1923 wurde der junge Rennfahrer Rudolf Caracciola vor eine schwierige Entscheidung gestellt: Er musste wählen zwischen einer Rennfahrerkarriere und einem Studium an einer Technischen Hochschule – beides würde sich nicht miteinander vereinbaren lassen. „Ich wollte Rennfahrer werden, von meinem vierzehnten Lebensjahr an“, sollte Caracciola später rückblickend in der 1958 erschienenen Biografie „Meine Welt“ schreiben. Das Studium an einer Hochschule hätte ihm zwar ohne Frage das Handwerkszeug verliehen, um einen Rennwagen zu konstruieren, doch seiner Rennfahrerkarriere hätte er wohl kaum nachgehen können. 
In Remagen, der Geburtsstadt des jungen Rennfahrers, war der Name Caracciola kein unbekannter: Die Caracciolas betrieben dort ein Hotel. Später wurde bekannt, dass die Caracciolas ursprünglich von der Familie des neapolitanischen Grafen Caracciolo abstammten – Rudolf Caracciola betonte diese Tatsache jedoch Zeit seines Lebens nicht. 

Anfang der Zwanziger schlug sich Caracciola in Dresden als Autoverkäufer durch – damals kein unbedingt angenehmer Beruf, bedenkt man die enorme Inflation der damaligen Zeit. Wenn ein Kunde einen Wagen für eine stattliche Summe erstand, entsprach der Gegenwert des Verkaufspreises wenige Wochen nach Verkauf, bei der Auslieferung, vielleicht noch dem Gegenwert von zwei Scheinwerfern. 

Insbesondere die Wurzeln des heutigen Formel Eins-Teams von Mercedes reichen bis in die Ära von Rudolf Carraciola zurück. 

„Verkaufsbeamter“ – oder doch Rennfahrer?

Als sich jedoch die Daimler-Motoren-Gesellschaft in Dresden für den jungen Caracciola interessierte, änderte sich die Situation entscheidend: Er wurde als „Verkaufsbeamter“ eingestellt und erhielt die Möglichkeit, bei nationalen Rennveranstaltungen mit einem der neuen Kompressorwagen zu starten. Im Endeffekt erwies sich Caracciola als Rennfahrer für die Daimler-Motoren-Gesellschaft als wesentlich lukrativer denn als „Verkaufsbeamter“: Nun konnte Caracciola seiner wahren Leidenschaft nachgehen, dem Motorsport – und das mit großem Erfolg. 

1924 und 1925 fuhr Rudolf Caracciola für Mercedes zahlreiche Siege ein – 1925 gewann er für sein Team acht Rennen. Die Begeisterung, die damals schon dem Motorsport zukam, war enorm wertvoll für die aufstrebende Automobilindustrie: Zwischen den verschiedenen Herstellern herrschte ein großer Konkurrenzkampf um die besten Plätze – ebendieser Konkurrenzkampf spornte die Hersteller dazu an, ihre Fahrzeuge stetig zu verbessern und zu perfektionieren. Rudolf Caracciola spielte in dieser frühen Ära der Geschichte des Motorsports eine große Rolle – insbesondere die Wurzeln des heutigen Formel Eins-Teams von Mercedes reichen bis in die Ära von Rudolf Carraciola zurück. 

Es waren andere Zeiten

Der immer bedeutender werdende Motorsport verlangte schon bald die Veranstaltung eines nationalen Rennens: Bisher fanden die meisten Motorsport-Veranstaltungen in Deutschland stets im regionalen Rahmen statt. Der allererste Große Preis von Deutschland wurde 1926 auf der Berliner AVUS abgehalten – damals war die AVUS eine einfache Rennstrecke, bestehend aus zwei langen Geraden, verbunden durch eine enge Südkehre und eine großzügiger angelegte Nordkurve. Heute existiert diese Rennstrecke nicht mehr – die Überbleibsel dieser legendären Rennstrecke sind heute Teil eines Autobahnabschnitts bei Berlin. Die Strecke war asphaltiert – damals keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Eine asphaltierte Strecke galt damals sogar als nachteilig, da dieser Belag bei regnerischen Witterungsverhältnissen extrem glatt wurde. 

