Für viele Menschen ist sie ein Lebensgefühl: Die Jeans. In jedem Fall stellt sie heutzutage einen Alleskönner unter den Hosenarten dar: Die meist indigoblaue, aus Denim-Stoff gefertigte Hose ist aus der Mode nicht wegzudenken. Im Alltag gibt es wenige Anlässe, in denen eine klassische Jeans kein passendes Kleidungsstück wäre: Man kann sie beinahe mit jedem Kleidungsstück kombinieren und sie gilt als sehr robuste Hosenart. Oftmals lässt es sich kaum zurückverfolgen, auf wen die Erfindung eines bestimmten Kleidungsstücks zurückgeht – bei der Jeans allerdings schon.
Alles begann mit einem Unternehmer namens Levi Strauss, der ursprünglich aus Oberfranken in Bayern stammte: Dort wurde der später sehr erfolgreiche Textilunternehmer als Löb Strauß 1829 geboren. Damals war es für viele Menschen eine verlockende Möglichkeit, in die Vereinigten Staaten auszuwandern: Oftmals boten sich dort mehr Chancen und Perspektiven für die Zukunft. Die Familie von Levi Strauss wanderte 1847, Levi war kaum 20 Jahre alt, in die USA aus.
Levis ältere Stiefbrüder hatten einen Bekleidungsladen an der New Yorker East Side – dort lernte der junge Unternehmer die englische Sprache und machte sich vertraut mit dem Geschäftsgebaren. 

Es ist davon auszugehen, dass sich aus serge de Nîmes im Laufe der Zeit die Bezeichnung Denim für den klassischen Jeansstoff entwickelte. 

Serge de Nîmes

In New York gab es damals schon zahlreiche große Warenhäuser und Bekleidungsgeschäfte – der junge Levi erkannte schnell, dass er in einen anderen Teil der USA gehen musste, um großen geschäftlichen Erfolg zu erzielen…
Die Stadt San Francisco war Mitte des 19. Jahrhunderts noch lange nicht der Ort, den man heute kennt: Damals lösten Goldfunde in der Stadt einen großen Goldgräber-Boom aus, die Stadt war darüber hinaus geprägt von Kriminalität. Dort gründete Levi Strauss ein Geschäft, das sich auf Kleidung und Haushaltswaren, insbesondere aber Hosen aus Zeltstoff, spezialisierte. Levi fertigte seine Hosen deshalb aus Zeltstoff, um für die Goldgräber in San Francisco besonders robuste Beinkleider herzustellen: Die Goldgräber konnten es nicht gebrauchen, dass ihre Hosen aus herkömmlichem Stoff alle paar Tage zerfetzt waren. Doch Zeltstoff war keine optimale Lösung für die Herstellung von robusten Hosen: Bald schon stieß man im Unternehmen von Levi Strauss auf einen Stoff, der auf Baumwolle basierte und ursprünglich aus Genua stammte. Die französische Bezeichnung für Genua lautet Gênes – von Gênes soll sich das Wort Jeans ableiten. Gefertigt wurde der Stoff aber nicht direkt in Genua, sondern in kleinen Webereien in der französischen Stadt Nîmes: Man bezeichnete das Gewebe als serge de Nîmes (deutsch: „Gewebe aus Nîmes“). Es ist davon auszugehen, dass sich aus serge de Nîmes im Laufe der Zeit die Bezeichnung Denim für den klassischen Jeansstoff entwickelte. 

Patent: Nieten statt Nähte

Mittlerweile war Levi Strauss in San Francisco zu einem sehr erfolgreichen Geschäftsmann avanciert: 1870 besaß er ein vierstöckiges Kaufhaus und hatte es zu großem Wohlstand gebracht. Der aus Frankreich importierte Denim-Stoff wurde mittlerweile standardmäßig für die Herstellung von robusten Hosen verwendet. Es fehlte lediglich noch ein entscheidendes Merkmal, das eine typische Jeans bis heute auszeichnet: Die Nieten, das eigentliche Erfolgsgeheimnis der Jeans. Der eingewanderte Unternehmer Jacob Davis hatte die Idee, Nieten zu verwenden, um die Hose an den Stellen mit der meisten Belastung zusammenzuhalten. Besonders in der Region der Taschen, die von Goldgräbern tagtäglich verwendet wurden, waren die Hosen damals sehr schnell abgenutzt und nicht mehr zu gebrauchen. Statt klassischen Nähten verwendete man nun Nieten an Belastungspunkten, um die Jeans noch robuster zu machen. Da der Unternehmer Jacob Davis keinerlei Mittel hatte, um ein Patent anzumelden, meldete Levi Strauss das Patent 1873 an. Damit war die klassische Jeans, wie man sie heute kennt und schätzt, geboren. 
Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte man die Jeans immer weiter: Die heute unverzichtbaren Gürtelschlaufen führte man 1922 ein, ab Mitte der Fünfziger kamen Reißverschlüsse statt Knöpfen als Verschluss zum Einsatz – allerdings gibt es auch heute noch Modelle, die mit einer Knopfleiste verschlossen werden. 

