Dieser Artikel erscheint anlässlich des Todes von Burt Bacharach am 8. Februar 2023.

Marlene Dietrich sagte einst, als sie den Komponisten Burt Bacharach dem Publikum vorstellte, er sei nicht ihr Komponist, sondern jedermanns Komponist: Das Vermächtnis von Bacharach umfasst unzählige Werke der Pop-Musik und ist einmalig in der Musikwelt. Der Name Bacharach rührt vom rheinland-pfälzischen Bacharach am Rhein, wo ein Teil seiner Familie vor der Auswanderung in die USA ursprünglich herkam.
Seine musikalische Inspiration fand Burt Bacharach bei Komponisten der Klassischen Musik: Für den Komponisten Bacharach diente unter anderem Maurice Ravel als Inspiration.
Seine Mutter konnte Klavier nach Gehör spielen: In seinen Memoiren schreibt Bacharach, er habe, als er noch sehr jung war, in New York den damals noch unbekannten Leonard Bernstein in einem Doppeldecker-Bus getroffen. Bacharach wuchs in New York auf und war damit am musikalischen Puls der Zeit: Es dauerte nicht lange, bis seine Familie auf die Idee kam, dass Burt Bacharach eines Tages mit der Musik seinen Lebensunterhalt verdienen könnte: Zwar sagte seine Mutter immer zu ihm, sie wünsche sich, dass er die Musik nur als Hobby wahrnahm, doch sie ließ sich bald vom Gegenteil überzeugen. 

Eine Stimme, die etwas mehr als eine Oktave umfasste…

Marlene Dietrich spielte in Burt Bacharachs Karriere eine entscheidende Rolle: Als Marlene den jungen Bacharach für ihre Konzerte engagierte, war der Komponist Bacharach noch ein unbeschriebenes Blatt. Er hatte eine musikalische Ausbildung absolviert, während der er beim französischen Komponisten Darius Milhaud
(1892 – 1974) studierte, bei den US-amerikanischen Streitkräften gedient und seine ersten Verbindungen ins Showbusiness geknüpft.
Zunächst war Bacharach eingeschüchtert von der Präsenz Marlene Dietrichs: Als ausgebildeter Musiker befand sich Bacharach jedoch in der Position, Marlene zu coachen und ihr Tipps zu geben, wie sie ihren Gesang verfeinern konnte und bestmöglich auf das Publikum wirken konnte.
In seinen Memoiren beschreibt Burt Bacharach, dass Marlene Dietrichs Stimme etwas mehr als eine Oktave umfasste: Der Komponist stand vor der Herausforderung, Arrangements und Orchestrierungen zusammenzustellen, die zur Stimme Dietrichs am besten passen würden. 

Ein Hollywood-Star aus der Blütezeit der Welthauptstadt des Filmes fing nun an, auf der Bühne zu swingen.

Marlene Dietrich swingt

Die Schauspielerin brachte in die gemeinsame Arbeit mit dem Komponisten Bacharach ein großes musikalisches Erbe mit: In ihrem Repertoire befanden sich zahlreiche Songs aus ihrer Zeit mit dem Regisseur Josef von Sternberg in den 1930ern wie Ich bin die fesche Lola oder Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, zu denen Bacharach neue Arrangements verfasste und sie dem Zeitgeist der Fünfziger und Sechziger anpasste.
Nicht selten kam es vor, dass Bacharach den Part des Pianisten während der Dietrich-Konzerte übernahm: Er tat dies in dem Gedanken, einen Swing-Touch in die Musik hereinzubringen, der vom Publikum damals sehr geschätzt wurde. Ein Hollywood-Star aus der Blütezeit der Welthauptstadt des Filmes, der auf der Leinwand immer so unnahbar erschien, stand nun vor dem Publikum und fing an, zu swingen: Solche Kontraste waren unter anderem das Geheimnis der Bühnenmusik von Burt Bacharach. 
Bacharach fügte außerdem dem Bühnenrepertoire Marlene Dietrichs einige amerikanische Klassiker hinzu, darunter You’re The Cream in my Coffee oder Makin’ Whoopee

Auf Tour

In seinen Memoiren beschreibt Burt Bacharach eine besondere Begebenheit, als er mit Marlene Dietrich für ein Konzert nach Israel ging: Dort galt damals Anfang der Sechziger noch die eiserne Regel, dass auf der Bühne keine deutschsprachigen Lieder gespielt werden durften.
Marlene entschloss sich trotzdem, an jenem Abend neun Lieder auf deutsch zu singen – sie hatte den Status, das tun zu können, ohne einen öffentlichen Aufschrei zu provozieren. Ein paar Wochen zuvor hatte man bei einer Aufführung der Zweiten Symphonie von Gustav Mahler die Chorpassagen auf englisch statt auf deutsch gesungen, um einem Eklat aus dem Weg zu gehen.
Bacharach beschreibt dieses Konzert als eines der emotionalsten Ereignisse seiner Karriere – der Damm zwischen zwei Völkern sei an jenem Abend gebrochen, wie Burt Bacharach es ausdrückte. 

Burt Bacharach gelang in musikalischer Hinsicht das, was Josef von Sternberg in darstellerischer Hinsicht gelang.