Damals waren viele Menschen, auch jene außerhalb des Fahrerlagers, bereit, für die Faszination Motorsport ihr Leben aufs Spiel zu setzen: Als Caracciolas Teamkollege Rosenberger beim ersten Großen Preis von Deutschland die Kontrolle über seinen Mercedes verlor, krachte er in ein Zeitnehmerhaus – die beiden jungen Männer im Zeitnehmerhaus starben noch an der Unfallstelle, ein weiterer erlag wenig später seinen Verletzungen. Es waren andere Zeiten damals: Das Rennen ging ohne nennenswerte Unterbrechung weiter. Rudolf Caracciola gewann 1926 den allerersten Großen Preis von Deutschland mit über drei Minuten Vorsprung zum Zweitplatzierten – damit hatte sich der junge Rennfahrer bereits jetzt schon in der Geschichte des deutschen Motorsports verewigt. Rudolf Caracciola kann als der erste erfolgreiche Rennfahrer deutscher Herkunft angesehen werden. 

Mille Miglia

Der Motorsport der Zwanziger und Dreißiger brachte das Material und die Fahrer nicht selten an die Belastungsgrenzen: Die Mille Miglia 1930, ein Autorennen auf öffentlichen Straßen quer durch Norditalien, erstreckte sich über 17 Stunden – erstmals war mit Caracciola im Cockpit ein Mercedes bei diesem legendären Rennen am Start. Im Gesamtklassement belegte Caracciolas Team den 6. Platz, in der Klasse der Wagen bis 8 Liter Hubraum ging sein Team als Sieger hervor. Auf der 1609 Kilometer langen Strecke erzielte man eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 92,8 km/h – heute eine schier unvorstellbare Leistung, berücksichtigt man das Material, mit dem die Fahrer damals arbeiteten. Ein Jahr später, bei der Mille Miglia 1931, holte sich Rudolf Caracciola als erster nicht-italienischer Fahrer den Gesamtsieg bei dem legendären Rennen.

Auch am allerersten Grand Prix von Monaco am 14. April 1929 nahm Rudolf Caracciola teil: Caracciola war gezwungen, ganz vom Ende des Feldes zu starten und ging am Ende als Drittplatzierter aus dem Rennen hervor – eine absolut grandiose Leistung, bedenkt man, dass der Stadtkurs von Monaco schon damals eine enorme Belastung für Mensch und Maschine darstellte. Der erste Grand Prix von Monaco dauerte knapp 4 Stunden: Vier Stunden in einem Auto ohne gedämpfte Lenkung – jede noch so kleine Unebenheit merkte der Fahrer an seinem gesamten Körper – war Alltag für einen Rennfahrer der damaligen Zeit. 

Schicksalsschlag

Im Winter 1932/1933 gründeten der monegassische Rennfahrer Louis Chiron und Rudolf Caracciola den Rennstall Scuderia CC (CC = Chiron/Caracciola) – doch noch vor dem ersten Start der neuen Scuderia beim Grand Prix von Monaco 1933 kam es zu einem tragischen Unfall: Beim Training zum Auftakt des Grand Prix von Monaco – Caracciola fuhr zwischenzeitlich einen Alfa Romeo – blockierte ein Vorderrad und der Wagen schlitterte in eine Steintreppe. Die Arztdiagnose nach dem Unfall war niederschmetternd: Die Ärzte waren der Auffassung, dass Rudolf Caracciola nie wieder in einem Rennwagen Platz nehmen würde. Doch der Motorsport bedeutete für Caracciola zu viel, um ihn einfach aufzugeben: Es wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit die Verletzungen des Rennfahrers wieder verheilen würden und man beauftragte einen speziellen Arzt mit der Behandlung Caracciolas. Obwohl am Ende seiner Genesung sein rechtes Bein mehr als fünf Zentimeter kürzer war als sein linkes, arbeitete sich Caracciola zurück an die Spitze des Motorsports: Caracciola „sollte die Ära der Silberpfeile einleiten“, wie Günther Molter in seiner Biographie von Rudolf Caracciola formulierte… 