So gibt es schwarze Hosen, die wie Anzughosen aussehen, aber mit Vernietungen an den Taschen verarbeitet sind. 

Die Jeans: Nicht gesellschaftsfähig?

Hollywood-Legenden wie James Dean trugen ebenfalls Jeans: Im Filmdrama …denn sie wissen nicht, was sie tun [Rebel Without a Cause, 1955] trug Dean ein klassisches Jeans-Modell von Levi Strauss.
Dass James Dean in jenem – rebellisch angehauchten – Film eine Jeans trug, war kein Zufall: Mitte des 20. Jahrhunderts war die Jeans noch lange nicht in der Gesellschaft akzeptiert und galt eher als Symbol einer rebellischen Jugend denn des Establishments. Am Set vom Western Misfits – Nicht gesellschaftsfähig [The Misfits, 1961], Marilyn Monroes letztem Hollywood-Film, trug Monroe ebenfalls eine Jeans – in gewisser Hinsicht passt dieser Filmtitel zum damaligen Image der Jeans: Jeans waren noch nicht wirklich gesellschaftsfähig, zwar schätzten sie alle ob ihrer Bequemlichkeit, doch viele Menschen wollten sie einfach nicht akzeptieren. Es war noch nicht allzu lange her, da war die Jeans noch ein Symbol der schuftenden Goldgräber, die oftmals vergeblich nach Wohlstand lechzten. Außerdem sollte festgehalten werden, dass die Jeans damals ein sehr eng definierter Begriff war: Eine Jeans meinte damals meist eine indigoblaue, mit Nieten versehene und oftmals recht eng anliegende Hose, die sich deutlich von der klassischen Hose aus Wolle oder ähnlichen Materialien abhob. Heute ist die Begrifflichkeit Jeans ein wenig verschwommen: Oftmals wird das Wort Jeans gar synonym für Hose verwendet. Das mag vielleicht auch daher kommen, weil manche Jeans-Hersteller Elemente einer klassischen Hose mit Jeans-Elementen wie Nieten an den Hosentaschen verbinden. So gibt es schwarze Hosen, die wie Anzughosen aussehen, aber mit Vernietungen an den Taschen verarbeitet sind. 

Von Arbeitshose bis Anlassmode 

Über die letzten Jahrzehnte ist die Jeans mit der klassischen Hose in gewisser Hinsicht verschmolzen: Dass die Jeans ursprünglich auf einen Textilunternehmer aus Bayern zurückgeht, der das Patent eines eingewanderten Unternehmers übernahm, mag heute vielleicht überraschen. In Deutschland brauchte die Jeans besonders lange, bis sie von der breiten Masse akzeptiert wurde: Heute ist sie auch in Deutschland, wie in fast jedem Fleck der Erde, aus der Alltagsmode kaum mehr wegzudenken. Das liegt hauptsächlich daran, dass die verschiedenen Schnitte, Farben und sonstigen äußerlichen Merkmale von Jeans schier unendlich sind: Wer eine Jeans sucht, die aussieht, wie eine Arbeitshose, wird schnell fündig. Wer sich hingegen umsieht nach einer Jeans, die einen eleganten Eindruck machen soll und trotzdem robust ist, wird ebenfalls fündig. Was einst das Symbol einer rebellischen Jugend war und von Leinwandlegenden wie James Dean oder Marlon Brando als Symbol einer neuen Generation eingeführt wurde, ist heute ein unverzichtbarer Teil der alltäglichen Mode.
Ob Levi Strauss das geahnt hat, als er in den 1870ern eine robuste Arbeitshose für Goldgräber erfand?

Simon von Ludwig


Beitragsbild: © Simon von Ludwig


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