Ehre posthum zuteil wurde…
Als Rindt seinem Freund Helmut Marko von dieser Vision erzählte, verstand Marko das zunächst überhaupt nicht: Österreich war im internationalen Motorsport zur damaligen Zeit nahezu bedeutungslos. Weder wurde ein Grand Prix in Österreich ausgerichtet, noch gab es österreichische Fahrer in der Formel 1. 

Für Rindt ging es gleich auf die Rennstrecke.

Formel 1-Debüt

So kam es, dass Jochen Rindt Anfang der Sechziger hauptsächlich bei Bergrennen und Flugplatzrennen antrat: 1963 soll für den jungen Rennfahrer festgestanden haben, dass ihm der Motorsport wohl in die Wiege gelegt wurde. Nach zwei Jahren aktivem Motorsport stand für Jochen Rindt der weitere Lebensweg so gut wie fest. Sein Jugendfreund Helmut Marko ging an die Universität – für Rindt ging es gleich auf die Rennstrecke.
Zu dieser Zeit fuhr Jochen Rindt zum ersten Mal in der Formel 2: Wer damals in der Formel 2 eine erfolgreiche Laufbahn hinlegte, war ein überaus hoffnungsvoller Kandidat für die Formel 1. Wie für nahezu jeden professionellen Motorsportler war es für Rindt das ultimative Ziel, ein Cockpit in der Formel 1 – die damals noch den Namen Automobilweltmeisterschaft trug – zu ergattern.
Beim allerersten Grand Prix von Österreich am 23. August 1964 gab Jochen Rindt sein Formel 1-Debüt: Rindt fuhr einen Brabham BT11 für das Walker Race Team. Obwohl der Grand Prix von Österreich Rindts einziger Rennstart 1964 bleiben sollte, waren die Vertreter eines britischen Treibstoffkonzerns sehr daran interessiert, Jochen Rindt in der Saison 1965 ein festes Formel 1-Cockpit zu vermitteln. Doch bevor Jochen Rindt zu einem ernsthaften Konkurrenten für sämtliche etablierten Formel 1-Fahrer wurde, sollte er einen der größten Erfolge seiner Karriere außerhalb der Formel 1 einfahren… 

24 Stunden von Le Mans

Bereits 1964 war Jochen Rindt beim 24 Stunden-Rennen von Le Mans angetreten: Über seine Erfahrung, während des 24-Stunden-Rennens mit einem Ferrari 250LM zu fahren, sagte er, es sei das erste Mal gewesen, dass er richtige Geschwindigkeit in einem Fahrzeug erlebt habe. In einem Auto, dessen Technik und Karosserie es erlaubte, fast 300 km/h auf die Rennstrecke zu bringen, hatte Rindt bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Fahrerfahrung gesammelt.
1965 wurde Rindt erneut dazu eingeladen, am 24 Stunden-Rennen teilzunehmen: Gemeinsam mit dem US-amerikanischen Rennfahrer Masten Gregory bildete Jochen Rindt ein Fahrerteam.
Am 24 Stunden-Rennen von Le Mans nahmen zwei weitere Teams teil, die einen Ferrari 250LM fuhren: Die Konkurrenz war somit enorm. Nach einer beispiellosen Aufholjagd über Nacht wurde Jochen Rindts Team zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für die anderen Teams, die einen Ferrari fuhren. Die letzten 90 Minuten des 24 Stunden-Rennens überließ Rindt seinem Teamkollegen Masten Gregory: Jochen Rindts Triumph beim 24-Stunden Rennen von Le Mans 1965 war einer der größten Erfolge seiner Karriere und brachte ihn einen großen Schritt weiter in Richtung einer erfolgreichen Formel Eins-Karriere. 

Formel 1: Eine große Familie

Für die Formel 1-Saison 1965 wurde Jochen Rindt beim Rennstall Cooper Car Company unter Vertrag genommen: Seine Zeit bei Cooper war von keinen größeren Erfolgen geprägt, lediglich 1966 erreichte Rindt eine WM-Platzierung als Dritter.
Damals war jeder, der in der Formel 1 mitwirkte oder als Fahrer tätig war, Teil einer großen Familie:
Der Hauptgedanke war das Racing. So kam es, dass die Teams sogar untereinander Motoren austauschten – von dem harten und unerbittlichen Konkurrenzkampf von heute war noch keine Spur: Zwar herrschte ohne Zweifel unter den Fahrern und Teams während der Rennen Konkurrenz, diese Konkurrenz relativierte sich nach dem Ende eines jeden Rennens jedoch wieder – ganz anders als heute.
Auch als Jochen Rindt 1968 zum Brabham-Team wechselte, besserten sich seine Chancen nicht: In zehn von zwölf WM-Rennen schied Rindt vorzeitig aus. 

