Das Showbusiness fand sie nicht in Hollywood, sondern in den sonnendurchfluteten Straßen von Tunis. Claudia Cardinale, geboren am 15. April 1938 als Claude Joséphine Rose Cardinale in La Goulette, einem lebendigen Hafenviertel bei Tunis im damaligen französischen Protektorat Tunesien, wuchs in einer großen sizilianischen Gemeinde auf. Ihre Eltern, Francesco Cardinale, ein Eisenbahner aus Sizilien, und Yolande Greco, stammten aus in Nordafrika ansässigen italienischen Familien. Zu Hause sprach man Französisch, Sizilianisch und etwas Tunesisch-Arabisch – das reine Italienisch lernte sie erst später für die Kamera. Sie war ein Wildfang, ein „Tomboy“ – sie träumte vom Lehramt, nicht vom Rampenlicht. Doch das Schicksal hatte andere Pläne. 

1957 änderte sich alles. Die gerade Neunzehnjährige gewann den Wettbewerb „Schönste Italienerin in Tunesien“. Der Preis: eine Reise zum Filmfestival nach Venedig. Dort wurde sie von italienischen Produzenten entdeckt. Plötzlich stand die junge Frau, die bis dahin nur als Statistin in einem tunesisch-französischen Kurzfilm mitgewirkt hatte, vor der Tür zum großen Kino. Sie zögerte zunächst – eine Schauspielausbildung hatte sie nicht absolviert. Doch die Unabhängigkeit Tunesiens 1956 und der Wunsch der Familie nach einer besseren Zukunft öffneten die Tore. Im Mai 1958 unterschrieb sie einen Exklusivvertrag mit dem Produzenten Franco Cristaldi und seiner Firma Vides. Ein Vertrag, der ihr Leben prägen sollte. 

Cardinale wurde zum Exportstar Italiens, vergleichbar mit Sophia Loren oder Gina Lollobrigida.

Der Aufstieg in Rom – Erste Schritte im italienischen Film

Rom in den späten Fünfzigern war das Zentrum der Commedia all’italiana und des aufstrebenden Nachkriegs-Kinos. Cardinale debütierte 1958 in kleineren Rollen: in Goha an der Seite von Omar Sharif und in Diebe haben’s schwer (I soliti ignoti) mit Vittorio Gassman und Totò. Die Italiener liebten sie sofort – als frische, natürliche Schönheit, die nicht gekünstelt wirkte. Ihre Stimme, rauchig und dunkel, wurde anfangs noch nachsynchronisiert, weil ihr Akzent zu stark war. Dennoch: Sie war angekommen.

Schon 1960 kam der Durchbruch. In Mauro Bologninis Il bell’Antonio spielte sie neben Marcello Mastroianni und zeigte eine Mischung aus Sinnlichkeit und Verletzlichkeit, die das Publikum fesselte. Im selben Jahr besetzte Luchino Visconti sie in Rocco und seine Brüder als Ginetta – eine Rolle, die sie neben Alain Delon und Renato Salvatori zur neuen Ikone des italienischen Kinos machte. Visconti erkannte ihr Talent für starke, erdverbundene Frauenfiguren. Cardinale wurde zum Exportstar Italiens, vergleichbar mit Sophia Loren oder Gina Lollobrigida, doch mit einer ganz eigenen, geheimnisvollen Ausstrahlung. Man nannte sie schlicht „CC“. 

Die goldenen Sechziger – Visconti, Fellini und der Sprung nach Hollywood

Die Jahre 1963 und 1968 wurden zu ihren absoluten Höhepunkten. 1963 drehte sie gleich zwei Meisterwerke: In Viscontis opulentem Epos Der Leopard (Il Gattopardo) verkörperte sie die junge Angelica Sedara an der Seite von Burt Lancaster und Alain Delon – eine sinnliche, aufstrebende Figur inmitten des untergehenden sizilianischen Adels. Im selben Jahr spielte sie in Federico Fellinis autobiografischem Meisterwerk Achteinhalb (8½) eine Filmdiva. Hier durfte sie erstmals ihre eigene, unverwechselbare Stimme einsetzen – mit  rauchiger, tiefer Resonanz, die perfekt zu ihrem Charisma passte. Fellini selbst lobte ihre natürliche Präsenz.

