Im Laufe seines kurzen Lebens veröffentlichte er gerade einmal zwei Alben als Solokünstler, beeinflusste mit diesen Alben aber die Country-Musik wie kein anderer Musiker vor ihm. Es heißt, Gram Parsons habe in den Sechzigern und Siebzigern eine Brücke gebaut zwischen der traditionellen Country-Musik und der gerade aufkommenden Rock-Musikbewegung.
Trotz seiner kurzen Zeit auf der amerikanischen Musikbühne gilt Gram Parsons als einer der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts: Er wurde in eine wohlhabende Südstaaten-Familie hineingeboren und hatte zwar keine materiellen Sorgen, aber die Familie war von emotionaler Aufruhr geprägt.
In seinen frühen Teenagerjahren begann Gram Parsons, Gitarre zu spielen. Sein Vater, der Eigentümer einer Verpackungsfabrik war, hatte den Status einer lokalen Berühmtheit: Als Nebenjob sang er Country-Lieder. Die Faszination für die Country-Musik lag sozusagen in Gram Parsons Familie, wenn er auch kaum einen Bezug zu seiner Familie aufbauen konnte: Bereits in jungen Jahren verlor Parsons beide Elternteile. 

Die Kombination aus Elementen der Rock’n Roll- und der Folk-Musik ergab genau den musikalischen Cocktail, der ihn später so bekannt machte.

Der musikalische Cocktail

Als Gram Parsons ein Teenager war, zählte ohne Frage Elvis Presley zu seinen großen Idolen: Die in den Fünfzigern aufkommende Rock’n Roll-Bewegung übte großen Einfluss auf Gram Parsons’ musikalischen Werdegang aus. Die Kombination aus Elementen der Rock’n Roll- und der Folk-Musik ergab genau den musikalischen Cocktail, der ihn später so bekannt machte. Die Folk-Musik hat in den Südstaaten, wo Parsons ursprünglich herkam, eine lange Tradition. Das Country-Genre, dem Parsons’ Musik zugeordnet wird, ist ein Ableger der Folkmusik.
Der posthume Erfolg von Parsons Musik trug maßgeblich dazu bei, dass die Country-Musik ihren heutigen Stellenwert genießt: Andere Country-Sänger wie Emmylou Harris oder Nanci Griffith trugen das musikalische Erbe von Gram Parsons weiter, in dem sie sich der stilistischen Elemente aus Parsons’ Musik bedienten. 

Harvard – für vier Monate

Der Status seiner Familie ermöglichte es ihm, Harvard zu besuchen. Aus Harvard nahm er keinen Abschluss mit, sondern Freundschaften: Er traf dort die künftigen Mitglieder seiner Band The International Submarine Band.
Nach nur vier Monaten verließ Gram Parsons Harvard wieder und zog mit seiner Band nach New York City. Die Band wurde dort bekannt dafür, eine spezielle Art der Rockmusik zu spielen: Das Band-Repertoire hob sich von anderen Bands dadurch ab, dass sie auch moderne Country-Lieder spielten. Das fand nicht nur beim jüngeren Publikum Anklang: Auch ältere Generationen, denen der Rock’n Roll noch völlig fremd war, konnten so mit der Musik etwas anfangen, da die Band stilistische Elemente der Country-Musik verarbeitete.

The Byrds und Flying Burrito Brothers

Von 1967 bis 1968 war Gram Parsons für einige Monate Mitglied der US-amerikanischen Folk- und Country-Rock-Band The Byrds. Es wird unter anderem dem Einfluss von Gram Parsons zugerechnet, dass sich The Byrds mit der Zeit mehr in Richtung Folk-Musik entwickelten statt in die Richtung Rock-Musik. 

Parsons Bruch mit den Byrds soll offenbar dadurch begründet gewesen sein, dass er die Band nicht auf eine Tour durch Südafrika begleiten wollte: Parsons’ nächste Karrierestation befand sich in Kalifornien, wo er gleich die nächste Band gründete – die Flying Burrito Brothers.
Während Parsons ein Mitglied der Band war, veröffentlichte die Band zwei Alben: Bis heute sind beide Alben Musterexemplare für eine Fusion der Country-Musik mit „jugendlicheren“ Musikstilen wie dem Rock’n Roll. Country-Musik stand in den Fünfzigern und Sechzigern immer im Ruf, vor allem von Musikkennern älteren Semesters gehört zu werden und galt deswegen als weniger interessant für eine junge Zielgruppe. Die Band Flying Burrito Brothers bewies das Gegenteil: Es war durchaus möglich, mit Country-Musik eine junge Zielgruppe anzusprechen. Das war nicht nur wichtig für den Musiker, sondern auch für das Plattenlabel: Viele Labels erkannten Ende der Sechziger, dass man nicht nur mit der als erfolgssicher geltenden Popmusik Erfolge erzielen konnte. Fortan spielte die Country-Musik in den wirtschaftlichen Betrachtungen vieler Plattenlabels eine Rolle.

Parsons suchte Wege, die traditionsreiche Country-Musik mit der gerade jeweils nachgefragten Popmusik zu verknüpfen.

