„Ein ewiges Rätsel will ich bleiben mir und anderen (…)“ schrieb Ludwig II. von Bayern 1876 an die Schauspielerin Marie Dahn-Hausmann. Bis heute ist König Ludwig II. weit über die Landesgrenzen Bayerns hinaus bekannt und beschäftigt zahlreiche Geschichtsforscher. Nicht ohne Grund gab man Ludwig II. den Beinamen Märchenkönig: Zu Ludwigs Zeiten war die Macht des bayerischen Monarchen bereits dahingeschwunden. Durch die bayrische Verfassung von 1818 war das Königreich Bayern zur konstitutionellen Monarchie geworden.

„Der politische Führungsanspruch des Monarchen (…) wurde während der Regentschaft Ludwigs immer mehr zur Fiktion.“

Das schreibt Oliver Hilmes in seiner Ludwig-Biographie. 

Schöpfer bayerischer und deutscher Kultur

Für den schwindenden Einfluss des Monarchen brauchte es einen Ausgleich: Ludwig II. überließ das Führen des Königreichs Bayern den ausführenden Beamten seines Cabinets und konzentrierte sich dafür umso mehr auf die „schönen“ Aspekte des Lebens: Die Kultur, in all ihren Formen.
Ludwig II. führte nicht nur regelmäßig Korrespondenz mit Kulturschaffenden wie der Schauspielerin Marie Dahn-Hausmann, er trug selbst zur Schöpfung und Weiterentwicklung bayerischer und deutscher Kultur bei. 

Einige der wichtigsten Aspekte seiner Kulturbegeisterung sind bis heute erhalten geblieben: Seine Schlösser. 

Richard Wagner

Fünf Wochen nach seiner Thronbesteigung am 10. März 1864 lernte Ludwig II. Richard Wagner kennen: Der Komponist musste hoch verschuldet aus Wien fliehen und sein Aufenthaltsort war nun unbekannt. Ludwig II. bat einen Gesandten, den Komponisten aufzuspüren. Mithilfe von königlichen Mitteln beglich Ludwig II. alle Schulden Wagners und ermöglichte dem Komponisten einen gehobenen Lebensstil. König Ludwigs Ziel war es, „das Münchener Publikum durch Vorführungen ernster, bedeutender Werke (…) in eine gehobenere, gesammeltere Stimmung  versetzen (…) und es so vorzubereiten auf die Wunder [der] Werke [Richard Wagners] (…).“ 

Richard Wagner in Paris 1861, Public Domain, Wikimedia Commons

Verlorene Souveränität

Zwischen 1864 und 1883 wechselten Richard Wagner und Ludwig II. knapp 600 Briefe, Depeschen und Gedichte. In einem dieser Briefe entwarf Ludwig 1868 seine Pläne für ein neues Schloss, das zu seinem bevorzugten Herrschaftssitz avancieren sollte: Es handelte sich dabei um Schloss Neuschwanstein.
Nach dem Sieg Preußens im preußisch-österreichischen Krieg von 1866 schlossen die bayerischen Bevollmächtigten mit Preußen einen Vertrag, der die Souveränität des Königreich Bayerns nicht ausdrücklich garantierte. Dies war gegen die Anweisungen Ludwigs – für ihn stand die Souveränität an erster Stelle. Für Bayern, das auf der Seite Österreichs kämpfte, war es somit eine doppelte Niederlage. 

Schloss Neuschwanstein

Ludwig II. war in seiner Souveränität gefährdet: Als Kompensation beauftragte König Ludwig 1868 die Erbauung des Schlosses Neuschwanstein. Neuschwanstein ist die Wiedererbauung zweier mittelalterlicher Burgen. Das Schloss enthält Anspielungen an Bühnenbilder Richard Wagners – darunter Tannhäuser und Lohengrin. Die Faszination für mittelalterliche Bauten erbte er von seinem Vater Maximilian II.: Dieser hatte 1832 das unweit von Neuschwanstein gelegene Schloss Hohenschwangau restaurieren lassen – Ludwig verbrachte in Hohenschwangau einige Zeit und entwickelte dort sein Faible für mittelalterliche Bauten. 

Das Raumprogramm des Thronsaals in Neuschwanstein entwarf Ludwig II. selbst.
Schloss Neuschwanstein ist heute eines der bekanntesten Schlösser der Welt: Aus aller Welt reisen Menschen an, um es zu besichtigen. 

Schloss Neuschwanstein 2013, © Kidora, Wikimedia Commons

Das Geheimnis hinter dem Mythos Neuschwanstein

Weshalb ist Schloss Neuschwanstein bis heute so attraktiv? Zum Einen ist es die Lage des Schlosses. Im südöstlichen bayrischen Allgäu gelegen, ergibt sich in südlicher Richtung ein Blick auf die Alpen und in nördlicher Richtung ein Blick in die oberbayerische Tiefebene. Es ist der Kontrast zwischen diesen beiden Landschaften, von dem Neuschwanstein lebt. Außerdem ist es der Nachhall einer längst vergangenen Zeit, von dem das bayerische Schloss lebt. Ludwig II. war der letzte große Vertreter einer monarchischen Regierungsform – Monarchien, egal ob in der Vergangenheit oder im Jetzt, erwecken die Faszination vieler Menschen. Trotz seiner Machtlosigkeit in politischen Belangen war Ludwig II. noch die Möglichkeit gegeben, als Bauherr aktiv zu sein. 

Schloss Herrenchiemsee

Ludwigs Tätigkeit als Bauherr spiegelte sich auch in der Erbauung des Schlosses Herrenchiemsee auf der Herreninsel im Chiemsee wider. Ähnlich wie in Neuschwanstein gab es auch hier Reste einer mittelalterlichen Befestigungsanlage.
Doch es war nicht Ludwigs Absicht, Herrenchiemsee im mittelalterlichen Stil zu errichten: Als Vorbild für die Errichtung des Neuen Schlosses, wie Herrenchiemsee auch genannt wurde,diente das Schloss Versailles. Es waren zwei Räume, die zu Beginn auf der Herreninsel gebaut wurden: Das Paradeschlafzimmer und die Spiegelgalerie – auf Grundlage dieser beiden Räume wurde das Schloss Herrenchiemsee errichtet. Die Spiegelgalerie ist mit fast 100 Metern Länge größer als jene des Vorbilds in Versailles. 

„Und wenn wir beide längst nicht mehr sind, wird doch unser Werk noch der späteren Nachwelt als leuchtendes Vorbild dienen, das die Jahrhunderte entzücken soll, und in Begeisterung werden die Herzen erglühen für die Kunst, (…) die ewig lebende!“

Diese Worte richtete Ludwig II. 1865 an Richard Wagner. Seine Vorhersage traf zu: Richard Wagners Werke sind heute noch stilprägend in der Welt des Theaters und der Oper. Ludwig II. ging als Märchenkönig in die Annalen ein, dessen Schlösser bis heute wesentlicher Bestandteil des Mythos um seine sagenumwobene Person sind. 

Simon von Ludwig

Maßgebliche Quellen: Rall, Hans & Petzet, Michael: „König Ludwig II. – Wirklichkeit und Rätsel“, 2005 Verlag Schnell & Steiner & Hilmes, Oliver: „Ludwig II. – Der unzeitgemäße König“, 2013 Siedler Verlag

Beitragsbild: König Ludwig II. in der Uniform eines Generalfeldmarschalls und in seiner Krönungsrobe, © Ludwig II of Bavaria, Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

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