Hollywood rief. Blake Edwards besetzte sie 1963 in Der rosarote Panther als Prinzessin Dala neben David Niven und Peter Sellers. Es folgten weitere US-Produktionen wie Circus World (1964) mit John Wayne oder Die Profis (The Professionals, 1966) mit Burt Lancaster. Doch Cardinale blieb skeptisch gegenüber dem strikten Studiosystem. „Wenn ich das Geld aufgeben muss, dann gebe ich es auf. Ich will kein Klischee werden“, sagte sie einmal in einem Interview. Sie drehte lieber in Europa, wo man ihr damals mehr künstlerische Freiheit zusicherte. 

Der Höhepunkt ihrer internationalen Karriere kam 1968 mit Sergio Leones Western-Epos Spiel mir das Lied vom Tod (C’era una volta il West). Als Jill McBain, die aus New Orleans kommende Witwe, die in der harten Welt des Wilden Westens ihren Platz findet, lieferte sie eine der ikonischsten Frauenfiguren des Genres. Die Szene, in der sie am Bahnhof ankommt – staubig, absolut entschlossen, mit einem Koffer voller Hoffnungen – ist bis heute in die Filmgeschichte eingebrannt. Leone hatte die perfekte Besetzung gefunden: eine Frau, die weder zerbrechlich noch übermenschlich war, sondern einfach echt. 

Sie war sozusagen Tunesierin im Herzen, Italienerin von Nationalität und Französin durch Erziehung.

Späte Jahre, Auszeichnungen und Vermächtnis

In den Siebzigern und Achtzigern wandte sich Cardinale zunehmend reiferen Charakterrollen zu. Sie arbeitete mit Werner Herzog in Fitzcarraldo (1982), spielte in Franco Zeffirellis Jesus von Nazareth (1977) und in Luigi Comencinis La Storia (1986). Ihr Theaterdebüt hatte sie erst relativ spät, doch Stücke wie Süßer Vogel Jugend oder Die Glasmenagerie von Tennessee Williams zeigten ihre Vielseitigkeit. Bei allem Erfolg blieb ihr Herz immer bei Tunesien – sie war sozusagen Tunesierin im Herzen, Italienerin von Nationalität und Französin durch Erziehung, wie sie immer wieder in Interviews betonte.

Ihre Auszeichnungen sind zahlreich: David di Donatello für beste Hauptdarstellerin (Der Tag der Eule, 1968), Goldener Löwe für das Lebenswerk in Venedig (1993), Goldener Ehrenbär der Berlinale (2002) und das Großkreuz des Verdienstordens der Italienischen Republik (2018). Bis ins hohe Alter blieb sie aktiv – ihr letzter Film war 2022 L’Île du pardon. Claudia Cardinale starb am 23. September 2025 im Alter von 87 Jahren in Nemours, Frankreich. Nachrufe aus Italien, Frankreich und der ganzen Filmwelt würdigten sie als „unvergessliche Heldin“ des europäischen Kinos, das sich vor den Monumentalproduktionen Hollywoods nicht verstecken musste. 

Claudia Cardinale war nie nur die „Schönste“. Sie war die starke, geheimnisvolle, vielschichtige Frau, die das italienische Kino der Sechziger mit Leben füllte: Sinnlich, aber nie billig. Verletzlich, aber nie schwach. In einer Zeit, in der das Kino zwischen Neorealismus und internationalem Glamour schwankte, verkörperte sie beides. Ihre Filme bleiben zeitlos, weil sie selbst zeitlos war: die Löwin aus La Goulette, die die Leinwand eroberte und nie ganz verließ.

Simon von Ludwig


Maßgebliche Quellen: Cardinale, Claudia mit Anne Mori: Io Claudia, Tu Claudia – Il romanzo di una vita (1995) und ergänzende biografische Angaben aus Filmarchiven und Interviews

Beitragsbild: Claudia Cardinale 1964 am Flughafen Amsterdam Schiphol, © Nationaal Archief, Nijs, Jac. de / Anefo, Verwendung unter Creative Commons CC0


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