Rolling Stones

Doch nicht jedem Country-Sänger war es möglich, über den Tellerrand hinauszublicken und sich anderen Genres zu öffnen: Das Besondere an Gram Parsons war, dass er sich mit den aktuellen Musikbewegungen beschäftigte und Wege suchte, die traditionsreiche Country-Musik mit der gerade jeweils nachgefragten Popmusik zu verknüpfen.
1970 traf er Mick Jagger und Keith Richards von den Rolling Stones: Parsons hat nicht nur die Arbeit der Rolling Stones entscheidend beeinflusst, er hat ihnen einen ganzen Song überlassen.
Vierzig Jahre nach Parsons’ Tod äußerte der Bruder von Mick Jagger, dass Parsons Wild Horses verfasste, ein großer Hit für die Rolling Stones. Die Flying Burrito Brothers veröffentlichten den Song Wild Horses noch vor den Rolling Stones: Wer genau hinhört, wird beim Song auch die Handschrift von Gram Parsons erkennen. 

Solokarriere

Anfang der Siebziger realisierte Gram Parsons, dass er auch als Solokünstler erfolgreich sein könnte: Zu seinen Lebzeiten konnte er jedoch nur die Veröffentlichung eines Albums, seines Debütalbums GP, erleben. Sein zweites Album Grievous Angel, das unter anderem das Duett Love Hurts mit Emmylou Harris enthält, wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht.
Gram Parsons arbeitete mit Emmylou Harris für beide Alben zusammen: Bevor Harris durch ihre Zusammenarbeit mit Parsons Zugang zum Musikbusiness fand, sang sie in einer ominösen Folk-Bar in Washington, D.C. Harris’ und Parsons’ Stimmen harmonierten auf eine einzigartige Art und Weise: Das spiegelte sich in zahlreichen Duetten wider.
Harris sagte einst über ihren Freund Parsons, dass er missverstanden wurde. Er spiele zu viel Country für die Rocker, aber auf der anderen Seite passte er genauso wenig in das Establishment der „Hauptstadt der Country-Musik“, Nashville. Emmylou Harris fühlte sich nach dem Tod von Parsons dazu verpflichtet, seine Arbeit fortzuführen. 

Gram Parsons’ Tod ist Teil der Legende, die sich rund um seine Person entwickelte.

Brandon deWilde

Mitte der Sechziger hatte der Filmschauspieler Brandon deWilde (1942 – 1972) die Hoffnung, ins Musikgeschäft einzusteigen: Er fragte seinen Freund Gram Parsons, ob er ihm dabei helfen könnte. Die beiden nahmen gemeinsam das Lied Hickory Wind (1965) auf: DeWilde und Parsons hatten als Duo eine einzigartige Harmonie, die später nur noch vom Duo Harris-Parsons gesteigert werden konnte. Nachdem Brandon deWilde 1972 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, widmete Gram Parsons in seinem Lied In My Hour of Darkness die erste Strophe seinem Freund deWilde, indem er auf den tödlichen Verkehrsunfall anspielte.
Gram Parsons’ Tod ist Teil der Legende, die sich rund um seine Person entwickelte: Nach seinem Tod am 19. September 1973 folgten sein Manager und seine engsten Freunde der Anweisung, die er ihnen einst gegeben hatte: Sein Körper sollte verbrannt werden. Nachdem seine Freunde zunächst Parsons’ Leiche stehlen mussten, stellte sich heraus, dass seine Freunde in solchen Angelegenheiten keine Profis waren: Der Versuch, Parsons’ toten Körper in der kalifornischen Wüste zu verbrennen, schlug kläglich fehl. Schließlich wurden Parsons sterbliche Überreste – also das, was nach dem fehlgeschlagenen Einäscherungs-Versuch noch übrig war – in Louisiana begraben. 

Botschafter der Country-Musik

Nach seinem Tod entwickelte sich ein Mythos rund um Gram Parsons und seine Musik: Nach seinem Tod war sein Musikstil erfolgreicher als zu seinen Lebzeiten. Obwohl er als Solokünstler „nur“ zwei Alben veröffentlichte, ebnete er den Weg für viele weitere Country- und Folk-Musiker: Nach Parsons Tod profitierten viele Country-Sänger davon, dass Country und Rock’n Roll seit dem Musikphänomen Gram Parsons keine Gegensätze mehr waren. Mit Gram Parsons als Botschafter hatte die Country-Musik den Sprung in die moderne Musikwelt geschafft und wurde nicht nur von älteren Generationen angehört, sondern auch von jüngeren Musikhörern, die sich normalerweise nur für die jeweils aktuelle Pop-Musik interessierten.
Mit den zahlreichen Mythen und Geschichten, die sich rund um seinen Tod entwickelten, sorgt Gram Parsons auch heute noch für reichlich Gesprächsstoff: Gram Parsons war ein Musiker, der trotz seines kurzen Lebens von gerade einmal 26 Jahren Musikgeschichte schrieb wie selten ein Musiker vor ihm. 

Simon von Ludwig


Beitragsbild: © Simon von Ludwig

Als Quelle diente unter anderem Gram Parsons‘ Eintrag bei der Enzyklopädie musicianguide.com


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