Mercedes hatte in den Jahren des Zweiten Weltkriegs keine Verwendung mehr für die Rennfahrer, so auch nicht für Rudolf Caracciola.

Der letzte Große Preis von Deutschland

Trotz ständiger Schmerzen, die Rudolf Caracciola infolge seines Unfalls nun dauerhaft begleiteten, fuhr der Rennfahrer für Mercedes zwischen 1934 und 1939 große Erfolge ein: Zwischen 1926 und 1939 gewann Rudolf Caracciola insgesamt sechs Mal den Großen Preis von Deutschland – insbesondere sein Sieg beim Großen Preis von Deutschland 1939, dem letzten vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, bleibt als ein besonderes Ereignis des Motorsports in Erinnerung: Damals sollen über 300.000 Zuschauer zum Großen Preis von Deutschland an den Nürburgring angereist sein. Es war, als ob all diese Menschen ahnten, dass eine solche Veranstaltung in wenigen Monaten ein Ding der Unmöglichkeit sein würde – doch nicht nur für die Zuschauer war die Leidenschaft für den Motorsport etwas, das schon bald für viele Jahre in weite Ferne rückte: Mercedes hatte in den Jahren des Zweiten Weltkriegs keine Verwendung mehr für die Rennfahrer, so auch nicht für Rudolf Caracciola.  

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg stieg Mercedes-Benz zunächst nicht wieder in den Formelsport ein: Außerdem war es im noch vom Krieg zerrütteten Europa kaum möglich, Grand Prix-Rennen abzuhalten. 

Pionier des Motorsports 

Bei seinem allerletzten Rennen am 18. Mai 1952, dem Großen Preis von Bern, verletzte sich Rudolf Caracciola schwer an seinem bisher unversehrten linken Bein – dieser Unfall bedeutete das Ende einer großen Karriere als Rennfahrer. Seine letzten großen Erfolge als Rennfahrer lagen mittlerweile über ein Jahrzehnt zurück – es ist zu bezweifeln, dass es ohne Rudolf Caracciola den deutschen Motorsport in seiner heutigen Form gäbe. Manch einer geht sogar so weit und sagt, dass Caracciola bis in die Neunziger hinein als der erfolgreichste deutsche Rennfahrer überhaupt angesehen werden kann – obwohl sich zwischenzeitlich nur Motorsport-Eingefleischte an die Erfolge und das Vermächtnis des Rudolf Caracciola erinnerten. 

Genau wie der argentinische Rennfahrer Juan Manuel Fangio zählte Rudolf Caracciola zu einer Generation von Rennfahrern, die den Motorsport in ihrer heutigen Form begründeten: Das enorme fahrerische Geschick und die perfekte Beherrschung des Materials zeichnete beide Rennfahrer aus. Denkt man an Rudolf Caracciola und sein Vermächtnis, taucht man in eine andere Ära des Motorsports ein – der Pioniergeist solcher Rennfahrer bildet bis heute die Grundlage für die Begeisterung vieler Millionen Menschen für die Formel Eins. In vielerlei Hinsicht kann Rudolf Caracciola als ein Pionier des Motorsports angesehen werden.

Simon von Ludwig


Beitragsbild: © Simon von Ludwig

Maßgebliche Quelle: Molter, Günther: Rudolf »Caratsch« Caracciola. Außergewöhnlicher Rennfahrer und eiskalter Taktiker. 2009 Motorbuch Verlag


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