Colin Chapman

In der Zwischenzeit hatte Jochen Rindt die Aufmerksamkeit von Colin Chapman, Teamchef des Lotus-Teams, erweckt: Die Boliden des Lotus-Gründers galten zur damaligen Zeit als das Nonplusultra, bei der Konstruktion der Lotus-Rennwägen wurde jedoch weniger Wert auf Sicherheit und mehr Wert auf Leichtigkeit und Leistung gelegt. 
Chapman bot Rindt einen Vertrag für die Formel 1-Saison 1969 an:
„Ich habe zu Lotus noch nie ein Vertrauen gehabt“, sagte Rindt zu dieser Zeit über das Formel 1-Team. Ausschlaggebend dafür, dass Rindt Chapmans Angebot annahm, war die hohe Wahrscheinlichkeit, mit einem Lotus einen Weltmeistertitel einzufahren. Zahlreiche Entscheidungen Chapmans hinsichtlich der Konstruktion der Boliden – gerade was die Fahrersicherheit anging – sorgten regelmäßig für Unstimmigkeiten zwischen Teamchef und Fahrer.
Es war nicht zuletzt auf die technische Überlegenheit der Lotus-Boliden zurückzuführen, dass Jochen Rindt mit dem Grand Prix der USA 1969 seinen ersten Grand Prix gewann. Es war das erste Mal, dass ein österreichischer Fahrer einen Grand Prix gewann: In der Folge brach in Österreich eine regelrechte Motorsport-Hysterie aus, die eine breite Masse in Österreich zum ersten Mal mit der Formel 1 näher in Kontakt brachte. 

„Meine größte Sorge ist, dass am Auto nichts bricht. Denn ich fühle, dass ich persönlich gut genug bin, um keinen Fehler zu machen.“

Sieg in Monaco

Auch in der Formel 1-Saison 1970 trat Jochen Rindt erneut als Fahrer des Lotus-Teams an: Beim Grand Prix von Monaco 1970 fuhr der Rennfahrer während eines magischen Rennens seinen zweiten Grand Prix-Sieg ein. Im Laufe des Rennens legte Rindt eine Aufholjagd hin, die erst in der letzten Kurve zum Sieg führte – im Nachhinein bezeichnete Rindt den Grand Prix von Monaco 1970 als sein bestes Rennen. Dass Fürstin Gracia Patricia von Monaco einem Rennfahrer mit österreichischer Lizenz den Fahrerpokal überreichte, war eine Premiere.
Zum ersten Mal galt Jochen Rindt als ernstzunehmender Anwärter auf den Sieg der Weltmeisterschaft: Seine folgenden Siege in den Niederlanden, in Frankreich, Großbritannien und Deutschland beförderten Rindt im Rennen um die Fahrer-WM ganz nach vorne.
„Meine größte Sorge ist, dass am Auto nichts bricht. Denn ich fühle, dass ich persönlich gut genug bin, um keinen Fehler zu machen. Ich bin aber nicht sicher, ob ich das Auto kontrollieren kann, falls etwas am Auto schiefgeht.“, sagte Rindt im Laufe der Formel 1-Saison 1970. 

Kein Fahrfehler

Die Befürchtungen von Rindt sollten sich auf tragische Weise bewahrheiten: Beim Abschlusstraining zum Grand Prix von Monza 1970 war es kein Fahrfehler, der Jochen Rindt das Leben kostete. Es war zurückzuführen auf den Bruch der vorderen rechten Bremswelle, weshalb Rindts Rennwagen in der Parabolica-Kurve in die Leitplanke prallte und sich anschließend noch einige Male drehte. Den Aussagen seines engen Freundes Jackie Stewart zufolge soll Rindt noch auf der Rennstrecke verstorben sein. An der selben Stelle verunglückte neun Jahre zuvor Rindts Idol Berghe von Trips.
Obwohl die Formel 1-Saision 1970 noch vier weitere Rennen umfasste, hatte Rindt in der laufenden Saison genügend Siege eingefahren, um posthum mit dem Weltmeistertitel geehrt zu werden. Er ist bis heute der einzige Formel 1-Fahrer, der posthum die Weltmeisterschaft gewann.
Jochen Rindts Leistungen im Motorsport halfen nicht nur dem österreichischen Motorsport, massiv an Bedeutung zu gewinnen: Rindt beeinflusste ganze Generationen von nachfolgenden Rennfahrern.

Simon von Ludwig


Beitragsbild: Jochen Rindt (r.) und Colin Chapman (l.) beim Freien Training während des Grand Prix von Zandvoort 1970
Bildnachweis: Fotograaf Evers, Joost / Anefo, Nationaal Archief, CC0

Maßgebliche Quelle: Tremayne, David: Jochen Rindt – Uncrowned King of Formula 1, 2020 Evro Publishing


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