Teil vier

Teile eins bis drei

Sennas Traum, mit dem Lotus-Team Weltmeister zu werden, war 1987 vorbei: Zwar fuhr er inzwischen mit Honda-Motoren, die ihm einen Vorsprung verschafften, das Umfeld bei Lotus passte aber nicht mehr zu Ayrton Senna.
Senna hatte zwar bereits Pläne, sein Team kam ihm aber zuvor: Der brasilianische Fahrer Nelson Piquet wurde bei Lotus für die Saison 1988 unter Vertrag genommen – Senna wurde im Voraus nicht informiert. Da Senna zu diesem Zeitpunkt noch keinen festen Deal mit einem anderen Team hatte, war seine Zukunft ungewiss… 

Wechsel zu McLaren

Senna spielte schon länger mit dem Gedanken, zu McLaren zu wechseln. Jetzt, da Lotus einen anderen Fahrer unter Vertrag genommen hatte, war es an der Zeit, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Es stand fest: Senna würde zur Formel Eins-Saison 1988 zu McLaren wechseln. McLaren bot ihm ein Umfeld, in dem es von Konkurrenz nur so wimmelte: Weltmeister Alain Prost, gegen den Senna bereits in der Vergangenheit gefahren war, wurde sein Teamkollege. Senna sah solch große Konkurrenz als förderlich an.
Im Gegenzug brachte Senna die Motoren von Honda mit: Bisher war McLaren mit TAG Porsche-Motoren gefahren. Der Exklusivdeal von Honda mit dem Williams-Team erlosch in der Folge. 

Im September 1987 sagte Senna zu seinem Verhältnis zu Lotus:

„Ich bin in der Formel Eins, um zu gewinnen. Mein Ziel ist es zu gewinnen, während Lotus lediglich überleben möchte. Wir konnten die Zusammenarbeit einfach nicht fortsetzen. Sie wussten, dass ich auf meinem Weg nach draußen bin. Ich habe ihnen einfach nicht gesagt, dass mein nächster Stopp das McLaren-Team sein wird, mit denen ich alles abgesprochen habe, genauso wie mit Honda. Es ist eine Frage der Philosophie. (…) Der einzige Grund, weshalb ich immer noch Rennen fahre, ist der, dass ich Weltmeister werden möchte.“

Es gibt zwei Arten von Konkurrenten… 

Sollte sein Wunsch in Erfüllung gehen? Bei McLaren war er zweifelsohne an der richtigen Stelle angekommen. Das Team brachte mit Niki Lauda und Alain Prost bisher zwei Weltmeister hervor.
Alain Prost war sich zu Beginn der Saison 1988 seiner neuen Konkurrenz bewusst, reagierte aber recht entspannt. So sagte er von seinem neuen Teamkollegen:

„Er [Senna] hatte noch nie einen Teamkollegen, der schnell fährt. Er hat den Vorteil seiner Jugend und Motivation; ich habe einiges an Erfahrung (…). Unser Ziel ist es, ein erstklassiges Team aufzubauen und wenn wir das beste Auto haben, geht es um die Weltmeisterschaft.
Es gibt zwei Arten von Konkurrenten: Da gibt es die Gegner und dann gibt es die Teamkollegen, die am gefährlichsten sind. An ihnen wird man gemessen, denn sie fahren dasselbe Auto wie man selbst.“

Alain Prost (Ayrton Sennas Rivale) 1984, © Nationaal Archief
Alain Prost 1984, © Rob C. Croes / Nationaal Archief

Goldenes Jahr für McLaren

Senna hatte die richtige Entscheidung getroffen: Das Jahr 1988 sollte ein goldenes Jahr für McLaren werden. Die Formel Eins-Saison von 1988 war die letzte Saison, in der Turbolader erlaubt waren. Außerdem war es eine Meisterleistung, die von den Honda-Ingenieuren auf die Strecke gebracht wurde: Der McLaren MP 4/4 ließ Senna und Prost schwärmen. Eines der Geheimnisse des McLaren MP 4/4 war ein hoher Ladedruck. 1988 war der Ladedruck auf 2,5 bar beschränkt und der Tank durfte maximal 150 Liter umfassen – ein Akt der Balance. Jedoch konstruierte Honda den Motor so, dass der verfügbare Ladedruck bis zu 2,9 bar betrug – durch eine gewiefte Technik betrug der Ladedruck am Überdruckventil aber nur 2,5 bar. Damit war das Fahrzeug regelkonform konstruiert und gleichzeitig leistungsfähiger als alle anderen Fahrzeuge auf der Rennstrecke. 

