«In einer Nacht, in der ich vergeblich Schlaf suchte, las ich ein Buch von Hemingway, DIE GRÜNEN HÜGEL AFRIKAS. Er schildert darin seine Eindrücke, die er bei seiner ersten Safari in Ostafrika hatte, so faszinierend, daß ich hellwach wurde. Bis zum Morgengrauen hatte ich das Buch ausgelesen. Besonders stark blieb ein Satz in mir haften, den Hemingway in der ersten Nacht, die er in Afrika in seinem Zelt verbrachte, in sein Tagebuch schrieb: ‚Als ich nachts aufwachte, lag ich lauschend da, bereits voller Sehnsucht, nach Afrika zurückzukehren.‘»

Leni Riefenstahl, im Vorwort zum ersten Nuba-Bildband

Mit diesen Worten beginnt der erste Bildband, der Leni Riefenstahl den Nuba widmete. Die Nuba waren ein indigener ostafrikanischer Stamm, der in den Nuba-Bergen lebte. Die Nuba-Berge liegen im Bundesstaat Süd-Kordofan, der sich im Süden des Sudan befindet.
Heute gibt es zwar immer noch ein Volk, das sich Nuba nennt, deren Lebensstil aber wenig Ähnlichkeiten mit dem der „Riefenstahl-Nuba“ aufweist.

Die letzten Nuba

Die beiden Bildbände, die Riefenstahl dem Volk der Nuba widmete, sind Zeugnis einer Kultur, die es in dieser Form schon wenige Jahre nachdem Riefenstahl sie besucht hatte, nicht mehr gab.
Ursprünglich plante Riefenstahl, einen Film über den modernen Sklavenhandel zu drehen – als sie die Pläne schmiedete, sich zum ersten Mal in ihrem Leben nach Afrika aufzumachen, wusste sie von den Nuba noch gar nichts. Das Filmvorhaben konnte allerdings wegen eines schweren Unfalls, bei dem sie sich schwer verletzte, nicht in die Tat umgesetzt werden.
Nach einem langen Krankenhausaufenthalt entdeckte Leni in einer Ausgabe des STERN eine Photographie des bekannten Photographen George Rodger, auf dem ein muskulöser Nuba-Ringkämpfer, getragen von einem Freund, abgebildet ist. Dieses Bild machte auf die Photographin Leni Riefenstahl solch einen Eindruck, dass sie sich schon bald auf die Suche nach den letzten Nuba machte …

Die Masakin Qisar

Nach langen Recherchen und vielen Entmutigungen – selbst von offiziellen Stellen erhielt Riefenstahl keine Auskünfte, wo noch Nuba fernab der Zivilisation lebten – erfüllte sich am 16. Dezember 1962 Leni Riefenstahls Sehnsucht: Mit den anderen Expeditionsteilnehmern der Deutschen-Nansen-Gesellschaft, der sich Riefenstahl angeschlossen hatte, geriet sie nach wochenlanger Suche mitten in ein Nuba-Ringkampffest.
Die meisten Nuba, die Leni Riefenstahl hier in den nächsten Wochen kennenlernte, gehörten dem Stamm Masakin Qisar an. Dieser Stamm lebte fernab der Zivilisation, was darin begründet lag, dass damals durch ihr Gebiet im Süden der Provinz Kordofan noch keine Straße verlief. So kam es, dass die meisten Nuba, mit denen sie in Kontakt kam, noch nie einen Europäer gesehen hatten.

Es war der Blick in eine Welt, die vor tausenden von Jahren wohl genauso existiert hatte, wie Riefenstahl sie damals wahrnahm: Fernab der Zivilisation führten die Masakin Qisar einen Lebensstil, der für die moderne, von Fortschritt geprägte Welt äußerst fremd erscheint.
Leni Riefenstahl war das Medium für jene 8.000 Masakin-Nuba, die zwar von dem Fortschritt der Zivilisation wussten, ihn aber damals noch bewusst ablehnten.
Um ihrer Rolle als Medium gerecht zu werden und das Leben der Ureinwohner dokumentarisch festzuhalten, erlernte Riefenstahl die Sprache der Masakin – die keiner indigenen Sprache in Ostafrika gleicht – und fertige für ihren Bildband ein kleines Wörterbuch an.
So erfährt man, dass «mak» Häuptling bedeutet und als «kaduma» ein angesehener Ringkämpfer bezeichnet wird – es ist der Traum eines jeden kleinen Nuba-Jungen, eines Tages zum starken Ringkämpfer heranzuwachsen. Die entsprechende Ausbildung zum Ringkämpfer erhält er dann im «noppo», einem Hirtenlager.

Typische Gesichtsbemalung der Nuba
Charakteristische Gesichtsbemalung der Nuba, © Rita Willaert, entnommen aus Wikimedia Commons

Der Alltag der Nuba

Die Fotos des ersten Bildbandes, die zwischen 1962 und 1969 entstanden, sprechen eine eigene Sprache: Mithilfe ihrer Kamera hielt Leni Riefenstahl all das fest, was für die Nuba von Bedeutung war: Das Abernten der Felder, die oft mit Durahirse bepflanzt waren, von der sich die Nuba hauptsächlich ernährten. Die Ringkampfkultur, die im Leben der Nuba eine große Rolle spielte und zahlreiche andere kultische Bräuche, die den Alltag der Nuba bestimmten.
Da sie auf ihren Expeditionen den Forscher Rolf Engel bei sich hatte, der zur Landwirtschaft der Nuba Forschungen anstellte, erhält man auch Einblicke in einen Lebenskreislauf, den die Nuba seit Jahrhunderten entwickelten und perfektionierten.

Für den heutigen Betrachter mögen die Bilder des ersten Bandes alleine schon deshalb befremdend wirken, weil die Nuba zu dieser Zeit keinerlei Kleidungsstücke trugen – etwas, das, so Riefenstahl, den afrikanischen Regierungen mit Blick auf alle Eingeborenenstämme ein Dorn im Auge war.

Als Riefenstahl die Nuba in den Siebzigern erneut besuchte, erlebte sie eine Enttäuschung.
Ihre schlimmsten Befürchtungen sollten sich bewahrheiten, wie sie in ihrem zweiten Bildband dokumentierte…

Simon von Ludwig | Mehr Artikel über Leni Riefenstahl

Beitragsbild: Leni Riefenstahl im Jahr 1935, entnommen aus Wikimedia Commons

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