Besonders eindrucksvoll ist Bacharachs Arrangement von Sag mir, wo die Blumen sind: Der Komponist ging an die Grenze des musikalisch Machbaren, um die Max Colpet-Übersetzung des Pete Seeger-Klassikers zu untermalen. Ab einer bestimmten Stelle im Lied hört man so zum Beispiel Geigen, deren Klang an Artilleriefeuer erinnert.
Es heißt, Burt Bacharach sei in musikalischer Hinsicht das gelungen, was dem Regisseur Josef von Sternberg in darstellerischer Hinsicht gelang: Das einmalige Phänomen Marlene Dietrich bestmöglich in Szene zu setzen.

Dionne Warwick

Ohne Frage wurde Burt Bacharach erst durch seine Zusammenarbeit mit Marlene Dietrich zu einem bekannten Komponisten: Zu Beginn seiner Zusammenarbeit mit der Schauspielerin war er ein unbekannter Künstler, am Ende der Zusammenarbeit Mitte der Sechziger war er ein begnadeter Unterhaltungskomponist.
Marlene Dietrich wollte nie, dass ihre Zusammenarbeit mit Bacharach endet: Doch je bekannter Bacharach wurde, desto klarer zeichnete sich ab, dass er eines Tages neue Wege gehen würde – ohne Marlene.
Ab 1962 begann Burt Bacharach gemeinsam mit dem Liedtexter Hal David für die US-amerikanische R&B-Sängerin Dionne Warwick Lieder zu verfassen: Der Höhepunkt von Bacharachs Arbeit für Warwick war ohne Frage der Hit Anyone Who Had a Heart, zu dem Bacharach die Musik und Hal David den Text verfasste. 

Es war das Geheimnis von Bacharachs Musik, dass die Musik praktisch von allen Generationen gehört wurde, alt wie jung. 

Filmmusik

Ab Mitte der Sechziger begann Burt Bacharach, Filmmusik zu verfassen: Bei einer Reise nach Los Angeles wollte er lernen, wie man Filmmusik schreibt und traf dort die Schauspielerin Angie Dickinson wieder, die er bereits zuvor in New York kennengelernt hatte.
Dickinson unterstützte Bacharach fortan in seinem Vorhaben, Filmmusik zu verfassen: Eine seiner ersten Filmmusiken verfasste Burt Bacharach für den Film Was gibt’s Neues, Pussy? [What’s New Pussycat, 1965] mit Peter Sellers und Peter O’Toole in den Hauptrollen.
Weitere Soundtracks verfasste Bacharach zu Zwei Banditen [Butch Cassidy and the Sundance Kid, 1969] mit Paul Newman und Robert Redford in den Hauptrollen und der James Bond-Parodie Casino Royale (1967), in der unter anderem David Niven mitspielte.
Bacharach formulierte in seinen Memoiren, er habe den Höhepunkt seiner Karriere zu einer Zeit gefeiert, als niemand, der unter 25 Jahre alt war, die Musik gerne hören wollte, die seinen Eltern gefiel: Es war das Geheimnis von Bacharachs Musik, dass die Musik praktisch von allen Generationen gehört wurde, alt wie jung. 

Raindrops Keep Fallin’ On my Head

Bacharachs Komposition Raindrops Keep Fallin’ On my Head (Text: Hal David), die er zum Film Zwei Banditen komponierte, passte wenig in den damaligen musikalischen Zeitgeist, dafür aber umso mehr in den geschichtlichen Kontext der Filmhandlung, die sich in den 1890ern abspielt: Der Präsident von Twentieth Century Fox musste die Führungskräfte bei den Studios überzeugen, das Lied Raindrops Keep Fallin’ On my Head im Film zu behalten: Man hatte Angst, das Lied sei zu unkonventionell und würde vom Publikum nicht verstanden werden. Doch Bacharachs Instinkt für das, was die Menschen gerne hören wollten, war richtig: Raindrops Keep Fallin’ On my Head wurde zu einem großen Hit, der auch ohne den Kontext der Filmhandlung angehört wurde. Das Geheimnis jenes Songs ist, dass er nicht die Kriterien typischer Pop-Musik der damaligen Zeit erfüllt, sondern musikhistorisch in das Ende des 19. Jahrhunderts eingeordnet werden kann. Das minderte die Faszination der damaligen Musikhörer keineswegs: Raindrops Keep Fallin’ On my Head ist bis heute einer von Bacharachs größten Erfolge. 

Weltkomponist

Burt Bacharach beeinflusste die Popmusik wie kaum ein anderer Komponist seiner Generation: Während seiner künstlerischen Hochphase, in der er hauptsächlich mit dem Liedtexter Hal David zusammenarbeitete, verfasste er die Musik zu Welthits wie I Say a Little Prayer, das durch die Stimme Aretha Franklins weltbekannt gemacht wurde.
Zu weiteren Interpreten seiner Musik zählen unter anderem Rod Stewart (That’s What Friends Are For, 1985) und The Carpenters mit (They Long to Be) Close To You (1970).
Ohne Marlene Dietrich hätte Burt Bacharachs Karriere wohl kaum den gleichen Lauf genommen: Marlene erkannte früh das Potenzial, das in dem Komponisten steckte und zeigte ihm während der gemeinsamen Tourneen die Welt, von Rio de Janeiro bis Warschau: Zwar spielte er mit Dietrich auf der Bühne immer das selbe Programm, doch er begegnete den unterschiedlichsten Musikkulturen. Das schulte Bacharachs musikalischen Instinkt, für den er später so bekannt wurde. 

Simon von Ludwig


Maßgebliche Quelle: Bacharach, Burt: Anyone Who Had a Heart, 2013 HarperCollins

Beitragsbild: Ein Straßenbild in Bacharach am Rhein, © Simon von Ludwig


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