Langsamer fahren…

Beim Grand Prix von Monaco 1988 holte sich Senna die Poleposition – 1,427 Sekunden vor seinem Teamkollegen Alain Prost. Der Motorsport-Journalist Denis Jenkinson schrieb, es sei das Ziel der anderen Fahrer gewesen, nicht allzu oft von Ayrton Senna überrundet zu werden: Während des gesamten Rennwochenendes waren die McLaren zwei Sekunden schneller als alle anderen Autos.
Beim Rennen lag Senna 66 Runden lang in Führung. Senna beschrieb später, während des Rennens habe er sich in einer Art Trance befunden – damit erklärte er sich seine außergewöhnliche Leistung. Der Abstand zu Alain Prost wurde immer größer.
Als Senna zur 67. Runde ansetzte, funkte ihn sein Teamchef Ron Dennis an: Er solle doch bitte langsamer fahren. Senna gehorchte und drosselte sein Tempo. 
Doch sein größter Konkurrent machte ihm einen Strich durch die Rechnung: Alain Prost gab wieder Gas und holte auf. Senna geriet in Panik, er würde das Rennen nicht mehr gewinnen – und gab wieder kräftig Gas. 

Monaco verzeiht keine Fehler 

Die Strecke in Monaco verzeiht keine Fehler: In der verhängnisvollen 67. Runde kollidierte er mit einer Mauer. Die Radaufhängung war verbogen: Das Rennen war vorbei für ihn. Senna war so sehr verärgert, dass er direkt zu seinem Apartment in Monaco zurücklief und sich den Rest vom Tag nicht mehr blicken ließ. 

Alain Prost gewann das Rennen. Senna glaubte nach diesem Rennen, den Kampf um die Weltmeisterschaft von 1988 verloren zu haben. 
Senna sagte zu diesem Rennen:

„An diesem Tag realisierte ich plötzlich, dass ich nicht länger bewusst fuhr und ich mich in einer anderen Dimension befand. Der Rennkurs war ein Tunnel für mich, den ich immer wieder aufs Neue passierte. Und ich realisierte, dass ich weit über mein bewusstes Verständnis hinaus war.“ 

Entscheidung der Weltmeisterschaft

Obwohl sich Ayrton Senna die allermeisten Pole-Positionen in der Saison von 1988 sicherte, war bis zum vorletzten Rennen in Suzuka offen, wer am Ende die Weltmeisterschaft gewinnen würde: Es war ein Showdown zwischen Ayrton Senna und Alain Prost.
Am 30. Oktober 1988 fiel in Japan die Entscheidung, wer 1988 Formel Eins-Weltmeister werden würde.
Beim Qualifying sicherte sich Senna die Pole – ein bekanntes Szenario in der Saison von 1988.
Doch beim Rennstart würgte Senna den Motor ab: Er brachte den Motor wieder zum Laufen, rutschte aber auf den 14. Platz. Prost führte.
Bereits zum Ende der ersten Runde befand sich Senna in achter Position. In den folgenden Runden überholte er weiter – bis er in Runde 19 durch den Ausfall von Ivan Capelli direkt hinter Prost lag. In Runde 27 überholte Senna Alain Prost und ging in Führung. Prost hatte Probleme mit dem Getriebe.
Senna behielt die Führung, auch als es in der zweiten Rennhälfte anfing, zu regnen. Im Regen brachte Senna seinen Rennwagen über die Ziellinie: Überall auf den Publikumsrängen wurden brasilianische Flaggen geschwenkt. Senna kämpfte sich von Platz 14 auf Platz eins vor.
Somit stand fest: Ayrton Senna hatte 1988 mit 28 Jahren seine erste Weltmeisterschaft gewonnen. 

Sennas Traum geht in Erfüllung

Das letzte Rennen 1988 in Australien war reine Formalität: Zwar gewann Prost, Senna hatte aber bereits genügend Punkte, um die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Senna hatte die Meisterschaft mit drei Punkten Vorsprung gewonnen.
Es war nicht nur ein Sieg für Senna, sondern auch ein Sieg für McLaren: Mit 15 Siegen in 16 Rennen gewann McLaren die Konstrukteursweltmeisterschaft 1988. McLaren erzielte 199 Punkte in der Konstrukteurswertung, der Zweitplatzierte Rennstall Ferrari mit Gerhard Berger und Michele Alboreto als Fahrer erreichte 65 Punkte: So groß war die Dominanz der Honda-Motoren.
Unmittelbar nach seinem Sieg kehrte Senna nach Brasilien zurück, um seinen Weltmeistertitel zu feiern. 

Senna hatte sein Ziel erreicht: Er war Weltmeister. Doch damit war seine Karriere noch lange nicht beendet… 

Simon von Ludwig

Teil fünf.

Maßgebliche Quellen: Rubython, Tom: „Ayrton Senna: The Life of Senna“, 2004 BusinessF1 Books & Jones, Bruce: „Ayrton Senna – Portrait of a racing legend“, 2019 Carlton Books.

Beitragsbild: Ayrton Senna in der Box von McLaren, © Instituto Ayrton Senna, entnommen aus Wikimedia Commons

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